Und der Sieger ist: Die Betrüger-Nation

Russland wird für vier Jahre von allen globalen Anlässen ausgeschlossen – und kann mit dem Urteil doch zufrieden sein. Drängende Fragen und Antworten zum Jahrhundertfall.

Einmarsch nur unter neutraler Flagge gestattet: Wie in Pyeongchang 2018 bleibt die russische Nation auch von den nächsten Sommer- und Winterspielen ausgesperrt.

Einmarsch nur unter neutraler Flagge gestattet: Wie in Pyeongchang 2018 bleibt die russische Nation auch von den nächsten Sommer- und Winterspielen ausgesperrt. Bild: Valeri Sharifulin (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was sind die wichtigsten Folgen des Wada-Entscheids?

– Die russischen Athleten dürfen die nächsten vier Jahre nicht unter eigener Fahne an Grossanlässen teilnehmen. Sie müssen als sogenannt Neutrale starten, dafür den Ausrichtern aber ihre Unschuld belegen können.

– Gleiches gilt für Trainer und Betreuer. Als Grossanlässe gelten: die Sommerspiele 2020, die Winterspiele 2022 sowie globale Titelkämpfe von Sportarten, die sich dem Wada-Code verpflichtet haben. Ausgenommen sind kontinentale Meisterschaften wie die Fussball-Euro.

Was sind weitere Folgen?

– Russland darf keine Grossveranstaltungen ausrichten oder sich dafür bewerben. Das Land darf sich nicht für die Spiele und die Paralympics 2032 als Ausrichter bewerben.

– Russische Regierungsvertreter dürfen in dieser Zeit nicht an Sitzungen von Vorständen oder Ausschüssen internationaler Sportorganisationen dabei sein oder in diese Gremien gewählt werden. Sie dürfen nicht an Olympische Spiele, Paralympics sowie andere Grossevents reisen.

– Weder der Präsident, der Generalsekretär, der Geschäftsführer noch Mitglieder des Exekutivkomitees des russischen Olympischen Komitees oder russischen Paralympischen Komitees dürfen an einer grösseren Veranstaltung im Vierjahreszeitraum partizipieren.

– Die russische Anti-Doping-Agentur muss alle seit dem Januar entstandenen Kosten der Wada für die Untersuchung übernehmen und eine Busse von maximal 100000 Dollar zahlen.

Ist das Urteil rechtskräftig?

Russland kann und will den Fall vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS ziehen. Zwar dürfte das CAS das Urteil bestätigen. Aber: Wird der Fall wirklich vor den Sommerspielen vom nächsten Juli abgeschlossen sein? Selbst die Wada ist skeptisch, weil die Russen die Causa trotz dringlicher Behandlung innerhalb des CAS verschleppen können. Greifen die Massnahmen allerdings nicht für die Spiele 2020, werden sie über die vier Jahre hinaus für die Spiele 2024 angewandt.

Die Russen
manipulierten
noch bis im Oktober
die entscheidenden Informationen.

Warum geht die Wada überhaupt gegen Russland vor?

Dank Whistleblowern und Journalisten wurde spätestens ab Herbst 2014 klar, dass Russland rund um die Heimspiele von 2014 in Sotschi systematisch betrog. Eine von der Wada eingesetzte Kommission unter dem kanadischen Rechtsprofessor Richard McLaren überprüfte die Vorwürfe und bestätigte sie in zwei Berichten von 2016 detailliert.

Welches sind die Schlüsselinformationen der Wada?

Zu den wertvollsten zählt eine Kopie aller vom Anti-Doping-Labor in Moskau gesammelten Informationen der Jahre 2011 bis 2015. Vor rund zwei Jahren spielte ihr ein Whistleblower die Daten zu. Die Wada aber wollte das Original, es ist bei Rechtsfällen sehr wichtig. Die Russen willigten ein, diese Datenbank auszuhändigen, manipulierten sie aber gar noch Stunden, bevor die Wada-Ermittler diesen Januar in Moskau landeten.

Die Wada konnte gar noch Änderungen der Datenbank in diesem Oktober feststellen – zu einem Zeitpunkt also, als die Russen seit Monaten mit den globalen Dopingbekämpfern offiziell kooperierten und wussten, dass bald über ihr sportliches Schicksal entschieden würde: am 9. Dezember durch den Wada-Vorstand.

