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Trotz Protesten: Schon wieder zügelt ein Team

Der Besitzer wollte ein neues Stadion, die Stimmbürger sagten Nein. Also wechseln die San Diego Chargers kurzerhand die Stadt.

1966 wurde das Qualcomm-Stadium eröffnet, es steht im Norden der Stadt an einem Autobahnkreuz. Schon seit einiger Zeit hätten die Besitzer gerne einen Neubau, immer war für sie aber klar gewesen, wer dafür zu bezahlen hat: die Steuerzahler.
1966 wurde das Qualcomm-Stadium eröffnet, es steht im Norden der Stadt an einem Autobahnkreuz. Schon seit einiger Zeit hätten die Besitzer gerne einen Neubau, immer war für sie aber klar gewesen, wer dafür zu bezahlen hat: die Steuerzahler.
Reuters
«Bitte lass mein erstes Chargers-Spiel nicht auch mein letztes sein», bat dieser kleine Fan anlässlich der letzten Saisonpartie am 1. Januar 2017 gegen Kansas City.
«Bitte lass mein erstes Chargers-Spiel nicht auch mein letztes sein», bat dieser kleine Fan anlässlich der letzten Saisonpartie am 1. Januar 2017 gegen Kansas City.
Reuters
1,85 Milliarden Dollar soll das neue Football-Stadion im Vorort Inglewood kosten, 2019 ist es bezugsbereit. Die Rams werden Haupt- und die Chargers Untermieter sein. 200 Millionen Dollar müssen sie zur Summe beisteuern.
1,85 Milliarden Dollar soll das neue Football-Stadion im Vorort Inglewood kosten, 2019 ist es bezugsbereit. Die Rams werden Haupt- und die Chargers Untermieter sein. 200 Millionen Dollar müssen sie zur Summe beisteuern.
Reuters
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Nutzlos waren die Proteste. Zwecklos die vielen Stimmen, die sie in einer Abstimmung über ein neues Stadion trotz allem auf ihrer Seite hatten. Es geht im US-Sport um Profit, nicht um Sympathie, und darum fällten die Besitzer der San Diego Chargers den unpopulären Entscheid und teilten ihn am Donnerstag den Angestellten und der Öffentlichkeit in einem Brief mit: Das Team wird seine Heimat verlassen und im 200 Kilometer entfernten Los Angeles seine Zelte aufschlagen.

Es ist eine Rückkehr für die Blitze: Ihre erste Saison nach der Gründung 1960 hatten sie in Los Angeles bestritten, ehe sie südwärts an die mexikanische Grenzen zogen. San Diego mit 1,4 Millionen Einwohnern ist allerdings ein vergleichsweise kleiner Markt, zudem blieb der durchschlagende sportliche Erfolg aus. Ein einziges Mal, 1995, qualifizierten sich die Chargers für die Superbowl. In der restlichen Zeit mussten sie um jeden Zuschauer kämpfen.

In den vergangenen Jahren schwand der Rückhalt in der Bevölkerung zunehmend, und die Besitzerfamilie Spanos kokettierte immer lauter mit einem Wegzug. Kam dazu, dass das Stadion, 1966 eröffnet, längst nicht mehr den Standards genügt. Schon vor einem Jahr hatten sich die Chargers um einen Umzug nach Los Angeles beworben, damals vergeblich, denn die National Football League gab den St. Louis Rams den Vorzug. Diese haben nun eine erste, mässig erfolgreiche Saison in Los Angeles hinter sich.

Noch hat die Liga ihr Okay für einen Wechsel der Chargers nicht gegeben, doch Zweifel gibt es keine mehr. Nachdem die Stimmberechtigten im vergangenen November die öffentliche Finanzierung eines Stadionneubaus abgelehnt hatten, eskalierte das Verhältnis zwischen den Chargers und den Fans. Diese protestierten bei jeder Gelegenheit gegen die Eigentümer, bei den Spielen blieben immer mehr Plätze leer, und die Mannschaft wurde regelmässig ausgebuht.

