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«Vom Sieger wird noch in 100 Jahren gesprochen»

Christian Stucki ist am Sonntag beim Saisonhöhepunkt der Titelverteidiger. Die Chance, in Kilchberg zum 2. Mal zu gewinnen, sorgt beim sonst so gelassenen Hünen für Kribbeln.

Berner Urgewalt: Christian Stucki (29) will am Kilchberger «auf tutti» schwingen. Foto: Nicola Pitaro

Berner Urgewalt: Christian Stucki (29) will am Kilchberger «auf tutti» schwingen. Foto: Nicola Pitaro

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Es ist kaum vorstellbar, dass ein Schwinger mit dieser Postur, dieser Gelassenheit und dieser Erfahrung vor einem Auftritt noch nervös wird. Spüren Sie trotzdem ein Brodeln?
In den letzten Tagen war das überhaupt kein Problem. Ich war ziemlich gelöst, locker. Je näher nun aber der Sonntag kommt, wird sicher eine Anspannung spürbar. Das Kilchberger ist kein Fest wie jedes andere.

Wie steigert sich diese Anspannung bis zum Sonntag? Was machen Sie am Tag vorher – ziehen Sie sich zurück?
Das ist bei jedem Schwinger verschieden. Bei mir ist das kein Problem, ich bleibe ansprechbar und umgänglich, wie ich es sonst auch bin. Ich schätze zwar eine gewisse Ruhe, ziehe mich deshalb aber nicht zurück. Ich pflege auch keine speziellen Rituale vor einem Fest.

Wann löst sich diese Anspannung?
Ich bin immer froh, wenn der erste Gang vorbei ist. Dann löst sich das Kribbeln im Bauch, dann bin ich Wettkampf, dann werde ich lockerer.

Am Sonntag heisst der erste Gegner Daniel Bösch. Eine Aufgabe, die das Kribbeln noch ein bisschen verstärken dürfte. Was sagen Sie zu dieser Einteilung?
Ich habe mit Daniel Bösch gerechnet. Unspunnen-Sieger gegen Kilchberg-­Sieger: Ich freue mich auf dieses Duell und habe keine Bedenken.

Wie bereiten Sie sich am Abend und am Morgen vor dem Schwingen auf so einen wichtigen Anlass vor?
Im Gegensatz zu anderen Festen reisen wir diesmal schon am Samstag an. Das bedeutet, dass ich nicht schon um 3 Uhr oder 4 Uhr aufstehen muss wie sonst üblich, weil die Anreise wegfällt. Bei uns im Berner Verband wurde der Treffpunkt am Sonntag auf 6.15 Uhr festgelegt, nach der Teambesprechung beginnt das Aufwärmen. Am Abend vorher geht es vor allem darum, mit Fleisch, Teigwaren oder Reis viel Energie zu ­tanken und auch den Wasserspeicher richtig zu füllen.

Und am frühen Morgen dürfte das Frühstück nochmals üppig ausfallen?
Bei mir nicht. Ich bin am Morgen kein grosser Esser. Ich werde mich erst am Abend wieder ausgiebig verpflegen.

Knurrt da nicht schnell der Magen?
(lacht) Nein, das ist kein Problem, weil ich es so gewohnt bin. Zwischen den ­einzelnen Gängen nehme ich dann den einen oder anderen Riegel, in der Mittagspause einen Teigwarensalat, das reicht mir während eines Wettkampfs.

Der Kilchberger Schwinget am Sonntag ist der Saisonhöhepunkt. Was macht diesen Anlass so speziell?
Dieses Fest findet nur alle sechs Jahre statt. Als aktiver Schwinger hast du nur zweimal, vielleicht dreimal die Chance, das Kilchberger zu gewinnen, mehr nicht. Es ist ein grossartiges Gefühl, hier zu siegen. Ich habe es vor sechs Jahren erlebt. Ausserdem liebe ich das spezielle Drum und Dran bei diesem Fest, die ­besondere Atmosphäre mit nur zwei ­Sägemehlringen. Der Anlass lebt von ­seiner grossen Tradition.

