Darum hat Kipchoge den Marathon unter 2 Stunden geschafft

Die wichtigsten Antworten zu Eliud Kipchoge Weltrekord, bei dem ihm 35 Pacemaker und ein Wunderschuh halfen.

Eliud Kipchoge und seine Läuferwand, die ihm Windschatten spendete. Foto: Keystone

Eliud Kipchoge und seine Läuferwand, die ihm Windschatten spendete. Foto: Keystone

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Er reiste nach Wien und schaffte mit seinem zweiten Rekordversuch das Historische: als Erster im Marathon unter 2 Stunden zu bleiben. Der Kenianer Eliud Kipchoge hat mit 1:59:40 Stunden Historisches geschafft. Die wichtigsten Antworten zu seinem Rekord.

Kipchoges Weltrekord stand bei 2:01:39 Stunden. Warum konnte er plötzlich zwei Minuten schneller sein?
Durch mehrere Kniffe. Er verfügte über 35 Tempomacher (plus 6 Ersatzleute), darunter die Ingebrigtsen-Brüder und erneut der Genfer Julien Wanders. Sie wechselten sich ab und boten viel Windschatten. Fünf Athleten, alle Europa- oder Weltklasse, bildeten jeweils eine Läuferwand vor ihm. Vor dieser fuhr ein Auto mit einem grünen Laser, der die Zweistundenmarke auf den Boden projizierte und weiter Windschatten spendete. Wie viel Zeit sich damit herausholen lässt, ist umstritten. Konservative Berechnungen gehen von mindestens einer Minute im ­Vergleich mit einem klassischen Setting in einem Städtemarathon aus.

Die Läufergruppe und das Auto mit dem Laser, der die Zweistundenmarke anzeigte. Bild: Keystone

Dank eines Spezialschuhs von Nike lässt sich die Laufökonomie zudem erheblich verbessern. Auch da ist unklar, wie viele Sekunden sich damit gewinnen liessen, gemäss Schätzungen bis zu einer Minute im Vergleich mit einem herkömmlichen Schuh. Deutlich vernachlässigbarer sind dagegen die Nahrung oder die Unterlage. Für den Rekordversuch liess Ineos trotzdem eine neue, glatte Asphaltschicht aufziehen. Alles zusammen bedeutet: Für den Rekordversuch mussten die Projektverantwortlichen die Rahmenbedingungen im Vergleich zu einem herkömmlichen Marathon verändern. Entsprechend wird die Zeit nicht offiziell gewertet werden.

So sieht er aus, der neue Superschuh von Nike. (Bild: Screenshot/nike.com)

Wie schnell musste Kipchoge rennen, um unter 2 Stunden zu bleiben?
Durchschnittliche 2:50 Minuten pro Kilometer – oder 17 Sekunden pro 100 Meter. Kipchoges Kilometermittel schwankte dabei zwischen 2:48 Minuten und 2:52 Minuten. Bedeutet: Die Mehrheit der Menschen könnte Kipchoge nicht einmal 100 Meter lang folgen. Der frühere Schweizer Marathonrekordhalter Viktor Röthlin sagt, er hätte mit Kipchoge zu seinen besten Zeiten maximal 18 km mithalten können.

Warum fand der Versuch in Wien statt?
Sponsor Ineos ist zwar britisch, im Oktober aber ist das Wetter für eine Rekordjagd auf der Insel zu schlecht. Das Kipchoge-Ineos-Team entschied sich für Wien, weil da das Wetter im Mittel ideal ist und es auf der Prater-Hauptallee eine geeignete Rundstrecke fand – 9,6 km lang, davon 8,8 km geradeaus. In eine der beiden Kurven wurde eine kleine Steilwand verlegt, damit Kipchoge fast ohne Energie- und Kraftverlust sein Tempo von 21 km/h durchziehen kann.

Was unterscheidet Kipchoge von anderen Marathonläufern der Sonderklasse?
Seine Robustheit. Obschon der 34-Jährige seit 16 Jahren auf Weltklasseniveau läuft, ist er fast nie verletzt. Diese Beständigkeit ohne grössere Rückschläge ist für seinen Sport einzigartig.

Ist Kipchoge talentierter als andere Topläufer?
Drei Aspekte definieren die Leistungsfähigkeit eines Ausdauerathleten wesentlich:

1. Wie viel Sauerstoff er maximal aufnehmen kann (VO2max).

2. Wie viel Sauerstoff er für eine bestimmte Geschwindigkeit verbraucht, um diese halten zu können (Laufökonomie).

3. Die maximale Belastung, unter der er gerade noch so viel Laktat (Milchsäure) abbauen kann, wie er bildet (Laktatschwelle).

All dies messen Sportwissenschaftler. Nur: Die Werte von Kipchoge wurden nie publiziert.

Den Begriff Talent auf diese drei wesentlichen Kennziffern zu verengen, ist ohnehin fraglich. Kipchoge ist mit 1,67 m (auf 52 kg) zum Beispiel ein paar Zentimeter kleiner als der durchschnittliche Topmarathonläufer. Damit ist er im Vorteil, weil kleine Athleten von einer grösseren Hautfläche im Verhältnis zum Körpervolumen profitieren. Sie können die produzierte Hitze besser abgeben – und besser mit höheren Aussentemperaturen umgehen. Zudem erhöht sich Grösse linear, Gewicht aber exponentiell. Gross gewachsene Läufer müssen als Folge proportional mehr Masse als kleine tragen. Letztlich bedeutet dies alles: Wir haben bezüglich Kipchoge viele Hinweise, aber keine absoluten und befriedigenden Antworten.

