Vom Kindersoldaten zum Boxweltmeister

Er musste seinen besten Freund erschiessen, jetzt boxt er, um zu vergessen: die bewegende Geschichte von Kassim Ouma.

Intensiv: Kassim Ousama boxt, um den Kopf von grausamen Gedanken freizukriegen.

Intensiv: Kassim Ousama boxt, um den Kopf von grausamen Gedanken freizukriegen. Bild: Keystone

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Der Mann, der erst mit den Boxhandschuhen lernte, sich auszudrücken, der durch das Boxen dem Leben als Kindersoldat entkam, der durch das Boxen sich ein gutes Leben in den USA leisten konnte, der durch das Boxen die Aussicht auf irgendeine Zukunft hat, sagt, dass er alles einer Lektion verdanke: «Du musst immer ein guter Zuhörer sein.»

Ein heller, kühler Konferenzraum in München, Kassim Ouma hat ein T-Shirt und drei Pullover angezogen, das Wasser lehnt er ab, den Stuhl schiebt er sich ganz an die Heizung ran. Vier Tage bis zum Wiegen, und er muss noch sieben Kilogramm abnehmen. Er lehnt den Hals gegen die Heizung, er möchte jetzt schwitzen.

Er boxt nicht nur, um zu gewinnen

An diesem Sonntag boxte Ouma wieder, in Hamburg in der Disco «Grosse Freiheit». Es war ein unbedeutender Kampf, vor allem für einen, der schon Weltmeister war, von Oktober 2004 bis Juli 2005. Ouma (38) sagte vor diesem Kampf, er könne noch mit der Weltspitze mithalten, zuletzt versucht hat er es 2011, als er gegen Mittelgewichtsweltmeister Gennadi Golowkin antrat. Damals verlor er, technischer Knockout, zehnte Runde. Auch am Sonntag verlor er, gegen Ilias Essaoudi, einen 28-jährigen Unbekannten. Doch Ouma boxt nicht ausschliesslich, um zu gewinnen. Ouma boxt, weil ihm das Boxen ein gutes Leben ermöglicht hat. Er boxt, weil er dann beschäftigt ist. Wenn er beschäftigt ist, bleibt keine Zeit für die Erinnerungen.

Kassim Ouma kommt im Dezember 1978 als siebtes von 13 Kindern in dem Dorf Magamaga auf die Welt, bis in die Hauptstadt Kampala sind es drei Autostunden. Seine Eltern sind Christen, sie nennen ihn Julius. Wenige Monate später flüchtete Ugandas Diktator Idi Amin, für das Land beginnen weitere Jahre voller Folter und Terror. 1981 gründet sich die National Resistance Army, und weil sie nicht genügend Soldaten findet, fängt sie an, Kinder zu entführen. Ouma ist fünf Jahre alt, als die Soldaten sein Klassenzimmer stürmen.

14 Jahre lang wird er in der Armee bleiben, ein Kindersoldat ist er nur deshalb irgendwann nicht mehr, weil er lange genug überlebt, um am Ende kein Kind mehr zu sein. Über diese Jahre redet Ouma nicht gerne. «Das gehört zu meinem Leben», sagt er an der Heizung in München, «aber wenn ich zurückschaue, holt mich alles wieder ein.» Er ist sieben Jahre alt, als er zu schiessen lernt. Er findet einen Freund. Er muss ihn erschiessen, weil dieser Patronen verloren hat. Er sieht, dass andere Menschen gefoltert werden, Frauen, Kinder. Irgendwann muss er selbst foltern. Er sieht Leichenberge, und irgendwann schockiert es ihn nicht mehr. «Wir haben angefangen, auf diesen Leichenbergen Zigaretten zu rauchen», erzählt Ouma, «das war die einzige Möglichkeit, um den Verwesungsgeruch zu vertreiben.» Weil er kein Christ mehr sein soll, sondern ein Jünger Allahs, wird er Kassim gerufen.

