Verräterische blaue Bohnen

Dank neuer Verfahren werden Doper lange nach dem Betrug noch erwischt. Nun ist der 60. Teilnehmer der Spiele 2012 überführt – mit einem Anabolikum aus DDR-Zeit.

2012 noch der unbezwingbare Olympia-Ringer, jetzt vor allem ein kräftiger Betrüger: Artur Taymazov. Foto: Suhaib Salem (Reuters)

2012 noch der unbezwingbare Olympia-Ringer, jetzt vor allem ein kräftiger Betrüger: Artur Taymazov. Foto: Suhaib Salem (Reuters)

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Artur Taymazov ist eine Legende des Ringsports. Dreimal in Folge sicherte er sich ab 2004 Olympiagold. Dazu erkämpfte sich der Usbeke noch Olympiasilber. Nun sind dem mittlerweile 40-Jährigen seine blauen Bohnen zum Verhängnis geworden, die ihn zu diesen Triumphen mittrugen.

Denn Nachkontrollen des IOK ergaben: Sowohl bei seinem ­Erfolg von 2008 wie 2012 hatte Taymazov das Anabolikum Oral-Turinabol verwendet – in Insiderkreisen blaue Bohnen oder auch blaue Blitze genannt.

Folglich nahm ihm das IOK die beiden letzten Olympiasiege weg. Die anderen Medaillen konnte er hingegen behalten. Sauber wird Taymazov wohl auch diese nicht errungen haben. Bloss reichten die Analyse­methoden damals noch nicht, das Anabolikum aufzuspüren – obschon es die DDR für ihre Sportler produziert hatte, und es damit mehr als 30 Jahre alt ist.

Aber Langzeit-Metaboliten von Oral-Turinabol – wie überhaupt vieler Anabolika – vermögen die Dopingbekämpfer erst seit diesem Jahrzehnt zu erkennen. Darum setzte das IOK Nachtests erstmals für die Spiele von 2004 ein, noch mit bescheidenem Erfolg. Schon die Nachkontrollen der Spiele von 2008 entlarvten 65 Doper, nachdem man an den Spielen bloss 7 entdeckt hatte.

Diesen Negativrekord könnte London 2012 nun brechen. ­Taymazov ist der 60. Athlet jener Spiele, der Jahre nach dem Anlass mittels Nachtests überführt werden konnte. Dass viele Fälle erst mit grosser zeitlicher Verzögerung bekannt werden, hängt mit der Strategie des IOK zusammen. Je länger es mit Nachtests zuwartet, desto besser sind die Analyseverfahren – und desto mehr Athleten werden erwischt.

Nur ist dem IOK beim Aufspüren ein Zeitlimit gesetzt. Acht Jahre waren es noch für London 2012, weshalb die Frist im kommenden Jahr abläuft. Für Rio 2016 gelten zehn Jahre. Dass bislang noch kein Rio-Teilnehmer durchfiel, hängt mit der erwähnten Strategie des IOK zusammen: den Zeitraum so weit wie möglich auszureizen.

Wie wichtig dieses Instrument im Dopingkampf ist, zeigt sich an den überführten Medaillengewinnern: Sie machen teilweise mehr als die Hälfte aller Erwischten aus. Dies hängt mit den Kontrollen zusammen. Primär die Top 3 werden aufgeboten – plus wenige Zusätzliche. Also sind für Nachkontrollen oft nur Proben Erfolgreicher vorhanden.

Hohe Dunkelziffer

Dieses System verdeutlicht zugleich, wie grobmaschig das Netz ist. Nur ein Bruchteil aller Olympioniken wird überprüft. Der Umfang des Betrugs ist wohl sehr viel höher, als es die ausgewiesenen Fälle suggerieren. ­Chinesische Doper konnten aus ihren Heimspielen 2008 etwa auch in den Nachtests kaum ­aufgespürt werden. Dabei ist es unter Experten kein Geheimnis, dass China den Erfolg als Nummer 1 im Medaillenspiegel mit viel Chemie erreichte.

Auch der Einsatz von Oral-­Turinabol zeigt, wie schwierig es lange war, selbst Uraltmittel aufzuspüren. Auf die blauen Bohnen setzten darum viele Sportler noch an Spielen der jüngeren Vergangenheit, primär aus Osteuropa. Denn sie sind billig, ­garantieren schnellen Kraft­zuwachs und können relativ lange vor dem Zielanlass abgesetzt werden. Die Wirkung aber hält in verminderter Form an.

Doch so wichtig Nachkontrollen sind: Um Medaillen betrogene Athleten haben relativ wenig davon. Sponsoren oder Ruhm lassen sich nicht rückwirkend herbeiführen.

Zudem führt das Nachtesten zu bizarren Situationen: Der Gewichtheber Tomasz Zielinski war an den Spielen 2012 nur darum von Platz 9 auf den Bronzerang vorgerückt, weil sechs stärkere Gegner später als Doper aufflogen. Der Pole erhielt sein Edelmetall just vor den Spielen 2016 – wo er positiv getestet wurde.

Erstellt: 09.08.2019, 10:08 Uhr

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