Tiger ist zurück

Elf Jahre nach seinem letzten Major-Titel triumphiert der 43-jährige Woods beim Masters. In einer packenden Schlussrunde setzt er sich knapp durch.

Die Sensation ist perfekt: Tiger Woods triumphiert am Masters und krönt sein Comeback. Video: Twitter/PGA Tour

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mutter Kultida stand am Grün, seine Kinder Sam und Charlie, seine Partnerin Erica Herman. Sie tippelten nervös umher. Tiger Woods versuchte, Blicke zu seinen Liebsten zu unterdrücken. Noch war er nicht durch. Aber dann kam der Moment. Der Moment, auf den er elf Jahre gewartet hatte. Elf Jahre ohne Majorsieg. Körperliche Probleme. Private Probleme. Eine Ehe, die zerbrach. Ein Wrack nach zu vielen Medikamenten. Abgeschrieben. Und jetzt? Elf Jahre nach seinem letzten Majortitel, bei der US Open, gar 14 Jahre nach dem letzten seiner vier Triumphe in Augusta, beim grössten Golfturnier der Welt, stand er auf dem letzten Grün. 40 Zentimeter. Ein Ball. Ein Loch.

Und es machte plopp, wie die Fernsehbilder in alle Golfwelt sendeten. Der Golfsport ist seit diesem 14. April 2019 sicher ein anderer. Denn Woods ist ein Comeback gelungen, das kaum jemand für möglich hielt. Er ist zurück. Ein Wunder, dass keine Glocken ertönten, im Bundesstaat Georgia. Es wäre dem Anlass gerecht gewesen.

Mit einem Schlag Vorsprung hat sich der nun 43-Jährige im Augusta National Golf Club durchgesetzt, nach vier Runden hatte er 275 Schläge für die auf vier Tage verteilten 72 Bahnen benötigt, seine Landsleute Dustin Johnson, Brooks Koepka und Xander Schauffele brauchten jeweils einen mehr. Der grosse und 61 Jahre alte Bernhard Langer wurde 62. (Martin Kaymer 51.), er gratulierte Woods sofort vor dem Klubhaus. Woods genoss die Augenblicke so extrovertiert wie selten: Er riss seine Arme hoch, haute seinem Manager aufs Kreuz, strahlte befreit, erlöst, beseelt. Im Internet meldete sich Sportprominenz, Tennisprofi Serena Williams teilte mit, sie sei ob der Grösse von Woods in Tränen. Auch US-Präsident Donald Trump erkannte den geschichtsträchtigen Moment und feuerte einen Tweet ab als Gratulant.

«Nun hier der Champion zu sein, nach 22 Jahren, ist unwirklich», sagte Woods, ehe er das grüne Sieger-Jackett anzog. 1997 war sein Stern hier aufgegangen, mit dem ersten Masters-Sieg. «Es ist überwältigend», gestand Woods, den alle nur Tiger rufen. Er konnte sich bereits nicht mehr an den letzten Putt vor wenigen Minuten erinnern. Er wusste nur: «Ich habe geschrien.»

Der Erfolg gelang ihm auf eine Art, die ihren Platz in der Historie haben wird. Natürlich tauchte Woods an diesem Sonntag (wegen eines angekündigten Gewitters war der Start vorgezogen worden) im roten, halbärmligen Sporthemd auf, das macht er seit jeher so. Angriff und Dominanz soll die Farbe ausstrahlen und Gegner einschüchtern. Allerdings war er an diesem Sonntag mit dem Italiener Francesco Molinari sowie dem US-Landsmann Tony Finau unterwegs, und zu Molinari muss man sagen: Er könnte auch mit einem Grizzly eine Golfpartie spielen, er würde keine Miene verziehen und sein Ding machen. In Augusta war das diesmal insbesondere eines: Pars spielen. Par spielt man, wenn man genau so viele Schläge pro Bahn braucht wie vorgegeben. Auf einer Par-4-Bahn gelang ihm eine Vier, auf der Par-5-Bahn eine Fünf, auf einem Par-3 benötigte er drei Schläge. Es zeichnete sich zunächst mal ein Motto des finalen Tages ab: alle gegen Molinari, den Par-Macher.

Molinari schlägt den Ball tatsächlich ins Wasser

Dazu zählte indes nicht der abgeschlagene Bryson DeChambeau, der mit einem Hole-in-One, einem direkt eingelochten Ball an der 16. Bahn, für Jubel sorgte (später glückte dieses auch Justin Thomas). Zehntausende verteilten sich gedrängt auf der Anlage. Woods hatte sich in Lauerstellung gebracht, wie Finau war er mit 11 unter Par (-11) in die Runde gestartet. Molinari hatte zwei Schläge Vorsprung (-13) mitgenommen in den Sonntag.