Was manipulierten die Russen?

Sie versuchten 20000 Dokumente, die mindestens 298 auffällige Athletenproben belegten und in der Datenbank des Moskauer Labors registriert waren, zu löschen – oder zumindest so zu verändern, dass aus den auffälligen Proben unauffällige wurden. 145 Fälle konnten die Wada-Ermittler sowie zugezogene Forensik-Experten zweifelsfrei Athleten zuweisen. Von diesen 145 Athleten sind gemäss Wada noch circa 30 Prozent aktiv. Gegen die Betrüger können nun Verfahren eingeleitet werden.

Die verdächtigen Spuren der 153 anderen Russen aber sind durch die Manipulationen zerstört worden. Diese Sportler haben folglich keine Konsequenzen zu befürchten. Zugleich bedeutet das Verwischen der Spuren: Anhand der Datenbank kann generell kein russischer Athlet mehr seine Unschuld beweisen.

Für die Chef-Betrüger ist dabei entscheidend, dass dank ihrer Eingriffe sehr viele gedopte russische Athleten schlicht nicht überführt werden können. Und diese folglich als neutrale Athleten an Grossanlässen startberechtigt sind – falls sie ihre Sauberkeit durch andere, negative Dopingproben belegen können.

Wie clever gingen die Russen beim Betrügen vor?

Betrachtet man das Endresultat: sehr. Schliesslich verwischten sie mit den Manipulationen ihrer Datenbank die Spuren zwischen ehrlichen und unehrlichen Sportlern.

Zugleich konnten ihnen die Wada-Ermittler aber dreisteste Lügen nachweisen. Eines der erhellendsten Beispiele: Russlands Sportminister Pavel Kolobkow, einst Fecht-Olympiasieger, schickte Wada-Präsident Reedie Ende August einen Brief, in dem er versicherte, man habe die Manipulatoren der Datenbank entlarvt: Unter anderen gehöre der entscheidende Whistleblower der Wada dazu, der langjährige Leiter des Anti-Doping-Labors von Moskau, Gregori Rodschenkow. Chats, der Datenbank entnommen, würden dies belegen.

Nur: Die Wada stellte fest, dass diese angeblich internen Nachrichten erfunden worden waren und nur dazu dienten, Rodschenkow zu diskreditieren. Denn das offizielle Russland behauptet bis heute, Rodschenkow sei Zentrum und Drahtzieher dieser scheinbar flächendeckenden Manipulationen gewesen. Er habe damit Athleten und Trainer erpressen und so an viel Geld kommen wollen.

Wer hat den Betrug angeordnet?

Beantwortet wird die Frage erst einmal so: Die russische Politik hat sich des Falls angenommen – und zu ermitteln begonnen. Alle entscheidenden Informationen und Örtlichkeiten wie das Labor sind unter Staatskontrolle. Juri Ganus, der zumindest integer wirkende neue Chef der russischen Anti-Doping-Agentur, sagt zum Drahtzieher: «Diese Person besitzt eine wirklich hohe Machtposition.» Präsident Wladimir Putin aber schloss Ganus als diese Person explizit aus.

Hätten die russischen Athleten auch allesamt für Grossanlässe gesperrt werden können?

Gemäss den Wada-Regeln: ja. Die globalen Dopingbekämpfer aber entschieden sich dagegen, weil sie damit auch die ehrlichen russischen Athleten mitbestraft hätten. Dass sich die Wada-Position mit derjenigen des IOK deckt, ist kein Zufall: Es hat grossen Einfluss auf die Führungscrew der Wada und immer klargemacht, was es sich wünscht.

Erstellt: 09.12.2019, 21:47 Uhr

Artikel zum Thema

Gratulation den Russen!

Kommentar Die Strafe der Welt-Anti-Doping-Agentur gegen Russland klingt hart. Gemessen am immensen Betrug ist sie milde – das war natürlich russisches Kalkül. Mehr...

Russland für vier Jahre vom Weltsport gesperrt

Die Welt-Anti-Doping-Agentur hat im Skandal um manipulierte Daten harte Sanktionen gegen Russland verhängt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Was für eine Plage: Eine Bauernstochter in Kenia versucht mit ihrem Schal Heuschrecken zu verjagen. (24. Januar 2020)
(Bild: Ben Curtis) Mehr...