Sie haben eine Special-Mission am Zürich Marathon

Astrid Müller, Daniel Enz und Co.: Fünf Pacemaker sagen, was am Sonntag ihr ungewöhnlicher Job ist.

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Gewöhnt an das Männergrüppchen im Rücken

Astrid Müller (46), Russikon, Marketingplanerin, Pacemakerin 3:15 Stunden, ca. 60 Marathons, pers. Bestzeit (PB) 2:53:02. Foto: Urs Jaudas

Zeit ihres Läuferinnenlebens hat Astrid Müller nichts anderes gemacht, als anderen Läufern das richtige, gleichmässige Tempo vorzugeben. Am Sonntag tut sie dies am Zürich-Marathon aber erst zum zweiten Mal in offizieller Mission, mit der Pacemaker-Fahne auf dem Rücken.

«Ich hatte schon immer ein Männertrüppchen hinter mir», sagt Müller. Die Läufer folgten ihr, weil Frauen bekannt dafür sind, Rennen gleichmässiger zu bestreiten. Eine Fähigkeit, die beim Marathon zentral ist, weil es darum geht, die eigenen Kräfte möglichst gut für die 42,195 Kilometer einzuteilen.

Bereits ihr 13. Zürich-Marathon

Einst lief Müller bei der Elite mit, nun hilft sie mit ihrer inneren Uhr anderen Läufern. Vor einem Jahr gab sie das erste Mal die Pacemakerin. Nun erneut, bei ihrem 13. Zürich-Marathon. Damit gehört sie zum Jubiläumsclub – eine zweite Startnummer am Rücken weist sie als Mitglied aus. Müller ist durchaus froh darum: «Es gibt überehrgeizige Männer, die ein Problem damit haben, wenn in ihrem Bereich um 3 Stunden eine Frau mitläuft. Der Jubiläumsclub erhöht die Akzeptanz.»

Als sie von ihrer Faszination für den Marathon spricht, wird Müllers Blick verklärt: «Er war von Beginn weg meine Liebe, von der ersten Teilnahme mit 25. Du musst dich zwar überwinden, besonders im Training. Aber wenn du dich überwunden hast, dann läuft es. Danach spüre ich eine tiefe Zufriedenheit, die ich sonst nie erfahre.» Oft läuft sie am Morgen, «dann bin ich im Tag angekommen».

Einst bestritt Müller auch Dua- und Triathlons, mittlerweile sind es zur Abwechslung Waffenläufe, die ihr Spass bereiten. Im Herbst wurde sie in Frauenfeld Schweizer Meisterin.

Ihr Ziel ist es, ihre Gruppe kompakt zu halten. «Die Läufer sparen mentale Energie, wenn sie mit mir laufen, weil sie sich nicht auf die Pace konzentrieren müssen.» An Einfühlungsvermögen fehlt es ihr nicht, sie kennt die andere Seite: Einst lief sie neben dem Läufer mit dem damaligen 3-Stunden-Ballon her. «Beim Tiefenbrunnen zog er an mir vorbei, das war einer meiner schlimmsten Marathonmomente.»

Der Weg zu den besten 2 Prozent führt über ihn

Daniel Enz (33) , Stäfa, Treuhänder, Pacemaker 3:00 Stunden, 24 Marathons, PB 2:36:58. Foto: Urs Jaudas

Es ist eine andere Nervosität, die Daniel Enz vor diesem Marathon verspürt. Kein Wunder: Er gibt sein Debüt als Pacemaker, nachdem er sich auf einen Internetaufruf der Organisatoren gemeldet hat. Er übernimmt gleich die Königsgruppe des Pacemaking: jene Läufer, die unter drei Stunden bleiben wollen. Es ist das Gütesiegel der ambitionierten Marathoni, nur zwei Prozent aller Läufer weltweit erreichen dieses Ziel.

Für Enz sollte die Zeit kein Problem sein, Anfang März lief er in Tokio 23 Minuten schneller. Das Tempo in Zürich wird für ihn eher einem zügigen Trainingslauf gleichen. Der frühe Saisonhöhepunkt war auch ein Grund, weshalb er sich als Pacemaker meldete. «Ohne Ziel gewöhne ich mich schnell ans Nichtstun. Doch die Essgewohnheiten bleiben», sagt er. Sprich: Nur mit viel Bewegung kann er sein Idealgewicht halten.

Im Training konzentrierte er sich in den vergangenen Wochen auf die neue Aufgabe, lief oft mit einem Laufrucksack und Wasser, um ein Gefühl dafür zu erhalten, wie es ist, mit Zusatzgewicht zu laufen. Am Marathon wird er dieses in Form einer langen Flagge auf dem Rücken mittragen.

