Superlative um jeden Preis

Der Hype um den Kampf Mayweather gegen Pacquiao könnte dem Boxsport langfristig schaden.

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173 Zentimeter. Das ist die offizielle Grösse von Floyd Mayweather junior – er ist bei seinem Sieg gegen Manny Pacquiao keinen Zentimeter gewachsen. Das mag ein wenig verblüffen, weil sich Mayweather aufgrund seiner boxerischen Fähigkeiten und seines Reichtums gerne als das präsentiert, was die Amerikaner mit dem Begriff «Grösser als das Leben» umschreiben.

Das Duell zwischen Mayweather gegen Pacquiao war offensiv vermarktet worden als Kampf des Jahrhunderts. Als Gefecht, durch das der mittlerweile zur Nischenattraktion verkommene Sport gerettet werden und deshalb wieder zu einer Disziplin werden könnte, für den sich auch die breite Öffentlichkeit interessiert. Dieser Hype wurde mit Zahlen belegt, damit diese breite Öffentlichkeit auch ja keine Zweifel hegte: 400 Millionen Dollar Gesamtumsatz, 16 000 VIPs am Ring, mehr als drei Millionen Pay-Per-View-Kunden allein in den USA. Die beiden Kontrahenten wurden in der Woche vor dem Duell an die Fassade des MGM Grand in Las Vegas plakatiert. 30 Stockwerke hoch. Dieser Kampf, er sollte grösser sein als das Boxen selbst.

Vergleiche, gerne auch im Konjunktiv formuliert, gewagte Einordnungen und historische Superlative gehören zum Sport, sie lassen die Debatten am Stammtisch und in Expertenrunden erst hitzig und damit unterhaltsam werden: Wer ist der beste Tennisspieler der Geschichte? Ist LeBron James der talentiertere Basketballer als Michael Jordan? Und war der WM-Halbfinal 1970 zwischen Italien und Deutschland das tollste Fussballspiel – oder ist es doch das 7:1 der Deutschen gegen Brasilien an der WM 2014?

Diese Debatten finden in allen anderen Sportarten erst nach dem Sammeln von Indizien und Argumenten statt. Niemand hätte gewagt, die Partie Deutschland - Brasilien schon vor dem Anpfiff als denkwürdiges Spektakel zu preisen. Beim Boxen ist das anders, weil die Einnahmen über das Bezahlfernsehen durch das Kreieren eines Hypes generiert werden, weil Werbekunden im frei empfangbaren TV nur dann bezahlen, wenn die prognostizierten Einschaltquoten genehm sind. Genau daran krankt diese Sportart jedoch, weil sie stets ein Versprechen abgeben muss, das oftmals nicht eingehalten wird.

Eine epische Ringschlacht lässt sich nicht konstruieren, ein sportliches Ereignis nicht vorab zu einem Jahrhundertspektakel erklären. Es widerspricht dem Gedanken, dass sich die Menschen vor allem deshalb für Sport interessieren, weil sie nicht wissen, was passieren wird. Die Aussage «Das wird der Kampf des Jahrhunderts» beinhaltet stets die Möglichkeit, dass sie danach als übertrieben oder gar lächerlich abgetan wird. Dass sie zwar kurzfristig den Verkauf von Bezahl-Abonnements und Eintrittskarten fördert, langfristig jedoch einer Sportart schadet.

Floyd Mayweather ist nicht grösser als das Leben selbst. Er ist nicht gewachsen am Samstag, weil sein Kontrahent dann doch nicht gross genug war. Er ist ein herausragender Boxer, wahrscheinlich sogar der über die Gewichtsklassen hinweg Beste seiner Generation. Nicht mehr, nicht weniger. Es war ein spannender, ein hochklassiger, ein unterhaltsamer Kampf. Nicht mehr, nicht weniger. Es wird in Erinnerung bleiben. Jedoch nicht wegen seiner sportlichen Qualität, sondern wegen des Irrsinns in den Wochen zuvor – der letztlich entlarvt, warum sich die breite Öffentlichkeit nicht mehr für diese Sportart interessiert.

Erstellt: 03.05.2015, 17:48 Uhr

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