Er wurde ein guter Zuhörer

«Ich habe in diesen Jahren gelernt, dass es hilft, ein guter Zuhörer zu sein», sagt Ouma in München, «wenn ich kein guter Zuhörer geworden wäre, hätte ich die Armee nicht überlebt.»

Er rebelliert nicht, er widerspricht nie, bald befehligt er eine kleine Einheit. 1986 erobert die National Resistance Army Kampala. Ouma sieht wenig später wieder seine Familie, doch diese erkennt in ihm nicht den Sohn. Er ist immer noch ein Kind, aber all die Gewalt, all die Bilder, all die Gerüche haben aus ihm einen rohen Jungen werden lassen. Ouma darf die Armee nicht verlassen, er muss Andersdenkende jagen. Als er 14 Jahre alt ist, darf er immerhin boxen.

Ouma sagt, dass er schon damals so gekämpft habe, wie er auch heute noch boxt. «Ich mache sofort Druck. Es bleibt keine Zeit zur Erholung. Jede Sekunde ist intensiv.» Nur dann vergisst er alles andere.

Er flüchtet

Für den Armeeclub, die Bombers, gewinnt Kassim dreimal im Leichtgewicht die nationale Meisterschaft, 1997 die Ostafrikameisterschaft. Er qualifiziert sich für die Militärmeisterschaften in San Antonio, er erhält ein Visum. Aber er darf nicht reisen. Zu teuer. Ouma flüchtet.

Irgendwie treibt er das Geld für ein Ticket in die USA auf, und so kommt er schliesslich in Alexandria, Virginia, an. Dort arbeitet er in einer Pizzeria; dort beginnt auch der Abschnitt seines Lebens, der ganz dem klassischen amerikanischen Weg aus dem Nichts nach oben entspricht. Er findet ein Boxgym, er beeindruckt mit seiner Härte. Er wird Profiboxer, dadurch erhält er 2000 politisches Asyl in den USA; in Uganda sehen sie das als Verrat. In diesem Jahr, hat Ouma einmal erzählt, rennen Soldaten in das Haus seiner Eltern und erschlagen seinen Vater. Seine Mutter überlebt, 2002 kommt sie mit einem Touristenvisum in die USA. Dort erlebt sie, wie Ouma 2004 Weltmeister im Superweltergewicht wird. Er lebt in Florida, er kann das Meer hören und riechen. Die Erinnerungen wird er nicht los.

Er hört zu – und reist nach Deutschland

Er trinkt. Er kifft. Er schläft nicht ein, er wacht auf, er hat Albträume. Er verliert. Er hat weiter einen guten Namen im Boxen, mithalten kann er nicht mehr. Vor drei, vier Jahren kommt dann das Jucken, erst in den Füssen, schliesslich am ganzen Körper. Weil sie im Krankenhaus in Los Angeles sagen, dass er nichts hat, beschliesst Ouma, zurück nach Uganda zu fliegen. Dort sei er durch eine besondere Methode geheilt worden, wie genau, will er nicht sagen, «vieles davon waren Gebete». Als er wieder gesund ist, ist seine Aufenthaltgenehmigung in den USA abgelaufen. Weil er nicht weiss, was er machen soll, hört er den Menschen zu. Die Menschen schwärmen von Deutschland. Er sammelt das Geld für ein Ticket nach München.

Seit Sommer 2016 ist er dort, Freunde in den USA empfahlen ihm den Kommentator Tobias Drews, der empfahl ihm das Boxwerk, dort trainiert er, dort sitzt er wenige Tage vor dem Kampf in Hamburg an der Heizung. Er träumt davon, noch einmal um die WM zu boxen. Er will eine Boxschule gründen. Er fragt, ob man einen Job für ihn wisse. Er will unbedingt beschäftigt bleiben.

Dann joggt er los, zehn Kilometer, er lässt alle drei Pullover an. Wenn er zu Hause ist, hofft er, wird er so erledigt sein, dass er sofort einschläft. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.12.2017, 15:35 Uhr

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