Schon gewarnt wurde er in dem Zusammenhang vor dem Wendepunkt in Meilen. Dort führt die Strecke durch ein Festzelt. Die Pacemaker müssen dieses gebückt durchqueren, sonst droht ein Sturz – die Fahne ist höher als der Zeltdurchgang.

Laufvirus seit dem Team-Run 2011

Ansonsten ist die Strecke des Zürich-Marathon Enz wohlbekannt. 2011 wurde er hier vom Laufvirus infiziert, als er im Team-Run die längste Strecke absolvierte – damals in Fussballhosen und Baumwoll-Shirt. Im Herbst darauf folgte bereits das Marathondebüt. Ihn motiviert «das Gefühl, wenn die Leute dir zujubeln, dich anfeuern. Und es ist jedes Mal schön, ins Ziel zu kommen, auch wenn die Beine schwer werden.»

Am Sonntag werden jene der Läufer um ihn herum noch etwas schwerer sein. Enz plant, sie auch verbal zu motivieren. «Auch wenn das einseitige Gespräche sein werden: Sie werden – und sollen auch – keine Luft zum Sprechen haben.»

Der Letzte am Start und der Letzte im Ziel

Daniel Henzmann (53), Bülach, Allrounder Flughafen Zürich, Pacemaker 5:30 Stunden, ca. 20 Marathons, PB 4:30. Foto: Urs Jaudas

Einsamer kann ein Marathon kaum ablaufen. Daniel Henzmann ist darauf vorbereitet, die ersten zweieinhalb Stunden seines Zürich-Marathons, bis zum Wendepunkt in Meilen, alleine zu absolvieren. Henzmann peilt eine Endzeit von 5:30 Stunden an, was zugleich den Zielschluss darstellt. Der 53-Jährige ist also nicht nur Pacemaker, sondern auch der Vorbote des Besenwagens. Wer ihm nicht folgen kann, muss aus dem Rennen aus- oder in das Begleitfahrzeug dahinter einsteigen.

Henzmann kennt die Aufgabe – bereits 2016 machte er den Abschluss. «Man ist als Pacemaker nicht nur ein Mitläufer, sondern Teil des Marathons», sagt er. Seinen ersten Wettkampf, gleich einen Marathon, bestritt er erst 2012 – obwohl er seit der Lehre stets gelaufen war. «Mir fehlte das Know-how. Doch dann hatte ich einen Arbeitskollegen, der viele Wettkämpfe bestritt und den ich alles fragen konnte. Das hat mich angestachelt.»

Von Henzmann ist unterwegs viel Einfühlungsvermögen gefordert. Denn die Läufer, die er einholt, wissen, dass sie zwei Optionen haben: entweder ihr bisheriges Tempo zu erhöhen und mit ihm mitzulaufen – oder aufzugeben. Da sind psychologische Tricks gefragt. «Ich versuche, sie von ihrer Müdigkeit abzulenken. Und dass sie sich mental nicht zu sehr aufs Laufen konzentrieren.»

«Vorne Bleistifte, hinten Gummi»

Er motiviert sich mit der Aussicht, im Ziel von der Ehefrau empfangen zu werden. Bezüglich seines Marathontempos macht sich Henzmann keine Illusionen: «Manchmal wünschte ich mir, ich könnte schneller laufen. Aber das geht von der Grundschnelligkeit her einfach nicht.» Die Leute, die in seinem Bereich die 42,195 Kilometer absolvieren, umschreibt er humorvoll so: «Vorne laufen die Bleistifte, hinten die Radiergummi – die langsameren Läufer sind schon eher die korpulenteren.»

Was nicht heisst, dass deren Leistung gering geschätzt würde: «Die Läufergemeinde weiss: Es sind für alle 42 Kilometer. Und ob man dafür 2:10 oder 5:30 Stunden braucht – es ist für alle eine Herausforderung.»

42 Kilometer lang sprechen

Giulia Paggiola (49) , Güttingen TG, med. Praxisassistentin, Pacemaker 4:30 Stunden, 36 Marathons, PB 3:51. Foto: Urs Jaudas

Wenn man diese Aufgabe als Beruf ausüben könnte, Giulia Paggiola wäre die erste Kandidatin dafür. Jedes Jahr sorgt sie bei mehreren Marathons und Halbmarathons dafür, dass die Läuferinnen und Läufer um sie in der entsprechenden Zeit das Ziel erreichen. Nervös ist sie darum längst nicht mehr vor einem Marathon. «Ich freue mich auf die Aufgabe, mit den anderen Läufern das Ziel zu erreichen», sprudelt es aus Paggiola. Sie ist die mit Abstand extrovertierteste Person der porträtierten Gruppe von Pacemakern. «Ich spreche während des ganzen Marathons. Das Gute dabei: Meine Zuhörer können nicht wegrennen», sagt sie und lacht ihr prägnantes Lachen.

