Spirig geniesst ihr letztes Heimspiel

Viereinhalb Monate nach der Geburt ihres dritten Kindes wird die Schweizer Triathletin am «Grand Final» in Lausanne Zehnte.

Unvorbereitet ins WM-Finale, am Ende Rang 10: Was Nicola Spirig in Lausanne zeigt, findet ihr Trainer «Superwoman-mässig».

Unvorbereitet ins WM-Finale, am Ende Rang 10: Was Nicola Spirig in Lausanne zeigt, findet ihr Trainer «Superwoman-mässig». Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist schon mehr als zehn Monate her, dass Nicola ­Spirig diesen Samstag in ihrem Kalender markiert hat. Das erste WM-Serie-Rennen in der Schweiz überhaupt sollte der Tag werden, an dem sie einen nächsten grossen Schritt macht. Einen vorentscheidenden in Richtung Tokio, in Richtung ihrer vierten Olympischen Spiele, vielleicht in Richtung ihrer dritten olympischen Medaille.

Doch die als akribische Planerin bekannte Triathletin hat in den vergangenen sechs Jahren lernen müssen, dass zwar ihr Leben planbar ist, aber nicht das ihrer Kinder. Seit sechs Jahren ist die 37-Jährige Mutter, seit diesem Frühling dreifache. Darum strich sie diesen Augustsamstag im Kalender an: Sie erachtete das Finale der WM-Serie als einen der frühesten Termine, an dem sie nach der dritten Geburt eine echte Chance haben würde auf ein Resultat, mit dem sie sich für Olympia qualifizieren kann.

Mit nur 75 Prozent ihres Leistungsvermögens

Aber wie gesagt: Spirig hat gelernt, sich überraschen zu lassen. So tritt sie an diesem so wichtigen Tag laut ihrem Trainer Brett Sutton mit ­gerade einmal 75 Prozent ihres ­gesamten Leistungsvermögens an.

Der Schluss liegt nahe: Ist ja klar, es sind ja auch erst viereinhalb Monate her seit der Geburt. Doch Spirig ist Spirig, «das können nur ganz wenige Leute nachvollziehen. Was sie macht, das ist Superwoman-mässig», sagt ­Sutton. Er meint damit nicht ihre momentane Form. Sondern den Grund für diese: Spirig tritt ganz bewusst ­etwas untervorbereitet zu diesem WM-Serie-Rennen an. Schlicht weil der Druck für diese Saison schon weg ist. Ihr Comeback nach der Geburt gab sie viel früher als geplant.

«Was sie macht, das ist Superwoman-mässig.»Brett Sutton, Spirigs Trainer

Bereits Anfang Juli in Hamburg, nur zwölf Wochen nach der Niederkunft, und eigentlich nur, um dem Schweizer Team zu helfen, das sich ebenfalls für ­Olympia qualifizieren will. Doch weil sie schon da war, entschied sie sich auch zu einem Start im ­Einzelrennen – und erfüllte mit Rang 8 die Selektionsrichtlinien von Swiss Olympic. «Wir hatten vor der Geburt mögliche Pläne A bis D skizziert. Hamburg ist in keinem von ihnen ein Thema ­gewesen», sagt Spirig und macht so deutlich, wie gut sie die dritte Geburt verkraftet hat.

21 Jahre später ein letztes Lausanner WM-Rennen

«Statt im Training weiter hart zu pushen, entschieden wir uns nach der Olympiaqualifikation in Hamburg, etwas Druck wegzunehmen und ihr mehr Zeit für ihr Baby zu geben», so Sutton.

Was nicht heisst, dass Spirig Lausanne auf die leichte Schulter nähme. Sie hat eine starke Verbindung mit diesem Ort. 1998 startete sie hier zum ersten Mal an internationalen Titelkämpfen, die 16-Jährige wurde an der Junioren-WM Fünfte und war darüber «überglücklich». 2011 gewann sie am Ufer des Genfersees mit dem Team WM-Gold – und vor einem Jahr den Weltcup.

«Ich hatte nicht das Gefühl, dass mir die anderen ­hätten helfen können»Nicola Spirig

Spirig ist das Schweizer Aushängeschild dieses WM-Rennens, und sie nimmt diese Rolle ernst. Die schwere Radstrecke mit den zwei happigen Steigungen nimmt sie offensiv in Angriff. Muss sie, weil sich nach dem Schwimmen – wie von ihr erwartet – eine kleine Gruppe abgesetzt hat. Doch Spirig erhält in der zweiten Gruppe kaum Unterstützung, weshalb der Rückstand trotz ihrer Führungsarbeit bleibt. Das bringt sie nicht aus der Ruhe. «Ich hatte nicht das Gefühl, dass mir die anderen ­hätten helfen können», sagt Spirig ­danach. Auf den abschliessenden zehn Laufkilometern muss sie für ihren Radeffort etwas Tribut zollen – zumal das Laufen jene Disziplin ist, in der sie seit der Geburt noch Zurückhaltung hat walten lassen.

