Superman mit Fuchsschwanz

Mit ungewöhnlichen Auftritten führte Quarterback Cam Newton ein Aussenseiterteam an die Spitze der National Football League.

Touchdown für Touchdown, Sieg für Sieg: Cam Newton und die Carolina Panthers visieren die Superbowl an.

Touchdown für Touchdown, Sieg für Sieg: Cam Newton und die Carolina Panthers visieren die Superbowl an. Bild: Reuters

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Wenn es sein muss, fliegt der Mann auch. Springt mit einem Salto über den Gegenspieler hinweg, zweimeterhoch, wie ein staunendes Kind lässt er diesen stehen. Ihn und alle anderen. «Du! Meine! Güte!», schreit der Kommentator ins Mikrofon.

Dass solche Kapriolen überhaupt ­verwundern bei jemandem, den sie ­Supercam nennen. Der mit diesem Übernamen kokettiert und ­jedes Mal, wenn er einen Touchdown ­erzielt, sein Leibchen zu zerreissen andeutet. Wie der Leinwand-Superheld eben. Dem ebenfalls keine physikalischen Grenzen gesetzt scheinen. Kaum noch Zweifel: Cam Newton wird Ende Saison zum wertvollsten Spieler der National Football League gewählt werden.

Die Brust von Janet Jackson

Der 26-Jährige ist Quarterback der ­Carolina Panthers und befindet sich auf einem Höhenflug. Noch besser: auf einer Mission. Die Regular Season der NFL ­haben die Panthers so gut abgeschlossen wie kein anderes Team – erst eine Niederlage am vorletzten Spieltag beendete ihre Jagd nach der perfekten Saison. Und so ist jetzt, wenn am Wochenende das Playoff beginnt, ausgerechnet die lange Zeit eher farblose und meist belächelte Franchise aus dem Süden nichts weniger als erster Titelfavorit.

Vor elf Jahren bestritten die Panthers das erste und einzige Endspiel ihrer 22-jährigen Clubgeschichte – nach einem dramatischen Finish unterlagen sie den New England Patriots. Dass jene Superbowl trotzdem mehr wegen der Brustwarze von Janet Jackson in Erinnerung geblieben ist als wegen des Aufbäumens von Aussenseiter Carolina, passt zur ­Reputation des Teams als graue Maus.

Nun aber sind die Aussichten auf einen Triumph besser denn je. Weil ihr Spielmacher so gut ist wie nie: Newton führte die Panthers von Sieg zu Sieg, obschon seine Passrouten bestenfalls mittelmässig besetzt sind – sein bester ­Receiver, Kelvin Benjamin, hatte sich vor der Saison einen Kreuzbandriss zugezogen. Ihm blieb die starke Defensive als Unterstützung; sie hatte schon in den beiden Vorjahren dafür gesorgt, dass die Panthers das Playoff erreichten (aber ­jeweils im Viertelfinal gescheitert sind).

Als Zukunftshoffnung gezogen

Seit 2011 spielt Newton für das Team, seinerzeit wurde er im Draft an erster Stelle und als Zukunftshoffnung in trüben Zeiten gezogen: Gerade hatten die Panthers eine Saison mit 2:14 Siegen hinter sich. Als grosses Talent galt Newton schon zu College-Zeiten, sein Wurf­arm war so bewundert wie sein explosives Laufspiel. Als Bürde für eine lange Profi­karriere wurde ihm jedoch seine vorlaute und überhebliche Art prophezeit. Selbst die eigenen Fans empfingen den neuen Spielmacher mit Skepsis.