Die Jagd begann. Der dreimalige Majorsieger Brooks Koepka legte als Erster los, schloss auf -11 auf, nun waren die Verfolger zu dritt. Woods schaffte das Birdie an der Bahn drei. Nun fehlte nur ein Schlag zu Molinari. Ian Poulter, der schrille Brite, mischte plötzlich vorne mit. Als Woods patzte, waren sie eine Vierergruppe, die bei -10 lag. Molinari lag da weiter bei -13, es sah komfortabel aus. Aber Pars zu retten, ist riskant, es klappt nicht immer. An Bahn sieben riss Molinaris Serie. Ein Bogey. Statt vier Schlägen hatte er fünf benötigt. Woods dagegen fabrizierte ein Birdie. Und so ging es völlig offen auf die letzten neun Bahnen. In Augusta sagen sie voller Stolz, das Masters beginnt stets erst so richtig, wenn die letzten neun Bahnen beginnen. So war es wieder.

Da Molinari nicht furios davonziehen konnte (an der Acht immerhin konterte er mit einem Birdie), rückten andere näher. Die Verfolgergruppe vergrösserte sich. Patrick Cantlay, einst bester Amateur der Welt, und Xander Schauffele, dessen Vater aus Stuttgart stammt, lagen auf einmal auch bei minus 10. Damit waren es fünf Spieler, die zweistellig unter Par geführt wurden. Jeder Fehler, der unterlief, wog nun doppelt schwer. Die Löcher gehen aus, so nennen es die Golfer. Koepka, Poulter und Finau schlugen an dem berühmten Par 3 in Amen Corner – so heissen die Löcher 11 bis 13 – jeweils den Ball ins Wasser. Woods unterlief ein Bogey an der 10. Bahn. Der Vorteil kippte wieder leicht Richtung Molinari, der 2018 die British Open gewann. Doch neue Konkurrenten glänzten, der Australier Jason Day und der zweimalige Augusta-Sieger Bubba Watson rückten zur Spitzengruppe auf. Es war eine wilde Phase eines aufregenden Turniers.

Dann kam die Bahn 12 für Molinari. Jordan Spieth verzockte exakt hier 2016 Führung und Titel. Molinari? Schlug den Ball tatsächlich ins Wasser. Unfassbar. Woods legte ihn solide aufs Grün. Für sieben Profis war der Sieg drin, dann sogar für zehn Spieler, die alle nur zwei Schläge auseinander lagen. Es regnete nun. An der Spitze: starke Turbulenzen. Fünf lagen gleichauf bei -12, Woods, Schauffele, Molinari, Koepka, Dustin Johnson. Ein Krimi im Minutentakt. «Ich habe meinen Emotionen kontrolliert», sagte Woods später. Molinari schwächelte. Zeigte Nerven. An Bahn 15 plumpste sein Ball abermals im Wasser. Schauffele patzte. Mit Birdies auf der 15 und 16 setzte sich Woods ab. Und konnte sich ein Bogey zum Schluss leisten. Kurz darauf hatte er seine Liebsten im Arm und meinte: «Ich könnte nicht glücklicher sein.» (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.04.2019, 22:44 Uhr

Artikel zum Thema

Der phänomenale Triumph des Altmeisters

Video Fast elf Jahre nach seinem 14. Sieg an einem grossen Turnier hat Tiger Woods am US Masters die Weltelite hinter sich gelassen. Mehr...

«Vielleicht ist das meine letzte Chance»

Tiger Woods verlor die Kontrolle über seinen Kopf, seinen Körper, sein Leben – und kehrte dann sensationell auf den Golfplatz zurück. Doch nun scheint ihm vor dem Masters in Augusta die Kraft auszugehen. Mehr...

Mickelson schlägt Woods und kassiert 9 Millionen

In der Nacht auf Samstag ging eine verrückte Golfrunde über die Bühne – mit zwei verkabelten Spielern, einem immensen Preisgeld und privaten Wetten der Golfer. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fanliebe: Kurz vor dem sechsten Spiel des NBA Finals zwischen den Toronto Raptors und den Golden State Warriors herrscht im Fansektor grosse Anspannung. (Toronto, 13. Juni 2019)
(Bild: Chris Helgren ) Mehr...