Vom Regen in die Traumwelt

Ob 42,195 km, Team- oder City-Run – 8640 Läuferinnen und Läufer erreichen im Hafen Enge das Ziel.

In drei Wochen von der Bestzeit in Wien zum Sieg in Zürich: Der Kenianer Edwin Kosgei (Mitte) auf der Quaibrücke. Fotos: Samuel Schalch

In drei Wochen von der Bestzeit in Wien zum Sieg in Zürich: Der Kenianer Edwin Kosgei (Mitte) auf der Quaibrücke. Fotos: Samuel Schalch

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Die einen laufen mit Wollmützen und Handschuhen, die anderen mit Strohhut und barfuss. Es ist Zürich-Marathon, und wie immer, wenn die 42,195 km hinauf nach Meilen und zurück in die Stadt anstehen, ist das Wetter Einstellungssache. Es war im vergangenen Jahr «definitiv kein Marathonwetter», wie in dieser Zeitung zu lesen war, weil am Start schon 15 und im Ziel über 20 Grad gemessen wurden. Es scheint auch diesmal kein Marathonwetter: ein wenig Wind, frostige 4 Grad, und es regnet so, wie es 2016 geschneit hatte: genau zur Startzeit um halb neun. Kehrichtsäcke, Plastik­pelerinen, ausgediente Regen- und Windjacken sollen helfen, kurz: Die Läuferinnen und Läufer lassen sich nicht verdriessen und zeigen – die richtige Einstellung. Im Gegensatz zu potenziellen Zuschauern. Der Event muss vorerst fast ohne sie auskommen, wenigstens sorgen die vielen Hundert Helfer und zahlreiche Musikgruppen für ein wenig Wärme in Herz und Kopf.

Stimmungsunabhängig und zügig lässt sich die Fünfer-Spitzengruppe um den Kenianer Edwin Kosgei und Simon Tesfay, den Eritreer aus Uster, vom Tempomacher ins Seefeld hinausziehen.


Die Umsteiger: Das Team Cologna überlegen

Sie sind die prominentesten Langläufer an diesem Event, teilen den langen Lauf aber durch vier. Angeführt vom Olympiasieger gewinnt das Team Cologna (mit Baumann, Bieler und Klee) in 2:25:44 den Team Run überlegen. Klar wird: Dario Cologna ist auch auf der Strasse ein Schnellläufer: Er absolviert seine 8-km-Strecke im 3:13-Minuten-Schnitt.


Sie hat bald Betriebstemperatur, während in der Masse dahinter Vereinzelte offenbar gestartet sind, ohne zu wissen, wohin sie ihre Beine tragen sollen. «Marathon, straight!», ruft einer und will geradeaus. Weil alle links abbiegen und erst die Schlaufe in der Stadt absolvieren, lässt auch er sich überzeugen. Es ist die Wahl, die auch ihn Stunden später zum Ziel führt. Und es wird doch noch, wie viele beim Umhängen der Medaille eingestehen, Marathonwetter, denn kühl ist bei solch grosser Herausforderung angenehmer als schwül.

Die schwächste Siegerzeit

Für den späteren Sieger scheint sie allerdings überschaubar, die Herausforderung, sonst wäre er gar nicht hier: Kosgei hat vor drei Wochen erst den Wien-Marathon bestritten und ist dort in 2:10:11 Stunden Bestzeit gelaufen. Um über drei Minuten steigerte er sich dort und lässt nun, am ­Zürichsee, niemandem eine Chance. Beim Wendepunkt in Meilen und rund 25 zurückgelegten Kilometern sind sie noch zu fünft, bald danach nicht mehr. Kosgei setzt sich ab, für Tesfay wird es bei Kilometer 35 «sehr hart, so weit bin ich in keinem Training gelaufen».


Die Nummer 1: Henry Wanyoikes Comeback

Er war eine Woche in Zürich und hat die Stadt doch nicht gesehen: Henry Wanyoike war einst der schnellste blinde Athlet der Welt, gestern gab der Kenianer sein Comeback nach 5 Jahren. Geführt an einem Band von seinem Freund meisterte er mit der Nummer 1 Unwägbarkeiten wie nasse Tramschienen und Trottoirränder und strahlte über seine 2:43er-Zeit.


Der Kenianer siegt in 2:14:49 vor Tesfay, es ist die schwächste Siegerzeit bei 17 Austragungen.Den Streckenrekord hält der schnellste Schweizer, Tadesse Abraham, in 2:07:44, gelaufen 2013. Der einzige Vielläufer ist Kosgei aber nicht, der Zürich je gewann. Im Schnee-Graupel-­Regen-Rennen von 2016 lief der Japaner Yuki Kawauchi als Erster ein. Als Amateur triumphierte er letztes Jahr in Boston.

Knapp eine halbe Stunde nach Kosgei trifft mit Margo Malone (USA) die erste Frau ein. Und je mehr es gegen Mittag geht im Zielbereich, desto grösser werden die Emotionen und Gefühlsausbrüche. Schweissperlen werden von Freudentränen weggespült, Gesichter in Hände vergraben, Fäuste geballt – da sind offensichtlich viele vom Regen in eine Traumwelt gelaufen.

Erstellt: 28.04.2019, 23:29 Uhr

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