Brief einer besorgten Mutter

Das lag vor allem an Äusserlichkeiten. Der Afroamerikaner liebt die Exzentrik. Einst erschien er in roten Weihnachtsfinken und mit Fuchsschwanz an der Hüfte zur Medienkonferenz und befand keck: «Siegern steht so etwas.» Zum ­Jubel etablierte er ausserdem den «Dab», einen Move aus der Hip-Hop-Szene, der dank Newton inzwischen sogar an der Eishockey-­U-20-WM zu sehen war. Und als sein Team im letzten Saisonspiel ­gegen Tampa Bay kurz vor Schluss ­uneinholbar führte, bestellte er seine Offensiv-Kollegen zum Teamfoto, während auf dem Platz noch die Partie lief.

Solches Gebahren kommt nicht überall gut an. «Das ist einfach respektlos», echauffierte sich der frühere Superbowl-Sieger Richard Dent, «ich würde ihn dafür umnieten.» Nachdem sich beim Sieg in Nashville ein Gegenspieler von Newtons «Dab»-Jubel provoziert gefühlt und fast eine Massenschlägerei ausgelöst hatte, protestierte eine Mutter mit offenem Brief: Newton sei ein schlechtes Vorbild für die Jugend, so ihr Vorwurf. Der Quarterback antwortete gelassen: «Wer mich nicht ­jubeln sehen will, sollte mich nicht in die Endzone laufen lassen.» Nur: So einfach ist das nicht. Neben 117 Touchdownpässen hat er in seiner Karriere 43 Touchdowns selbst erlaufen. Einer fehlt ihm noch zum Ligarekord.

100-Millionen-Dollar-Vertrag

Kein Wunder, sind sie dagegen in Charlotte von ihrem Quarterback begeistert. Die Fans hat er mit seinen Leistungen auf dem Platz ebenso überzeugt wie mit seinem Einsatz für die Community: Vor Weihnachten platzte er in die Feier einer Sonderschule für behinderte Kinder und brachte Geschenke mit, später ­verteilte er in einem Sport­geschäft ­Einkaufsgutscheine. Zudem überraschte er einen Panthers-Fanclub in deren Stammlokal. Den ganzen Tag über trug er einen Strickpullover mit tanzendem Weihnachtsmann.

Nein, ohne ihren stets gut gelaunten Superstar wollen sie sich die Sonntage in der Zukunft nicht vorstellen. Die Fans nicht und auch die Teamverantwortlichen nicht. Im vergangenen Juni offerierten sie Newton eine Vertragsverlängerung um fünf Jahre. 100 Millionen Dollar brachte ihm die Unterschrift ein.

Erstellt: 05.01.2016, 21:54 Uhr

Strickpullover, Stofffinken, Fuchsschwanz: Cam Newton liebt die Extravaganz.

Manning weiter in der Kritik

Der unter Dopingverdacht stehende Quarterback Peyton Manning gab im letzten Spiel der Regular Season sein Comeback nach eineinhalb Monaten Verletzungspause. Der 39-jährige Altstar führte seine Denver Broncos zu einem 27:20-Sieg über San Diego und damit an die erste Stelle der American Football Conference – sie geniessen so bis zur Superbowl Heimrecht. Der Wirbel um Manning will allerdings nicht abreissen: Der TV-Sender al-Jazeera, der enthüllt hatte, dass sich der Spielmacher vor vier Jahren über seine Frau Ashley mit Wachstumshormonen versorgt haben soll, präsentierte eine zweite Quelle, welche die Vorwürfe bestätigte. Mannings Manager wies dies indes umgehend als «bedeutungslos» zurück.


Am Tag nach dem Ende der Regular Season erlebte die NFL einen relativ ruhigen «Black Monday» – erfolglose Teams wie Miami Dolphins, Cleveland oder Philadelphia hatten ihren Cheftrainer schon zuvor entlassen. In New York hingegen endete eine Ära: Trainer Tom Coughlin kündigte seinen Abgang bei den Giants nach elf Jahren und zwei Superbowl-Siegen (2008, 2012) an. Grund sind offensichtliche Abnutzungserscheinungen: In den vier Jahren seit ihrem letzten Triumph hatten die Giants das Playoff stets verpasst. In dieser Saison resultierten nur sechs Siege. (wie)

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