Vom Olymp gestossen

Den Topfunktionären des Sports fehlte der Bezug zur Realität. Nun werden viele gestürzt. Ein Kulturwandel deutet sich an.

Verleihung des Ballon d’Or in Zürich. Mit Anlässen wie diesem zementierten die Götterväter des Weltfussballs ihre Macht. Foto: Fabrice Coffrini (AFP)

Verleihung des Ballon d’Or in Zürich. Mit Anlässen wie diesem zementierten die Götterväter des Weltfussballs ihre Macht. Foto: Fabrice Coffrini (AFP)

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Mark Pieth hat viele menschliche Abgründe gesehen. Als führender Spezialist zu den Themen Corporate Governance und Anti-Korruption berät der Basler Strafrechtsprofessor oft Staaten und ihre Institutionen. Trotzdem staunte Pieth, als er sich anschickte, seinen hartnäckigsten Fall anzugehen: den Weltfussballverband. «Über der Fifa ist nur der liebe Gott», sagte er 2011. Er verstand seine Aussage keineswegs bloss als Scherz. Da hatten sich ältere Männer über viele Jahre eine Parallelwelt aufgebaut, weil sie sich vor keiner externen Instanz zu rechtfertigen brauchten.

Im Fifa-Hauptquartier auf dem Zürcher Adlisberg, dem Olymp des Weltfussballs, hat die Götterdämmerung eingesetzt. Probleme und Gaunereien grossen Massstabs kamen an die Oberfläche. Vorgestern folgte die Wende: Der führende Kreis der Fifa, das Exekutivkomitee, stimmte seiner eigenen Entmachtung zu. Noch müssen die Mitgliederverbände den Fall ihrer Giganten im Februar bestätigen.

Die Spezialrolle der Schweiz

Auch andere grosse internationale Sportverbände müssen sich bewegen: Die Leichtathleten ersetzten ihren der Korruption angeklagten Präsidenten kürzlich, dann offenbarte sich flächendeckendes Doping in Russland. Diese Woche meldete Italien, 26 seiner besten Leichtathleten wegen Vertuschungen für zwei Jahre sperren zu wollen. Bei den Schwimmern wollen namhafte Trainer und Athleten einen neuen Weltverband gründen, da sie ihrem aktuellen misstrauen. Er sei korrupt und keineswegs am Kampf gegen Doping interessiert.

Allen diesen Verbänden ist die Haltung ihrer Topfunktionäre gemeinsam: Sie stellen sich über alle Regeln und herrschen selbstherrlich. Der Dienst am Sport, für den sie gewählt wurden, hat für sie keine Priorität. Macht und mitunter dicke Bankkonten waren lange ihre primären Antriebe. Die Schweiz hat ihnen diese eigenwillige Arbeitsauslegung noch erleichtert.

Selbst das Milliardenunternehmen Fifa geniesst bei uns Vereinsstatus. Entsprechend haben fast alle Weltverbände ihre Basis in die Schweiz ­verlegt. Auch weil solche Gigantenvereine wie die Fifa lange bescheidenste Auflagen erfüllen mussten, verloren die Funktionäre sukzessive an Bodenhaftung – und wurden dafür wie der Weltfussballverband noch belohnt. «Wenn die Fifa kommt, ist das ein Staatsbesuch», frohlockte der nunmehr suspendierte Präsident Sepp Blatter einst. Er parlierte schliesslich mit Putin, Obama und anderen Welten­lenkern bei exklusiven Treffen.

Der Sport braucht den Staat als Begleiter zum eigenen Glück.

Selbst Skandale schadeten diesen sportlichen Schwergewichten keineswegs. Sie konnten schliesslich auf ihr ausgeprägtes Demokratie­verständnis hinweisen: Jeder Nationalverband verfügt bis heute über eine Stimme in der Legislative seines Weltverbands. Basisdemokratischer kann ein Gebilde folglich nicht aufgebaut sein – und ist doch von Korruption durchdrungen. Regeln sind nur so gut wie die Menschen, die sie befolgen sollen.

Weil die Gesellschaft den Sport zudem lange als «wichtigste Nebensache der Welt» betrachtete, wurde er nicht als systemrelevant interpretiert. Lassen sich Funktionäre schmieren – oder werden grosse Meisterschaften abgesprochen –, leiden darunter weder Staaten noch ihre Bürger. Verspekulieren sich hingegen Banker mit öffentlichem Geld, kommt ihrem Fehlverhalten eine gesamtgesellschaftliche Dimension zu. Der betrogene Staat reagiert, greift ein und reformiert die entsprechenden Gesetze, weil «das Konzept Reform ein akzeptabler Bestandteil der modernen globalen Gesellschaft ist», wie mit Michael Hershman einer der führenden Anti-Korruptions-Spezialisten sagt.

Im Fall von Siemens führte es den Konzern aus seiner grössten Krise der jüngeren Firmen­geschichte. 2006 offenbarte eine gross angelegte Razzia der deutschen Staatsanwaltschaft ein weltweites Korruptionsproblem im Unternehmen. Siemens drohte der Absturz, der Konzern rettete sich und seinen Ruf jedoch mit einem substanziellen Reformprogramm.

Auch die Fifa geriet im selben Jahr wegen Fragen zu Ethik und Geschäftsführung in eine (Vertrauens-)Krise. Der Weltverband wurstelte aber weiter – ­gerade weil er es sich leisten konnte. In der Privatwirtschaft haben auffällige Firmen Angst vor den Strafverfolgungsbehörden und verbessern ihr Verhalten relativ rasch. Im Sport schauten die Staaten lange weg, weil sie ihn nicht für wichtig genug hielten. Also blieb nur der Druck der Zivilgesellschaft. Er reichte nicht aus.

Die Fifa – ein Vorbild

Erst mit dem Eingreifen der amerikanischen Strafverfolgungsbehörden implodieren die Fifa-Strukturen nun und werden Reformen wie einst bei Siemens vorangetrieben. Allerdings werden sie nach dem Top-down-Prinzip durchgeführt, also von der Spitze zur Basis. Ein grundsätzlicher Kulturwandel findet aber nur statt, wenn sich sämtliche Involvierten zu den neu angedachten Regeln bekennen und sie auch einhalten. Insofern wird es Jahre brauchen, bis sich die Sportwelt mit ihren führenden Funktionären in diesem neuen Selbstverständnis zurechtfindet – falls überhaupt. Denn oft sind dieselben Köpfe, welche die alte Denkweise symbolisieren, weiterhin in wichtigen Rollen dabei.

Die Fifa kann allen anderen Weltverbänden als Beispiel dienen: Wie man nicht handeln soll – und wie man sich von den Dauerproblemen befreien kann, wenn man wirklich will. Eine klarere ­Gewaltentrennung der Strukturen ist dafür unabdingbar und damit die Beschränkung der eigenen Macht. Entscheidend dafür muss das Verständnis sein, als gewählter Funktionsträger seinen Sport glaubwürdig und transparent voranbringen zu wollen. Dabei hilft zusätzlich die Erkenntnis, dass sich der Topsport in der Regel nur schlecht selber zu regulieren vermag, er folglich Bürger und Staaten als kritisch-wohl­wollende Begleiter zum eigenen Glück braucht. Gott benötigt der Sport also nicht. Das Irdische reichte vollkommen.

Erstellt: 04.12.2015, 22:19 Uhr

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