Wanders im Rausch, aber nicht im Rekordrausch

Der Genfer lief in Luzern 7:43,62 über 3000 m. Mujinga Kambundji schaffte über 200 m die WM-Limite.

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Eine Stunde vor dem Start schlenderte er noch entspannt durch die Menschenmengen vor Bratwurst- und Getränkestand und hatte gar nichts gegen ein, zwei oder auch drei Selfies. Als dann der Startschuss zum 3000-m-Rennen fiel, hatte Julien Wanders keine Zeit mehr für Nettigkeiten, er machte sich auf zu einer weiteren Mission: Schweizer Rekord, die 40 Jahre alte Marke von Markus Ryffel tilgen (7:41,05). Einen Weltrekord (5 km Strasse), einen Europarekord (Halbmarathon) und auch eine nationale Bestmarke (10 000 m) hat er sich in diesem Jahr schon geschenkt – und seit sein Selbstbewusstsein auf der Bahn immer mehr jenem auf der Strasse ähnelt, traut man ihm auch Rekorde zu, die viele überlebt haben.

Und Wanders lief wie schon in Lausanne am Freitag leidenschaftlich. Sein Freund Sylvester Kipchirchir und Cornelius Kangogo machten das Tempo, er folgte erst an fünfter, später an dritter Stelle. Nach dem ersten Kilometer lag der 23-Jährige drei Sekunden über der nötigen Pace, nach dem zweiten noch eineinhalb, und auf dem letzten schien er im Rausch. «Ich glaubte, noch an die Spitze laufen zu können, war aber eingeklemmt», sagte er. Deshalb gewann der Äthiopier Tadese Worku, in 7:43,62 wurde Wanders 38 Hundertstel dahinter Dritter.

Kraftvollerer Schritt

Seine Bestzeit unterbot er um gewaltige sieben Sekunden, Ryffels Marke verpasste er aber um deren zweieinhalb. Trotzdem sei er «supersatisfait», sagte er mit strahlenden Augen. Um auf dem letzten Kilometer schneller zu werden, hatte sich Wanders in Kenia dem polnischen 1500-m-Spezialisten Marcin Lewandowski angeschlossen und noch spezifischeres Krafttraining betrieben. Das Resultat ist ein kraftvollerer Schritt, der es ihm erlaubt, sich Tempoverschärfungen sofort anzupassen. Die neue Bestzeit hievt Wanders auf den 3. Platz der Europabestenliste, nur Henrik Ingebrigtsen (NOR) und der Brite Andrew Butchart liegen vor ihm. Wanders wird am nächsten Mittwoch in Hengelo erneut über 10 000 m antreten, noch fehlt ihm über diese Distanz die WM-Qualifikation.

Büchel ohne Steigerung

Mit zwiespältigen Leistungen und Nichtleistungen hatten die beiden Schweizer Rekordsprinter das Programm der Elite lanciert: Mujinga Kambundji verpasste in 11,53 im Vorlauf über 100 m die Finalqualifikation und ihre persönlichen Ziele um Längen. Und Alex Wilson startete zwar, brach seinen Lauf aber sogleich ab. Dem Schreckmoment, er könnte eine Verletzung erlitten haben, folgte ebenso so schnell seine persönliche Entwarnung: «Der Frühstart ist nicht zurückgeschossen worden, und ich dachte, er wird es.» Mit diesen Auftritten wurde der Organisator schlecht belohnt für seine Mühe, den beiden zwei Startgelegenheiten zu bieten. Immerhin kam Kambundji dann über 200 m noch zu Zählbarem: In 22,90 wurde sie Dritte und schaffte die WM-Limite. Wilson hingegen liess jegliche Lockerheit vermissen und wurde in 20,98, eine Sekunde über seinem Rekord, Achter und Letzter.

Nur unwesentlich besser erging es Selina Büchel. Sie hatte über 800 m eine bessere Balance als in den letzten Rennen finden wollen – vergeblich. Die Toggenburgerin verpasste die WM-Limite in 2:02,54 als Fünfte um fast zwei Sekunden, konnte sich diese Zeit aber ansatzweise erklären: «Ich bin leicht erkältet, das reichte schon, dass ich nicht in meine gewünschte Position laufen konnte.» Frust verspürte sie keinen: «Ich weiss, dass ich mehr kann, und ich habe ja noch die ganze zweite Saisonhälfte.» Wegen der WM-Limite mache sie sich «keinen Kopf, ich lief 2016 in Luzern 2:03 und im Olympiavorlauf dann 1:59 – es ist also alles möglich.»

Erstellt: 09.07.2019, 22:18 Uhr

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