Konzentrieren muss sich aber auch die Mutter von Zwillingen, bei aller übersprudelnder Fröhlichkeit. Einmal wurde sie am Zürich-Marathon übermütig, lief einige Schritte rückwärts vor ihrer Gruppe her, kam ins Straucheln und fiel hin. «Mir verschlug es den Atem. Und was machte die Gruppe? Sie blieb stehen!» Der Zwischenfall blieb eine Episode, alle kamen rechtzeitig ins Ziel.

Ankommen, ohne sich auszukotzen

Vor dem Rennen geht Paggiola jeweils durch den Startblock und begrüsst alle mit einem lauten «Guten Morgen!». Jedes Mal bildet sich eine grosse Menschentraube um sie. Aus der schält sich nach rund zehn Kilometern jener Kern heraus, der sie bis zum Ziel begleiten wird. Die Grösse ihrer Gruppe hängt auch mit ihrer Zeit von 4:30 Stunden zusammen: «Darunter sind viele Leute, die ihren ersten Marathon laufen und sich dabei nicht auskotzen wollen.»

Für Paggiola ist ein Marathon schlicht ein längerer Trainingslauf. Ambitionen hegt sie bei längeren Distanzen, bei den 100 Kilometern von Biel oder einem 24-Stunden-Lauf. Einen solchen gewann sie voriges Jahr.

Paggiola läuft seit 22 Jahren, 3000 bis 3500 Kilometer kommen jährlich zusammen, 16 farbige Paar Laufschuhe stehen daheim zur Auswahl. «Laufen ist eine Lebensphilosophie, Dankbarkeit dem Körper gegenüber», sagt sie, die unter «Laufend glücklich» auf Facebook ihre Passion mit Lauffreunden teilt.

Von New York bis zum Einbruch

Thomas Heiniger (62), Adliswil, Regierungspräsident, Ex-Pacemaker, zwischen 20 und 30 Marathons, PB 3:30:07. Foto: Urs Jaudas

Die Enttäuschung hallte noch eine Weile nach. 2018 lief der Zürcher Regierungsrat Thomas Heiniger zum vierten Mal als 4-Stunden-Pacemaker den Zürich-Marathon. Bei seiner 13. Teilnahme wurde er komplett überrascht. Mehr als dreieinhalb Stunden lief alles nach Plan, dann kam der Hammermann. «Ab Kilometer 39 litt ich brutal und konnte trotz aller Schmerzbereitschaft nicht mehr», erzählt Heiniger. Für die verbleibenden 3 Kilometer brauchte er noch ganze 30 Minuten, verpasste die angepeilte 4-Stunden-Marke deutlich. Zu Heinigers Erleichterung hatte sein Freund – die Pacemaker sind immer zu zweit unterwegs – die Läufer in ihrer Wunschzeit über die Ziellinie gebracht.

Am Sonntag verzichtet der FDP-Politiker auf einen Start. Nicht aus Angst vor einem erneuten Einbruch – nach einer Schulteroperation ist er mit dem Training im Rückstand. Anzusehen ist ihm das nicht, so dynamisch fliegt er beim Fototermin durchs Bild. Der Einbruch vor einem Jahr bedeutet auch nicht das Ende seiner Marathonkarriere. Nach seinem Rücktritt im Mai will Heiniger wieder öfter laufen. «Ich lebe nicht fürs Laufen. Aber ohne wäre es nicht mein Leben.»

Sein Marathondebüt gab er 2000 in New York. Es war eine Herausforderung mit Symbolwert: Nach einem schweren Vespa-Unfall im Jahr zuvor fühlte er sich als Marathon-Finisher «wiederhergestellt».

«Gesprächige Tempomaschine»

Bald realisierte Heiniger, dass er sich zeitmässig nicht mehr viel verbessern würde. Marathon für Marathon beendete er zwischen 3:30 und 4 Stunden. Darum entschied er sich, mit seinem Tempogefühl andere zu unterstützen. «Die Leute sind dankbar, haben Spass, vertrauen mir», sagt Heiniger, der den Pacemaker «eine gesprächige Tempomaschine» nennt –ein guter Spruch im richtigen Moment hat schon manchen Marathonläufer aus einer Krise geholt. Heiniger trainierte jeweils bewusst für die Rolle, schulte sein Tempogefühl. «Ich kann auf 5 Sekunden genau sagen, wie schnell ich unterwegs bin.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.04.2019, 21:40 Uhr

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