Skandalbienen und Bumsibären

Maskottchen machen sich in der Sportwelt immer breiter. Sie werden zur Kultfigur oder zum Gespött. Und sind manchmal kaum zu kontrollieren.

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Sie haben grosse Augen und einen ­dicken Bauch und übergrosse Schuhe. Sie hüpfen und klatschen, schwenken Fahnen und schütteln Hände. Und manchmal tragen sie keine Hose. Die Maskottchen sind in der Sportwelt weit verbreitet, doch haben sie sich von ihren Ursprüngen entfernt. Das Maskottchen – vom altfranzösischen Wort für «Zauberin», «Hexe» abgeleitet – war magisch. Ob Mensch oder Gegenstand: Es war etwas, das Glück brachte. Heutzutage sind die Plüschfiguren kaum mehr da, um den Zufall wohlgesinnt zu stimmen. Sie sind vor allem Werbebotschafter und Sympathieträger, Animateure und Identifikationsfiguren.

Hennes verkörpert diese Entwicklung wie kein anderer. Hennes ist der Geissbock des 1. FC Köln und anders als viele seiner Spezies hat er ein echtes Fell. Seine Geschichte beginnt in einem Zirkus. Als Karnevalsscherz schenkte die Zirkus­direktorin dem FC einen Geissbock – der Fussballclub brauche schliesslich einen Glücksbringer. Zwei Jahre später wurde der Geissbock in das Clublogo auf­genommen und lief an den Spieltagen an der Seitenlinie entlang. Das war vor mehr als 50 Jahren. Als der Erste seiner Garde starb, beschloss der Club, die Tradition weiterzuführen. Die verschiedenen Hennes hatten bewegte Leben. Der Zweite wurde eines morgens tot in seiner Box gefunden. Die offizielle Todesursache war ein Schäferhundbiss, doch es gibt noch immer Fans, die sicher sind, er sei von Gladbachern vergiftet worden. Der Vierte durfte bei der Double-Feier im Autokorso mitfahren, der Siebte hatte Gast­rollen in zwei verschiedenen TV-Serien. Der aktuelle, der Achte, ist seit 2008 im Amt und wohnt im Kölner Zoo.

Als der Club Ende der 90er-Jahre ­neben dem lebenden Hennes auch einen im Plüschkostüm im Stadion herum­turnen liess, rebellierten die Fans, ­bewarfen ihn mit Gegenständen und buhten ihn aus. Der echte Hennes ist zur Kultfigur ­geworden und lässt sich so auch wunderbar vermarkten. Die Hennes-Produkte im Fanshop machen 10 Prozent des ­Gesamtmarketings des FC Köln aus. Und falls sie sich nun fragen, was Hennes denn macht, wenn er nicht am Spielfeldrand steht: Seit 2003 kann man auf der Website des 1. FC Köln via Webcam ­direkt in seinen Stall schauen.


Die Ungeliebten: Doch kein Kermit

Die Liste der Maskottchen, die schnell wieder von der Bildfläche verschwanden, ist um einiges länger als die jener, die sich durchsetzten. Das zeigt, dass es nicht so einfach ist, ein Wesen zu schaffen, das authentisch und eigenständig ist und eine breite Zielgruppe anspricht. Das schaffen auch Profis nicht immer. Das Maskottchen der Fussball-WM 2006 wurde von der amerikanischen Firma entworfen, die auch schon Kermit den Frosch erfunden hatte. Goleo der Löwe hatte weniger Fans als das grüne Tier aus der «Muppet-Show». Dass er keine Hose trug, irritierte viele.

Auch die Namensfindung ist oft heikel. So wurde der Name des Maskottchens von Antholz, dem Austragungsort mehrerer Biathlon-Weltmeisterschaften, unterschiedlich interpretiert: Der Bär hiess Bumsi. Unerwünschte Assoziationen provoziert hat auch das Maskottchen der Rad-WM 2013. Der Weltverband war dabei, den Fall Armstrong aufzuarbeiten, da stellte er Pinocchio vor: Die Figur aus dem Kinderbuch, der bei jeder Lüge die Nase wächst.


Die Draufgänger: Wasserlassen am Bayern-Bus

Das konnte ja nicht gutgehen: Wolfie, das Maskottchen der Wolverhampton Wanderers, stand zusammen mit den Maskottchen einer Bristoler Fabrik auf dem Feld: drei Schweinchen. Der Wolf ohrfeigte das erste Schweinchen, dieses schlug zurück, seine Schweinchenfreunde kamen zu Hilfe?… Es war ein grosser Tumult, bis Streitwölfe und -schweine vom offiziellen Maskottchen des FC?Bristol getrennt wurden. Der Friedensstifter war übrigens eine Katze.