Ihre Gruppe kämpft um die Plätze ab Rang 6. Da kann Spirig nicht ganz mithalten, rutscht zwischenzeitlich aus den Top 10 und schafft es mit einem Comeback auf der Schlussrunde doch genau auf diesen zehnten Platz – 3:07 Minuten hinter der Amerikanerin Katie Zaferes, die mit dem Finale auch die WM-Serie gewinnt. Rang 10 für Spirig: Das ist exakt das Resultat, das sie sich im Idealfall erhofft hatte.

«Ich versuchte es zu geniessen. Trotz Seitenstechen»

Ob sich die zahlreichen Zuschauer bewusst waren, dass sie eine historische Leistung Spirigs erlebten? Nicht was das Resultat betrifft. Sondern im Kontext von Spirigs Karriere. «Vielleicht schätze ich solche Momente schon etwas mehr. Diese ganz grossen Rennen werde ich nicht mehr so oft erleben», sagt sie. «Deshalb versuchte ich es auch auf der Laufstrecke zu geniessen. Trotz Seitenstechen.» Letzteres tritt für sie nicht überraschend auf: «Meist leide ich daran, wenn ich noch nicht toptop bin.»

Ein WM-Serie-Rennen vor Heimpublikum wird es für Spirig nach der Premiere wohl nie mehr geben. Auch wenn sie das Karrierenende noch nie öffentlich thematisiert hat. Und auch intern nicht. Zumindest sagt das Trainer Sutton: «Wir haben noch nie über das Ende gesprochen. Wenn man das tut, verliert man den Fokus», sagt der Australier.

Zwischen den beiden gibt es die Abmachung, dass er ihr sagen würde, wenn er der Meinung wäre, sie könne sich nicht mehr verbessern. So weit ist es noch nicht, noch lange nicht. Das Ziel des Duos ist ein anderes, so Sutton: «Unsere Challenge ist es, dass sie im August 2020 die ­beste Athletin je sein wird. Nur ­darauf konzentrieren wir uns.»

Der deutliche Rückstand der Schweizer Triathlonmänner

Das ist auch aus Sicht des Schweizer Triathlons nötig, wie das Lausanner Heimspiel zeigt. Hinter Spirig klassiert sich bei den Frauen nur Julie Derron (27.), Jolanda Annen gibt entkräftet auf. Bei den Männern glücken Andrea Salvisberg (14.) und Adrien Briffod (15.) Saisonbestleistungen, auf 37 und 38 folgen Sylvain Fridelance und Max Studer. Keine Resultate, die sofort auf weitere Coups hoffen lassen.

Besonders bei den Männern, wie die Weltbesten an diesem Nachmittag deutlich machen. Was die tonangebenden Spanier und Norweger aufführen, ist ein anderes Niveau. Den Skandinaviern gelang vor einem Jahr der erste Dreifachsieg an einem WM-Serie-Rennen. Und die drei Norweger drücken auch in Lausanne aufs Tempo. Mit Kristian Blummenfelt gewinnt einer von ihnen, den WM-Titel aber holt sich der Franzose Vincent Luis, der seinen Vorsprung in der Serie mit Rang 5 souverän verteidigt.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 01.09.2019, 09:48 Uhr

Artikel zum Thema

Baby stillen, Training, Baby stillen

Zwölf Wochen nachdem sie ihr drittes Kind geboren hat, bestreitet Triathletin Nicola Spirig wieder einen Wettkampf. Wie geht das? Mehr...

Nicola Spirig wird zum dritten Mal Mutter

Triathletin Nicola Spirig brachte am Donnerstag einen Sohn zur Welt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Grosser Sammelspass für die ganze Familie

Perfekt für kalte Wintertage: Bei jedem Einkauf Marken sammeln und gegen exklusive «Disney Winterzauber»-Prämien von Coop eintauschen!

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss So wichtig ist Vitamin D

Mamablog «Trennungen werden noch immer tabuisiert»

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Nichts wie weg: Ein Känguru flieht vor den Flammen in Colo Heights, Australien, die bereits 80'000 Hektaren Wald zerstört haben (15. November 2019).
(Bild: Hemmings/Getty Images) Mehr...