Sie staunt auch ganz zuoberst noch

Jolanda Annen ist in diesem Jahr in der Triathlon-Weltklasse angekommen. Ihre Trainer glauben, dass sie die nächste Schweizer Olympiasiegerin sein könnte.

Heimspiel am Urnersee: Jolanda Annen (25) im Strandbad in Seedorf, wo jeweils der Uri Triathlon stattfindet. Foto: Raisa Durandi

Heimspiel am Urnersee: Jolanda Annen (25) im Strandbad in Seedorf, wo jeweils der Uri Triathlon stattfindet. Foto: Raisa Durandi

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Die Situation irritiert Jolanda Annen immer noch. Sie ist nicht mehr eine unter vielen. Sie gehört zu den allerbesten Triathletinnen der Welt. War 2017 besser als viele Konkurrentinnen, die sie als klar stärker einschätzt. Am Sonntag wird ihr diese paradoxe Situation das nächste Mal vor Augen geführt. In Rotterdam findet der Grand Final statt, das Schlussrennen der WM-Serie. Dieses Jahr waren nur neun Triathletinnen auf der Olympischen (1,5 km Schwimmen, 40 km Radfahren, 10 km Laufen) und der Sprint-Distanz (Hälfte der Olympischen) stärker als die 25-jährige Urnerin.

Dabei war Annen noch vor neun Jahren reine Hobbysportlerin: Wöchentlich drei Schwimmtrainings im SC Altdorf. Dazu regelmässige Bikeausfahrten mit dem Coucousin, der sie später förderte und heute auch managt. Wanderungen mit der Familie. Das wars.

Als sie mit Swiss Triathlon erstmals auf die Leichtathletikbahn ging, fragte sie der Trainer: «Was ist deine 400-Meter-Bestzeit?» Sie schaute ihn nur ratlos an.

Oberalppass, Sommer 2008. Abschlussprojekt der Sekundarschule: Hobbyschwimmerin Annen hat sich etwas Spezielles ausgedacht. Die 16-Jährige möchte erstmals einen Triathlon absolvieren. Im Altdorfer Hallenbad schwimmt sie 6 Kilometer, radelt dann mit dem Mountainbike die 36 Kilometer hoch nach Andermatt, von wo sie auf den Oberalppass läuft. Ein Schlüsselerlebnis: «Danach wusste ich: Ich möchte Triathlon machen.»

Annens Aufstieg hat etwas Surreales, ist eine jener Geschichten, die der Sport auch heute noch zu schreiben vermag. In einem Zeitalter, in dem dieser im Spitzenbereich gerne verwissenschaftlicht wird, in jungen Athletenjahren schon, in dem die Lust an der Bewegung, die Freude am Sport an sich, in den Hintergrund rückt, manchmal gar verloren oder zumindest vergessen geht.

Der Sommer ist an diesem Tag noch präsent, als sie zum Termin im Strandbad von Seedorf erscheint. Sie hat den Ort ausgewählt, weil sich hier die Schönheit des Urnerlands zeigt. Zudem ist es der Austragungsort des Uri Triathlon. Natürlich hat sie den auch heuer gewonnen.

Jener Heimsieg ist aber nicht der Grund, warum sie eineinhalb Stunden aus ihrem Leben erzählt. Nur kurz unterbricht sie zwischenzeitlich ihre Ausführungen, ruft die Mama an, um anzumelden, man solle nicht auf sie warten mit dem Mittagessen. 90 Minuten sind schnell gefüllt mit diesem atypischen Weg, der sie bis nach Rio brachte. Und seither noch viel weiter.

An Olympia gelang Annen die bis ­dahin stärkste Karriereleistung: Sie schwamm mit den Besten, fuhr Rad mit den Besten – und beendete das Rennen auf Rang 14. Mit einem breiten Strahlen ging sie durch die Mixedzone. Dort interessierten sich die Medien höchstens am Rand für sie, weil sich so die Wartezeit verkürzen liess. Auf Nicola Spirig, die Olympiasilber gewann.