Die Tradition und die Werte des Schwingens sind auch dem Verband sehr wichtig. Er hat nach dem ­Eidgenössischen 2013 eine Studie in Auftrag gegeben. Diese hat ergeben, dass viele Besucher der Meinung waren, das Fest dürfe nicht mehr grösser werden, weil sonst der Charme des Schwingens verloren gehe. Wie sehen das die Schwinger?
Wir haben einen Boom, Schwingen ist sehr populär, und das bedeutet, dass immer mehr Leute dabei sein wollen. Das erfordert eine immer grössere Infrastruktur, die kostet und die auch finanziert werden muss. Es wird nun schwierig werden, die Dimensionen beim Eidgenössischen zurückzufahren. Und für uns Schwinger ist so eine grosse Arena natürlich ein tolles Erlebnis. Ich glaube aber auch, dass der Anlass nicht mehr grösser werden sollte. Wir werden ­sehen, was 2016 in Estavayer passiert.

Beim Kilchberger stellt sich dieses Problem nicht. Der Anlass hat seine gewohnte Grösse behalten.
Das Kilchberger kann wegen der besonderen Begebenheiten gar nicht viel ­grösser werden. Und das soll es auch nicht. Das Fest ist gut so, wie es ist.

Von den Dimensionen abgesehen, was unterscheidet das Kilchberger vom Eidgenössischen?
Hier gibt es keine Kränze zu gewinnen, die am Eidgenössischen so begehrt sind, hier zählt nur der erste Platz. Vom ­Sieger wird noch in 100 Jahren gesprochen, wer sich dahinter klassiert, interessiert nicht gross. Das macht das Kilchberger so speziell.

Wie wirkt sich das auf die Taktik aus?
Am Start sind nur die 60 besten Schwinger, es gibt nur 6 Gänge und nicht 8 wie am Eidgenössischen. Deshalb darf man sich keine Niederlage leisten, sonst ist der Sieg praktisch weg. Ein Gestellter liegt drin, ein zweiter schon nicht mehr. Deshalb bist du gezwungen, immer «auf tutti» zu schwingen.

Beim Kilchberger Sieg 2008 ist Ihnen das perfekt gelungen.
Ich hatte fünf Siege auf dem Konto, als ich in den Schlussgang stieg. Ich wollte diesen gegen Matthias Sempach auch noch gewinnen. Das klappte zwar nicht, aber am Ende reichte der gestellte Gang doch zum Sieg.

Am Sonntag könnten Sie der erst zweite Schwinger nach Karl Meli 1967 und 1973 werden, der den Kilchberger Schwinget zweimal gewinnt.
Es wäre eine Riesensache, wenn mir das gelingen würde. Ich werde alles versuchen, damit dieser Traum wahr wird.

Stucki, Sempach, Wenger und eine starke zweite Garde: Der Sieger kann eigentlich nur aus den Reihen der Berner kommen?
Es kann immer Überraschungen geben, wie beispielsweise beim Unspunnenfest 2011. Die anderen Teilverbände werden alles versuchen, um uns zu stoppen. Trotzdem ist es sicher so, dass wir ein starkes Team haben, angeführt von zwei Schwingerkönigen und mir als Titelverteidiger. Und dank weiteren sehr starken Schwingern verfügen wir Berner auch über eine sehr gute Breite, die ein grosser Vorteil ist.

Nach Burgdorf 2013 und dem ­Kilchberger 2014 steht nächstes Jahr kein grosses Fest auf dem Programm. Sie sind nun 29-jährig, wie lange wird Christian Stucki dem ­Schwingen noch erhalten bleiben?
Je älter man wird, desto mehr hängt von der Gesundheit und der Fitness ab. Das Eidgenössische 2016 und das Unspunnenfest 2017 möchte ich sicher noch bestreiten. Danach werde ich Jahr für Jahr ­entscheiden, wie es weitergeht, ob die Freude und der Spass noch da sind. Es gibt heute ja auch Eishockeyspieler, die bis 40 spielen. Aber so lange werde ich wohl nicht machen. (lacht)

Erstellt: 06.09.2014, 08:14 Uhr

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