Wie bereitete sich Kipchoge vor?
Wie immer für einen Marathon in einem Trainingscamp in Kaptagat auf 2500 m, in der Nähe von Eldoret in Kenia. Im Schnitt absolvierte er um die 200 km pro Woche über circa drei Monate. Auffallend ist, dass er jede Woche sehr ähnlich trainierte, also keine Periodisierung vornahm. Er kam normalerweise auf zwei Lauftrainings pro Tag, eines früh am Morgen, eines am Nachmittag – die allermeisten in einer Gruppe mit anderen Topläufern.

Auf langsame, lange Einheiten (wie sie viele Marathonläufer mögen) verzichtete Kipchoge, auch auf Trainings deutlich unter dem Rekordtempo von 2:50 Minuten pro Kilometer. Dafür rannte er viele lange Einheiten (bis zu 45 km) in schnellem Tempo bei circa 90 Prozent seines Maximums. Langsamer Lauf bedeutet für Kipchoge übrigens: vier Minuten pro Kilometer. Für den Rekordversuch steigerte er sein Krafttraining und investierte vor allem in Rumpfübungen.

Weltrekord: In Berlin lief Kipchoge den Marathon im letzten Jahr in knapp über 2 Stunden. Foto: Keystone

Was hat Kipchoge aus dem ähnlichen Sub2-Projekt von Nike 2017 in Monza gelernt, in dem er in 2:00:25 Stunden nur knapp scheiterte?
Kipchoge sagt es so: «2017 war ich wie ein Boxer, der in den Ring stieg und nicht wusste, was ihn erwartete. Jetzt habe ich diese Erfahrung gemacht. Darum bin ich mir sicher, unter 2 Stunden bleiben zu können.» Er verweist damit auf die psychologische ­Herausforderung. Schliesslich musste er damals ab dem ersten Meter ein Tempo laufen (und durchstehen), das er zuvor noch nie über längere Zeit angeschlagen hatte. Diesen Lauf ins Ungewisse hat er hinter sich, entsprechend sah er sich von dieser grossen, mentalen Last befreit.

Wie unterscheidet sich der zweite vom ersten Versuch?
Die Luftfeuchtigkeit war tiefer – damals auf der Formel-1-Strecke lag sie bei unvorteilhaften 80 Prozent. Und Kipchoge hat die Flüssigkeitsaufnahme intensiver trainiert. Vor allem aber: Monza war ein Exklusivanlass von Nike mit nur wenigen, handverlesenen Zuschauern. Der Rekordversuch von Wien ist öffentlich und gratis zugänglich. Gerade wenn Kipchoges Beine schwer werden, könnte sich die Publikumsunterstützung entlang der Strecke als entscheidend erweisen haben.

Was sagt dieses Projekt aus?
Dass diese 2-Stunden-Schallmauer zurzeit kein Läufer aus eigener Kraft brechen kann – Kipchoge also auf Kniffs angewiesen ist. Gerade sie schaffen grosse Unsicherheit: Vor dem kontroversen und heiss diskutierten neuen Nike-Schuh Vaporfly betrug die Marathonbestzeit von Kipchoge 2:03:05 Stunden. Mit der Neuheit verbesserte er seine Zeit auf 2:01:39. Auch die härtesten Konkurrenten liefen damit teilweise plötzlich deutlich schneller.

Es ist also möglich, dass Kipchoge nun die 2-Stunden-Mauer durchbrochen hat, im Prinzip aber weiter ein 2:03-Stunden-Läufer ist, zöge man die Vorteile des Schuhs und des Windschattenlaufens ab. Nike hat mit seinem Innovationscoup also eine grosse Unsicherheit ins Langstreckenlaufen gebracht. Ausgerechnet das höchste Gut des Marathonwettkampfs, die Zeit, ist relativ geworden. Vergleiche mit früheren Rennen sind seither verzerrt bis unmöglich. Aus diesem Grund hat sich Nike mit seinem Sub2-Projekt bzw. der Lancierung seines Schuhs viele Kritiker eingehandelt – und Kunden gewonnen, weil der Run auf den Schuh enorm ist.

Ineos-Gründer Jim Ratcliffe, der reichste Brite, hat den Sport entdeckt.

Wer steht hinter dem Projekt?
Der britische Chemieriese Ineos. Gründer Jim Ratcliffe, der reichste Brite, hat den Sport entdeckt. Ihm gehören etwa das Topradteam um den 4-fachen Tour-de-France-Sieger Chris Froome und auch der Fussballclub Lausanne. ­Ineos bzw. Ratcliffe, dem Kritiker immense Umweltverstösse vorhalten, ist zweifellos ein Sportfan, sieht den Sport aber offensichtlich als ideale Plattform für eine Imagekorrektur.

Hinterlässt das Projekt auch Verlierer?
Der grösste heisst Yannis Pitsiladis. Der britische Sportprofessor stiess 2014 das erste Projekt an, einen Marathonläufer unter 2 Stunden zu bringen. ­Obschon relativ weit gediehen, scheiterte seines letztlich mangels Sponsoren. Weder Nike noch ­Ineos zogen den Pionier bei ihren Projekten hinzu.

Erstellt: 12.10.2019, 10:52 Uhr

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