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«So wollte ich nicht aufhören – nicht mit einem Negativerlebnis»

Kunstturnerin Giulia Steingruber stellte sich nach ihrem Kreuzbandriss kurz die Sinnfrage, entschied sich aber doch, zu kämpfen. Im kommenden Frühling will sie zurück sein.

«Ich konnte es ja nicht mehr rückgängig machen», sagt Giulia Steingruber. Video: Tamedia.

Wieder und wieder zurrt sie am Haarband an ihrem Handgelenk. Dreht es links herum und rechts herum, gerade so, als könnte sie sich daran festklammern. Als biete es ihr immerhin ein bisschen Halt in einer wenig angenehmen Situation.

Giulia Steingruber sitzt in der Jubiläumshalle von Magglingen, dem Trainingszentrum der Schweizer Kunstturner, ihr gegenüber eine stattliche Schar Journalisten. Es ist ihr erster ­öffentlicher Auftritt seit jenem schlimmen Unfall am 7. Juli, der ihre Karriere drastisch veränderte: An einem Wettkampf in St-Etienne zog sie sich bei einer missglückten Landung am Boden einen Kreuzbandriss im linken Knie zu. Entsetzen machte sich damals breit in der Halle.

«Es geht mir recht gut», sagt Steingruber jetzt, fast drei Monate danach, lange hat sie diesen Medientermin hinausgezögert. Äusserlich ist ihr nichts anzumerken, nach den sechs Wochen an den Krücken geht sie inzwischen beschwerdefrei. Sie besucht täglich den Physiotherapeuten und geht auch jeden Tag in die Turnhalle, um bei ihren Teamkolleginnen zu sein. Dort absolviert sie Kraft- und Stabilitätsübungen – und hat eine ganz wichtige Botschaft zu platzieren: «Ich halte an meinem Ziel Tokio 2020 fest.»

Oder soll ich es sein lassen?

Doch es gab in den letzten zwölf Wochen auch andere Gedanken. Momente des Zweifelns, Augenblicke des Verzweifelns: Oder soll ich es etwa sein lassen? «Vor ­allem im Spital habe ich an alle möglichen Dinge gedacht», erzählt Steingruber, «auch an den Rücktritt.» Nur: «Ich konnte mich noch nicht mit dem Gedanken anfreunden. Dafür ist Turnen eine viel zu grosse Leidenschaft. Und so wollte ich nicht aufhören – nicht mit einem Negativerlebnis.»

Der Weg zurück ist hart, er verlangt Disziplin und Geduld. Das eine ist eine Stärke der 24-jährigen Ostschweizerin, das andere nicht. Sie spürte das schon, als sie sich Anfang 2017 einer Fussoperation unterzog und deswegen ein halbes Jahr und vor allem die EM verpasste.

Jetzt fällt sie wieder aus, noch viel länger. Neun Monate mindestens, sagen die Ärzte, der Schweizer Nationaltrainer Fabien Martin rechnet gar mit zwölf, ehe wieder an einen Wettkampf zu denken ist. Erteilen ihr die Ärzte in den nächsten zwei Wochen grünes Licht, darf Steingruber bald an die Geräte, doch erst einmal steht Basisarbeit an: am Barren schwingen, um zu sehen, ob das Knie dies mitmacht. Über den Balken gehen, wie früher als junge Turnerin: hin und her, hin und her.

Erste Landungen mit Hilfe aber? Kaum vor November. Erste selbstständige Sprünge über den Tisch? Nicht vor 2019. «Im April möchte ich wieder voll mittrainieren», sagt sie. Es ist ein ambitionierter Zeitplan.

Und die körperliche Verfassung ist nur das eine. Hinzu kommt die Ungewissheit, ob im Kopf nicht doch etwas zurückbleiben wird von diesem fürchterlichen Samstagabend in St-Etienne. Steingruber ahnt, dass sie dies nicht einfach vergessen kann. «Ich habe riesigen Respekt davor, mein Vertrauen wieder zu finden, gerade bei den Landungen.» Ja, es stelle sich die Frage: «Erreiche ich wieder das Niveau von vorher? Ich bin ja nicht mehr die Jüngste.» Gleich nach der Verletzung hat sie sich deshalb an ihren Mentaltrainer gewandt.

Der Chef ist überzeugt

Elfmal ist die Gossauerin in ihrer Karriere an Grossanlässen auf dem Podest gestanden, nach Olympiabronze 2016 gab es vor einem Jahr endlich auch die erste WM-Medaille: Bronze am Sprung. Sie hat mehr erreicht als jede andere Schweizer Turnerin und übertrumpft auch die Schweizer Erfolge aus den Urzeiten des Turnens, als die Männerriege zu den stärksten der Welt zählte. Im längst globalen Sport behauptet sich Steingruber seit Jahren. Gerade die mentale Stärke hat sie so weit gebracht.

«Wenn jemand den Kopf für ein solches Comeback hat, dann ist sie das», sagt Felix Stingelin, Chef Leistungssport beim Schweizerischen Turnverband (STV). «Ich bin überzeugt, dass sie es packt», ergänzt er – und mit «packt» meint er durchaus, dass sie an der WM 2019 in Stuttgart schon wieder um Medaillen kämpfen kann. Priorität hat sowohl für Stingelin als auch Steingruber allerdings die Olympia-Qualifikation mit dem Team.

Im Kopf nicht abgehängt

Als Captain war es Steingruber ein Anliegen, trotz der Verletzung so bald wie möglich wieder zum Team zurückzukehren. Wenige Tage nach der Operation stand sie in der Halle, «um den Kolleginnen zu zeigen, dass ich für sie da bin», sagt sie. Für Stingelin war dies ein schönes Signal und das Zeichen, «dass sie im Kopf nicht abgehängt hat und voll fokussiert ist».

Das gilt auch – oder ganz besonders – für ihre schulische Ausbildung. Im kommenden Sommer will sie die Matura abschliessen, die Vorbereitungsprüfungen stehen im November an, die ersten Examen im Februar. Wenn ihre Verletzung einen Vorteil hat, dann den, dass sie sich jetzt die Zeit nehmen kann für dieses Ziel. Bereits abgegeben hat sie die Maturarbeit. ­Titel: «Der Weg zum neuen Element am Sprung.»

Es geht dabei um die Erweiterung ihres Paradesprungs Tschussowitina um eine zusätzliche halbe Schraube. Noch keine Turnerin weltweit hat dieses Element je gezeigt. Zusätzlich arbeitete Steingruber zuletzt an einem zweiten Sprung, Melissanidis genannt, auch dies eine Weltneuheit. Und auch der ruht jetzt bis April – oder länger.

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