Nicht nur die Clubverantwortlichen von Wolverhampton mussten erfahren, dass die übergrossen Plüschtiere nicht immer so leicht zu handhaben sind, wie man vielleicht denkt. Ein Skandal ist schnell da. Super Leo, das Maskottchen von ­Austria Wien, konnte sich ob des ausgiebigen Feierns seines Geburtstags kaum mehr auf seinen beiden Löwenbeinen halten. Auch der Grotifant, der Animateur des KFC Uerdingen, leistete sich schon Aussetzer: Er wurde wegen Schiedsrichterbeleidigung auf die Tribüne geschickt. Der plüschige Elefant musste auch feststellen, dass Maskottchen gefährlich leben können. Im Spiel gegen Fortuna Düsseldorf wurde er 2004 bei einem Platzsturm der gegnerischen Fans in die Katakomben getrieben und beim nächsten Aufeinandertreffen der beiden Teams verbal vom Düssel­dorfer Goalie angegangen.

Doch Maskottchen können auch neben dem Platz austeilen: Vor drei Jahren tauchte ein Bild auf, dass Dortmunds Biene Emma vor dem Bayern-Bus zeigt. Die Körperhaltung liess nur auf eine Tat schliessen, und die Münchner waren empört. Die Medienstelle des BVB brauchte eine Ausrede. Ihre Erklärung: Die Biene soll nicht ihren Blasendruck abgelassen, sondern den der Reifen geprüft haben. Und zudem hätte sie sich sicher zum Pinkeln hingesetzt. Auch Dortmund-Trainer Klopp musste sich zu dem Vorfall äussern: «Eine übermütige Aktion und vielleicht auch unnötig.» Wenige Tage später gewann der BVB die Meisterschaft – als bisher letztes Team vor der Dominanz der Bayern.


Die Schweizer: Wiederverwertung

Hierzulande sind die Maskottchen noch nicht so verbreitet. Nur wenige Super-League-Vereine haben einen Plüschanimateur im Stadion wie zum Beispiel der FC Luzern mit seinen beiden Löwen Siegfried und Leu. Bei den Eishockeyclubs haben sich schon mehr hervor­getan – allen voran Servette, das zwei hüpfende Plüschadler (Calvin und Calvina) hat und einen lebendigen (Sherkan), der im Stadion kreist.

In der Schweiz konnte sich ein Maskottchen in die Herzen der Liebhaber und in die Bäuche der Wütenden hüpfen und klatschen: die Kuh Cooly. Entsprungen als Stimmungsmacher der Eishockey-WM 2009 und wiederbelebt als ebensolcher der Leichtathletik-EM 2014, liess sie niemanden kalt, stiess gar Diskurse über die Infantilisierung ihrer Spezies an. Ob man die hypereuphorische Kuh nun mochte oder nicht – ihr Ziel hat sie erreicht: Sie wurde beachtet. Ganz weg ist sie übrigens noch immer nicht: Auf ihrer Facebook-Seite informiert Cooly ihre rund 13'500 Fans über das hiesige Leichtathletikgeschehen.


Der Entlassene: Zu dünn

Es gibt Clubs, die haben nicht nur Plüschmaskottchen. Der englische Verein Bradford City hatte seit 1994 auch ein menschliches: 19 Jahre lang war Lenny Berry an jedem Heimspiel der Bantams. Mit Koffer, Schirm, Melone und einem runden Bauch unter dem rot-gelb gestreiften Trikot spielte er die Rolle des City Gent. Er warf Süssigkeiten in die Menge und feixte, die Fans klatschten, jubelten und sangen «Who Ate All the Pies?» – wer hat all die Kuchen gegessen?

Doch dann wurde bei Berry Diabetes diagnostiziert, und er musste seine Essgewohnheiten umstellen. Da verschwand auch der dicke Bauch und mit ihm die Unterstützung der Clubführung. Ein dünnes Maskottchen – das ging doch nicht! Sie boten ihm einen Sumo-Anzug an. Berry sagte in einer Regionalzeitung: «Ich bin absolut enttäuscht. Ich werde mich nicht verkleiden.» So nahm er seine Melone, seinen Koffer und seinen Schirm und verschwand von der Seitenlinie. Nun steht da ein Huhn, das Billy Bantam heisst. Die Fans aber vermissen den City Gent noch immer.


Falls Sie nun noch nicht genug haben: 2009 hat das deutsche Fussballmagazin 11 Freunde das erste Maskottchenrennen veranstaltet.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.07.2015, 20:09 Uhr

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