Steingrubers härtester Kampf

Wie Giulia Steingruber einen gnadenlosen und unaufhaltsamen Prozess verlangsamen will.

Nachdenkliche Giulia Steingruber: Wie schafft sie es, noch weitere Jahre im Fokus zu bleiben?

Nachdenkliche Giulia Steingruber: Wie schafft sie es, noch weitere Jahre im Fokus zu bleiben? Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vieles am Kunstturnen ist gnadenlos. Die harten Trainingsstunden, die Schmerzen und die Monotonie. Das Magnesia, das nach jahrelanger Anwendung von den Handflächen kaum noch wegzukriegen ist. Die unbestechlichen Augen der Kampfrichter mit ihren Strichlein, die für Punktabzüge stehen und über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Oder der vielleicht härteste Gegner von allen: die Zeit. Besonders grauenhaft ist er zu Frauen. Eine Turnerin wird nicht älter, wenn sie einmal Profi geworden ist, sie altert. Sie altert schnell. Gehörte Giulia Steingruber vor fünf Jahren zu den Jüngsten im ganzen EM-Teilnehmerfeld, ist sie jetzt bei den Ältesten. Das entspricht etwa dem Schnitt: Vier Jahre dauert eine Turnerinnenkarriere vielleicht, mit 20 ist sie oft vorbei. Bei den Amerikanerinnen hat letztmals im Jahr 2000 eine Turnerin ein zweites Mal bei Olympia teilgenommen.

Wettlauf gegen natürliche Veränderungen

Steingruber ist jetzt 22, sehr jung in mancher Hinsicht, aber turnerisch über dem gefühlten Zenit. Ihre zweiten Spiele stehen diesen Sommer an. Die Kunst beim Turnen sei, erklärt sie, ««möglichst gut durch die Pubertät zu kommen». Und danach den Prozess des Alterns zu verzögern, verlangsamen, ihn manchmal zu überlisten – aufhalten lässt er sich ja nicht.

Das ist ein Wettlauf mit den natürlichen Veränderungen des Körpers, und es gilt ausserdem auch, den Versuchungen zu widerstehen, die das Leben mit 16, 18 oder 20 Jahren eben auch noch bietet. «Viele hören auf, weil sich irgendwann die Prioritäten ändern», sagt Steingruber.

Für die Ostschweizerin kam ein Aufgeben nie infrage, zumal sie viel zu gerne gewinnt. «Medaillen kann man nie genug haben», sagt sie vor den Gerätefinals der EM in Bern, an denen sie Gold am Boden und Sprung anstrebt. Knapp an der Medaille vorbei schrammte sie hingegen gestern im Teamfinal (4.).

Eine Karriere bis Tokio 2020?

Im Laufe ihrer Karriere merkte Steingruber aber: Nur turnen ist eintönig. Deshalb das Fernstudium mit Ziel Matura, daher dieses zweite Standbein, «denn mich interessiert auch das Berufsleben», erklärt sie. Dass sie wie die nimmermüde Usbekin Oksana Tschussowitina eines Tages zu ihren siebten Olympischen Spielen antreten wird, ist wohl ganz und gar unwahrscheinlich.

Bis 2018 wird Steingruber aber sicher weiterturnen, weil sie als Captain das verjüngte Schweizer Team zusammen mit dem neuen Trainer Fabien Martin in den neuen Zyklus führen möchte. Noch nicht entschieden ist dagegen, ob sie die Karriere sogar bis Tokio 2020 ausdehnt, aber die Tendenz geht in diese Richtung. «Wieso nicht?», fragt sie, «momentan kann ich mir ein Leben ohne das Turnen noch nicht vorstellen.»

Nur spürt sie es inzwischen am Tag darauf, «wenn ich einen Wettkampf gehabt habe». Darum bedarf das Vorhaben, vielleicht noch vier Jahre weiterzumachen, eines haushälterischen und sparsamen Umgangs mit ihren Reserven und ihrem Körper. Eine Art Schongang für die Zukunft.

Das Gelernte verwalten

Manchmal wird das bereits praktiziert. Trainer Zoltan Jordanov merke genau, wenn ihr etwas zu viel werde, berichtet Steingruber, und dann werde das Pensum reduziert. Klar, ja, sie brauche mehr Erholung als früher. Dafür kennt sie ihren Körper besser und antizipiert auch von sich aus. Eine junge Turnerin traut sich dies noch weniger.

Für Felix Stingelin muss eine allfällige Dosierung noch viel konsequenter geschehen, bei allen Turnerinnen (und Turnern) des Nationalkaders. Der Chef Spitzensport des Schweizerischen Turnverbandes sagt: «Wir müssen in den Trainings so individuell sein, dass wir tagesaktuell reagieren können.» Eine 22-Jährige könne nicht mehr so lange trainieren wie eine 16-Jährige – «dafür vielleicht cleverer, was die Belastungsplanung angeht». Ab einem gewissen Alter gehe es nicht mehr primär darum, neue Elemente zu lernen, sondern das Gelernte zu verwalten.

Stingelin wünscht sich, dass dies Schule machen könnte, zunächst einmal im eigenen Trainingsbetrieb und später vielleicht über die Landesgrenzen hinaus. Er begrüsst es, wenn eine Turnerin wie die Rumänin Catalina Ponor mit 27 Jahren sich zu einem Comeback entschliesst und die 28-jährige Polin Marta Pihan-Kulesza einfach nicht zurücktreten will. Wenn die bald 22-jährige Aliya Mustafina sich in einem russischen Team mit lauter Teenagern Jahr für Jahr behauptet. Ihn freut die siebte Olympia-Teilnahme von Tschussowitina.

Durchlauferhitzer in China und den USA

«Der Sport lebt von Namen», sagt er, doch diese Namen sind im Turnen austauschbar geworden. Es gibt keine Nadia Comaneci mehr, keine Swetlana Boginskaja oder Mary Lou Retton, es gibt also kaum noch Turnerinnen, die weltweit einer breiteren Öffentlichkeit ein Begriff sind. Der STV ist da noch in einer komfortablen Lage, hat er in Steingruber doch wenigstens im eigenen Land eine der prominentesten Sportlerinnen als Botschafterin.

Nicht zuletzt die USA dienen dagegen als mahnendes Beispiel für die Beliebigkeit: Das unschlagbare US-Team an den Olympischen Spielen 2012 in London ist als «Fierce Five» ein Begriff geblieben, die Namen der Turnerinnen sind verblichen. Vier Jahre später ist nur Aly Raisman (wieder) aktiv und will in Rio ein Comeback auf der internationalen Bühne wagen. Ansonsten ist das fast unerschöpfliche US-Talentsystem wie in China ein Durchlauferhitzer.

16-Jährige greifen so nach den Medaillen, «doch wollen wir wirklich Kindersport?», fragt Stingelin. Frauen Mitte 20 hätten viel mehr Charisma und Ausstrahlung, sie täten dem Image des Turnens gut. Und überhaupt: «Eintagsfliegen sind kaum in unserem Interesse.»

Erstellt: 05.06.2016, 10:03 Uhr

Artikel zum Thema

Steingruber verliert ihren Erfolgstrainer

Der Vertrag mit Zoltan Jordanov läuft Ende Jahr aus und wird nicht verlängert. Obwohl der Nationalcoach gerne noch geblieben wäre. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Willkommen im Weihnachtswunderland

Mamablog Zur Erholung ins Büro?

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...