«Vielleicht ist das meine letzte Chance»

Tiger Woods verlor die Kontrolle über seinen Kopf, seinen Körper, sein Leben – und kehrte dann sensationell auf den Golfplatz zurück. Doch nun scheint ihm vor dem Masters in Augusta die Kraft auszugehen.

Auch Tiger Wood selbst weiss nicht, wozu er noch in der Lage sein wird.

Auch Tiger Wood selbst weiss nicht, wozu er noch in der Lage sein wird. Bild: Andrew Redington (Getty Images)

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Mit jeder Frage wich das Selbstvertrauen ein bisschen mehr. Tiger Woods sass oben auf dem Podium, eine Wasserflasche in der Hand, Schweissperlen auf der Stirn. Die Golfjournalisten Amerikas sassen vor ihm und wollten wissen, was denn der grosse Meister selber für Erwartungen habe. Was er, Woods, sich mit 43 Jahren überhaupt noch zutraue beim wichtigsten Turnier des Jahres, dem Masters. Woods sagte: «Wer weiss, vielleicht ist das meine letzte Chance.»

In den letzten 18 Monaten erlebte die Golfwelt eines der bemerkenswertesten Comebacks des Sports. Nach seinen privaten Eskapaden mit Escortdamen und Drogenmissbrauch stürzte Tiger Woods in ein tiefes Loch. Der Wunderspieler vergangener Tage verlor die Kontrolle über sein Leben. Seine Frau wendete sich von ihm ab, die Fans auch, und die Golfschläge vom Tee und aus den Bunkern gelangen nicht mehr mit der Leichtigkeit von früher, als Siege und Pokale selbstverständlich waren.

Das Leben hat am Kopf des Amerikaners gezehrt, und auch für den Körper wurde alles zu viel. Mit elf Monaten hatte der kleine Tiger zum ersten Mal einen Golfschläger in der Hand, mit 21 Jahren gewann er seinen ersten Majortitel. Ein Vierteljahrhundert war Woods Profi – aber irgendwann spielte der Körper nicht mehr mit. Immer wieder wurden ihm die kaputten Knie zurechtgeflickt. Vor zwei Jahren schnitten ihm die Ärzte zum vierten Mal den Rücken auf und reparierten, was noch zu reparieren war. Vor eineinhalb Jahren sagte Woods, als er wieder laufen konnte und auf den Golfplatz zurückkehrte: «Ich bin ein wandelndes Wunder.»

Taktik statt Power

Experten sagten damals, es wäre ein erfolgreiches Comeback, wenn Woods nur gesund bliebe. Doch das reichte dem 14-fachen Majorsieger nicht. Er wollte wieder triumphieren, seine Gegner dominieren. Beim Saisonabschlussevent in East Lake vergangenen September holte sich Woods den Turniersieg, es war sein erster seit fünf Jahren, der achtzigste in seiner Karriere. Und plötzlich war Tiger Woods für viele wieder der Alte, «the old Tiger», der Favorit.

Doch einiges hat sich verändert in der Karriere von Woods. Die Verletzungen und kräftezehrenden Operationen haben den athletischen Longhitter in einen alten Taktiker verwandelt. 1997 gewann Woods sein erstes Masters. Er schlug die Bälle 40 Meter weiter als der Durchschnitt im Feld. Heute, wenn das Masters wieder beginnt, gehört Woods nicht mal mehr zu den Top 20, wenn es um die Länge der Abschläge geht. Die Kräfte schwinden langsam, die Power vergangener Tage ist verpufft.

Kraftvolle Präzisionsmaschine

Also fragten ihn die Journalisten bei der offiziellen Pressekonferenz vor dem Start des wichtigsten Golfturniers der Welt, wie er denn zu gewinnen gedenke gegen all die jungen, fitten Typen da draussen, die das sind, was er früher war: Eine kraftvolle Präzisionsmaschine. Eine Antwort darauf fand Woods nicht, stattdessen lächelte er nur, es komme schon irgendwie gut.

Tiger Woods hat neue Stärken entwickelt in seinem Golfspiel und die alten verworfen. Er hat seinen Schwung verfeinert, an seinem Kurzspiel gearbeitet, weil er nahe an den Greens perfekt spielen muss, um mithalten zu können. Doch vielleicht reicht nicht mal die Perfektion in den nächsten vier Tagen für seinen fünften Sieg beim Masters. Der Sportsender ESPN strahlte Anfang Woche einen vierminütigen Bericht aus, in dem es einzig darum ging, zu zeigen, was sich alles verändert hat in den letzten Jahren, auf dem Golfplatz in Augusta und bei Tiger Woods selber: Der Platz ist schwieriger, die Greens schneller, die Bunker tiefer, die Fairways länger. Und Tiger Woods? Der ist nochmals ein Jahr älter geworden.

Erfahrung als Trumpf

Trotz allem gehört Woods zu den Mitfavoriten in Georgia. Keiner der Teilnehmer im Feld hat eine grössere Erfahrung auf der Golftour als der 43-Jährige, keiner gewann das Turnier in Augusta öfter als Woods. Dazu liegt ihm der Platz, der einer der abwechslungsreichsten der Welt ist. Anders als auf anderen Anlagen gibt es in Augusta keine tiefen Roughs. Fehler bei den Abschlägen werden also nicht sofort bestraft, darum können sich die Künstler unter den Golfprofis meist mit einem guten zweiten Schlag aus der Bredouille befreien. Und Tiger Woods, da sind sich alle einig, ist der grösste Künstler unter allen Golfprofis.

Dazu spielte sich Woods in den letzten zwölf Jahren beim Masters siebenmal unter die Top Ten, dreimal stand er in den Top drei. Viele Experten sehen ihn darum ganz weit vorne im Kampf um das Green Jacket, weil Erfahrung eben doch wichtiger ist als pure Kraft. Und das ach so wichtige Selbstvertrauen ist in den letzten eineinhalb Jahren bei Woods stetig gewachsen und gewachsen: Neben seinem Sieg in East Lake Ende 2018 gewann er in der aktuellen Saison bereits ein Matchplay-Turnier und schlug dabei Rory McIlroy, dazu kamen zwei weitere Top-Ten-Plätze. BBC-Golfexperte Iain Carter sagt: «Tiger spielt sensationell. Er hat in den letzten 18 Monaten die Erwartungen aller übertroffen – und vermutlich auch seine eigenen.»

(Basler Zeitung)

Erstellt: 11.04.2019, 10:03 Uhr

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