Gran Canaria, Frühjahr 2012. Erstes Trainingslager mit Swiss Triathlon: Annen (jetzt 19) darf als Gast mittrainieren, da sie wegen fehlender Resultate noch in keinem Nachwuchskader Unterschlupf gefunden hat. Die Zimmerkollegin fragt sie: «Willst du einmal Profi werden?» Völlig verdattert über die Frage antwortet Annen: «Nein, das will ich nicht!» Sie schliesst erst in diesem Sommer ihre Lehre als Hochbauzeichnerin ab, hat sich bislang darauf konzentriert.

Annen hatte sich abseits von Rio auf ihren Einsatz vorbereitet. Den Olympiarummel realisierte sie so erst, als ihr Wettkampf längst vorbei war. Dass es kein Rennen wie jedes andere sein würde, hatte sie aber auch so gemerkt. Zu Hause wird sie von Leuten auf der Strasse angesprochen, man wünscht ihr Glück, steckt ihr manchmal gar einen Zustupf zu. «Mir wurde bewusst: Olympia ist für die ganze Welt ein Begriff», sagt Annen.

Nicht so für sie selber. Die zweijährige Qualifikationsphase lief schon ein halbes Jahr (ohne dass ihr das bewusst war), als sie erstmals an die Spiele dachte: «Aber mir war nicht klar, was es für die Qualifikation brauchen würde.» Zum Glück: Alles musste für sie nahezu optimal laufen, wollte sie es schaffen. Das tat es.

Zürich, Juli 2013. Ironman Switzerland: Steffen Grosse, der neue Nationaltrainer von Swiss Triathlon, beobachtet das Rennen an einer Kreuzung in der Stadt, als ihn Marc-Yvan De Kaenel anspricht. Der ehemalige Athlet ist nun Trainer von Annen und stellt Grosse diese mit den Worten vor: «Sie musst du im Auge behalten, die wird etwas!» Grosse hat von Annen, die in keinem Kader figuriert, noch nie gehört. «An jener Strassenecke hätte ich nicht gedacht, dass sie drei Jahre später in Rio starten würde», sagt er heute.

Staunend reiste die Urnerin nach Brasilien, staunend erlebte sie den Rummel um Spirig an der Pressekonferenz vor dem Rennen. Es war für Annen auch eine spezielle Situation, weil sie die Olympiasiegerin von London nicht näher kannte. Das Rennen von Rio war erst ihr zweites gemeinsames auf oberster Stufe, ansonsten gab es in den Karrieren der beiden praktisch keine Berührungspunkte – Spirig war nach der Mutterschaft 2013 ihren eigenen Weg gegangen.

Annen dagegen trainiert mit dem Verband. De Kaenel macht ihre Jahresplanung, in den Trainingslagern obsieht Grosse ihre Fortschritte. Diese sind enorm, da sind sich die beiden Trainer einig. De Kaenel definiert mit der Athletin vor jeder Saison Mindest- und Optimalziele. In diesem Jahr hat sie auch Letztere mehr als erfüllt.

Was doch auch einen Zusammenhang mit Spirig hat. Weil mit ihr und Olympiasiegerin Gwen Jorgensen 2017 die dominierenden Figuren Babypausen einschalteten, gab es an der Spitze ein gewisses Vakuum, die Rennen liefen weniger strukturiert ab. Annen gehörte zu jenen Athletinnen, die davon zu profitieren wussten. Aus regelmässigen Top-30-Klassierungen wurden solche in den Top 15.

Schattdorf, Frühling 2014. Diagnose Pfeiffersches Drüsenfieber: Annen wird erstmals in ihrer Karriere von ihrem Körper ausgebremst. Ausgerechnet jetzt, nach dem Aufgebot für ihr erstes Rennen der WM-Serie. Erst noch in Yokohama, so weit weg war sie noch nie. Sie denkt: «Diese Chance kommt nie wieder.» Die Erkrankung klingt aber rasch wieder ab.

