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Sumo im Sumpf

Sumo ist in Japan mehr als Sport. Es ist wie eine Religion, eine Bastion traditioneller Kultur und eine Angelegenheit nationalen Stolzes. Doch jetzt ist alles ausser Rand und Band geraten.

Stehen zurzeit im Regen: Sumo-Ringer.
Stehen zurzeit im Regen: Sumo-Ringer.
Keystone
Eines der Aushängeschilder dieses Sports: Hakuho.
Eines der Aushängeschilder dieses Sports: Hakuho.
Keystone
Fast eine Religion: Sumo-Zeremonie.
Fast eine Religion: Sumo-Zeremonie.
Keystone
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Die Sumo-Ringer sind nicht bloss Athleten, sie sind Idole, Vorbilder und oftmals überlebensgrosse Helden. Natürlich nur, wenn sie sich nicht beim Kiffen erwischen lassen, einander im Suff die Nase einhauen oder mit Gangstern kumpeln. Und das ist heutzutage eigentlich meistens der Fall.

Zur grossen Bestürzung Japans legten polizeiliche Ermittlungen kürzlich den vertrauten Umgang der massigen Männer mit der Unterwelt der Yakuza bloss, Raufereien ausserhalb des Rings und verbreiteten Drogengenuss. Der Ruf ist ruiniert.

Der Sumpf der Skandale ist so tief, dass das öffentlichre Fernsehen erstmals seit 1953 die Übertragung des derzeit laufenden Turniers abblies. Statt drei Stunden täglicher Live-Berichterstattung gibt es eine 20-minütige Zusammenfassung der Höhepunkte. Sponsoren sind abgesprungen, die Fans laufen scharenweise weg. Die Zuschauerreihen bei den Wettkämpfen sind halbleer, Polizisten stehen am Eingang, Schilder mahnen: «Gangster draussen bleiben».

Erpressung und Wettschulden

«Es ist eine sehr schwierige Situation für die Ringer», sagt Tamako Imoi, ein 63 Jahre alter Fan. «Ich liebe den Sport, deshalb bin ich hier. Aber ich will nicht, dass sie sich mit Gangstern rumtreiben. Sie sollten ihren Traditionen gerecht werden.»

In der jüngsten Affäre wird gegen Dutzende Spitzensportler und Trainer ermittelt, die - über Gangster als Mittelsmänner - Summen von zehntausenden Euro beim Baseball gesetzt haben sollen. Der Wirbel begann in der Boulevardpresse, die schon lange den Einfluss der Unterwelt auf das Sumo-Ringen und Wettkampfschiebungen anprangert. Funktionäre wiesen solche Vorwürfe stets zurück.

Diesmal jedoch trafen sie ins Schwarze. Der bekannte Ringer Kotomitsuki, Inhaber des zweithöchsten Titels, räumte Wetten beim Profi-Baseball ein. Nach Polizeiangaben wurde er von einem Gangster erpresst mit der Drohung, die Wetten publik zu machen. Bald darauf bekannte der Trainer und frühere Ringer Otake im Fernsehen unter Tränen Wettschulden in Höhe von mehr als 40'000 Euro.

«Symbiotisches Verhältnis»

Der Sumo-Verband schloss beide aus und bestrafte über ein Dutzend weitere Übeltäter. Der Verbandsvorsitzende wurde vorläufig von einem ehemaligen Staatsanwalt abgelöst. «Eine solche Krise haben wir noch nie erlebt, und wir entschuldigen uns bei unseren Fans», sagte der scheidende Vorsitzende Musashigawa.

Doch viele Zuschauer betrachten den jüngsten Skandal nur als Bestätigung der innigen Beziehungen, die die Sumo-Szene zu den Yakuza seit Jahrzehnten unterhält und die, wie sie vermuten, auch weiter bestehen werden. «Sumo ist in das organisierte Verbrechen verstrickt, weil sie seit Jahren ein symbiotisches Verhältnis pflegen», sagt der frühere Polizeireporter und Szenekenner Jake Adelstein. «Die Ringer und die Yakuza bewundern einander auf Macho-Art. Mit Sumo-Ringern gesehen zu werden, verschafft den Yakuza 'Status', und die Sumo-Ringer kriegen Geld, Alkohol, Essen und Frauen.»

Hungerlohn für massige Männer

Kleinere Trainingsgruppen hätten keine Grossunternehmen als Sponsoren und könnten das Geld der Gangster gebrauchen, erklärt Adelstein. «Das Durchschnittsgehalt eines Sumo-Ringers ist ein Hungerlohn, sie brauchen das Geld.» In der Schuld der Banden stehende Sportler liessen sich leicht zu Wettkampfmanipulationen verleiten, auf die die Gangster dann setzen können.

Die Ermittlungen und der Übertragungsstopp gehen auf einen Vorfall voriges Jahr zurück, als 55 Verbrecher des berüchtigten Yamaguchi-gumi-Syndikats bei einem Turnier in den ersten Reihen sassen, um ihren Kameraden im Gefängnis den Rücken zu stärken. Bei der Übertragung - eine der wenigen Sendungen, die die Häftlinge sehen dürfen - waren die Gangster gut im Bild.

Zuvor schon waren mehrere Spitzensportler wegen Besitzes von Marihuana ausgeschlossen worden. Ein Trainer und seine Schützlinge waren verurteilt worden, weil sie einen 17-jährigen Ringer zu Tode schikaniert hatten. In diesem Jahr nahm der mongolische Grossmeister Asashoryu nach einer trunkenen Rauferei vor meinem Nachtklub in Schande seinen Abschied. Das Benehmen des Ringers mit dem höchsten Titel galt vielen als Beweis dafür, wie tief der Sport gesunken ist.

«Das ist alles sehr traurig»

Dazu ist die altehrwürdige Sportart unmodern geworden. Nur noch ein grosser Sender überträgt die jährlich sechs Turniere, die Privatsender sind wegen schlechter Einschaltquoten längst ausgestiegen. In den Nachrichten findet Sumo gewöhnlich erst nach Baseball, Fussball und Golf statt. Das Publikum ist meist mittleren bis fortgeschrittenen Alters. Auch Nachwuchs für die lange und harte Ausbildung zum Sumo-Ringer ist schwer zu gewinnen, so dass die meisten Spitzensportler inzwischen aus dem Ausland kommen.

«Ich glaube, es ist nicht zu leugnen, das die Japaner sich nicht mehr so viel aus Sumo machen wie früher», räumt der treue Anhänger Roru Ishii ein. «Wir sind mit Sumo aufgewachsen, aber die jungen Leute heute machen es heute kaum noch. Wir stellen hohe Ansprüche an Sumo-Ringer. Das ist alles sehr traurig.»

dapd/sam

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