Trotzdem fallen die Reaktionen nun heftig aus, als an diesem Donnerstag der Wegzug offiziell wird. In einem Park beim Stadion stellten Fans in ihrer Trauer Kerzen auf, andere bewarfen das Chargers-Hauptquartier mit Eiern.

Im europäischen Sportmarkt sind Umzüge von Teams unüblich und verpönt, in den USA gelten sie als Teil des Geschäfts – Teams werden viel mehr als Unternehmen wahrgenommen. So haben seit 1960 je neun NFL- und NHL-Teams ihren Standort gewechselt.

Die Gründe dafür sind meist finanzieller oder perspektivischer Natur. Die Minnesota Lakers etwa wurden erst in Los Angeles zu einem der bestbekannten Basektballclubs überhaupt. In der National Hockey League wiederum siedelten in den Neunzigerjahren gleich vier Traditionsteams aus kleineren Städten im Norden in südlichere Gefilde über, um dort das Eishockey populärer zu machen.

Im Baseball zogen die Brooklyn Dodgers und die New York Giants innerhalb desselben Jahres in den prosperierenden Westen, um in Los Angeles und San Francisco zu kommerziellen Grossclubs zu werden. Unter den NFL-Eigentümern hat sich eingebürgert, die Bevölkerung mit der Drohung eines Wegzugs dazu zu bringen, mit einem Ja an der Urne ein neues Stadion zu finanzieren. So erhalten die Atlanta Falcons ein neues Stadion, obschon ihr altes erst für die Olympischen Spiele 1996 erstellt worden war.

Der perfide Schachzug

In den meisten Fällen bekommen die Teams ihren Willen – der Fan ist schliesslich Fan und will es bleiben. Verweigert die Stadt ihrem Team aber die Liebe, wird viel Geschirr zerschlagen. Zu den umstrittensten Umzügen gehören die Umzüge der Seattle Super Sonics nach Oklahoma (Basketball), der Cleveland Browns nach Baltimore (Football) und der Minnesota North Stars nach Dallas (Eishockey). Besonders perfide der Besitzer des Footballteams der Baltimore Colts: 1984 zügelte er das Team mitten in der Nacht mit 15 LKW-Ladungen nach Indianapolis.

Nur – und damit zurück zu den San Diego Chargers: Die NFL und Los Angeles sind den Beweis noch schuldig, dass sie zueinander passen. Die Rams zügelten 1946 ein erstes Mal ins südliche Kalifornien und 1995 wieder weg. Im selben Jahr verliessen auch die Raiders, gerade einmal 13 Jahre zuvor gekommen, die Metropole. Die Gründe waren bei beiden Teams der fehlende Rückhalt bei der Bevölkerung und ein fehlendes Stadion der Moderne.

Dass die Rams vor einem Jahr die Rückkehr in den zweitgrössten TV-Markt des Landes wagten, war mutig, schliesslich ist ihr neues Stadion (in dem die Chargers wohl Untermieter sein werden) erst 2019 bezugsbereit. So bestritten sie die erste Saison im alten Memorial Coliseum, das schon 1932 und 1984 erneut als Olympiastadion gedient hatte, doch im weiten Rund blieben viele Plätze leer. Komfort hat es keinen, die Zuschauer sitzen auf unbequemen Alubänken ohne Lehne. Das tun sie in Green Bay zwar auch – zu den legendären Packers passt Bratwurstfeeling aber ungleich besser als ins selbstgefällige L.A.

Die Wechselorgie an der Westküste ist noch nicht abgeschlossen. Auch die Oakland Raiders spielen in einem alten Stadion und liebäugelten mit Los Angeles als neue Heimat. Die Liga verwehrte ihnen diesen Schritt jedoch, weshalb nun Las Vegas – trotz grosser Bedenken bei den Fans – als wahrscheinlichste Ausweichsvariante gilt.

Es wäre die zweite Expansion einer grossen nordamerikanischen Sportliga nach Sin City: Im kommenden Jahr nimmt die neu gegründete NHL-Franchise der Golden Knights ihren Spielbetrieb auf.

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