Diesen Juli lief Annen am WM-Serie-Rennen in Hamburg, wo die Leistungsdichte stets enorm ist, als Fünfte über die Ziellinie – ihre Bestleistung. Ihr erster ­Gedanke: «Da sind ja noch kaum Leute.» Sie war gewohnt, dass bereits mehr Athletinnen im Ziel warten, wenn sie ­ankommt. Nun schlug sie auch Andrea Hewitt, die sie schon im Fernsehen gesehen hatte, als ihr erster Triathlon 2008 noch bevorstand.

Neun Jahre später gehört sie selber zur Weltklasse. Trotzdem ist da noch viel Steigerungspotenzial – was ihre Trainer ins Schwärmen bringt. «Vom Trainingsalter her ist sie noch sehr jung. Darum arbeite ich auch sehr konservativ mit ihr. Sie ist ein Rohdiamant, an dem wir jetzt fleissig schleifen. Aber er soll noch nicht jetzt glänzen, sondern erst in drei Jahren», sagt De Kaenel. Ihn beeindruckt vor allem Annens mentale Stärke: «Dieser Wille und Biss. Ich habe neben Sven Riederer noch niemanden gesehen, der im Finish eines Rennens so ­zulegen kann.»

Nationaltrainer Grosse imponiert vor allem ihre Konstanz: «Von 100 Schlüsseltrainings sind 97 oder 98 in Ordnung.» Zudem ihre physische Robustheit: «Talent haben auf diesem Niveau alle. Entscheidend sind dann die Tage, an denen du nicht krank oder verletzt bist.» Und: «Du musst verrückt sein nach Training. Sonst setzt du dich im Triathlon nicht durch.»

Seedorf, Januar 2015. Ihr allererstes Training auf einem Laufband: Trainer De Kaenel hat eine enorm schnelle Einheit programmiert. Annen stellt die Musik­anlage so laut, dass sie ihr eigenes Keuchen nicht mehr hört. «Am Ende war ich den Tränen nah, vor Erschöpfung.» Danach simst sie De Kaenel: «Wenn ich nicht so gerne Triathlon machen würde, würde ich dich jetzt wegen Folter einklagen.» Im Rennen geht sie manchmal so weit über ihre Grenzen, dass sie sich hinterher an ganze Passagen nicht mehr erinnern kann.

Es werden noch viele solche Einheiten folgen. Im Schwimmen soll Annen noch durchsetzungsfähiger werden, den Uri-Stier stärker herauslassen. Und im Laufen schneller werden. 30 bis 60 Sekunden über die 10 Kilometer. Alles im Hinblick auf Tokio 2020.

Dort sind die Aussichten reizvoll: Neu gibt es einen Teamwettkampf, mit Annen und Spirig ist eine Medaille möglich. Und für die Urnerin noch mehr? Sie glaubt daran, wenn sie zum Einzelwettkampf sagt: «Es wird ein anderes Rennen werden als in Rio: Wenn du weisst, du kannst mit den Besten mithalten.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.09.2017, 23:26 Uhr

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Vier Monate nach der Geburt ihrer Tochter gibt Nicola Spirig beim Grand Final ihr Comeback auf der obersten Wettkampfstufe. Die Olympiazweite von Rio erhielt für Rotterdam eine Wildcard. Übertriebenen Erwartungen verschliesst sie sich aber. «Trotz guten Trainings, zuletzt während vier Tagen auf Lanzarote, bin ich nicht in WM-Form», sagt sie.

Zwar hat sie in allen drei Disziplinen bereits wieder ein sehr hohes Niveau erreicht, aber keines, um mit den Weltbesten mitzuhalten. Das dürfte sich vor allem im Schwimmen negativ auswirken. Dort kann die 35-Jährige nur in absoluter Topform mit der Weltelite mithalten. Trotzdem denkt sie, ganz Wettkämpferin, schon wieder daran, wo sie gegenüber der Konkurrenz etwas heraus­holen könnte. In Rotterdam etwa durch das angekündigte schlechte Wetter: «Es könnte ein Vorteil sein, dass ich noch nicht wieder ganz mein Wettkampfgewicht erreicht habe.»

Sie sucht den Vergleich mit der Weltelite auch als Motivation für den Winter: «So wird mir sehr deutlich aufgezeigt, woran ich für die nächste Saison noch arbeiten muss.» (ebi.)

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