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«Warum mache ich das? Jetzt weiss ich, warum!»

Hürden-Europameisterin Lea Sprunger findet es komisch, wie sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Lea Sprunger ist Europameisterin. Der Siegeslauf der Schweizerin. (Video:SRF).

Es war Mitternacht, als vor dem Schweizer Teamhotel ein Auto vorfuhr und sofort Applaus los brandete, kaum hatten sich dessen Türen geöffnet. Trotz später Stunde erwartete Lea Sprunger ein stattlicher Empfang, schliesslich galt es, auf die erste Schweizer Leichtathletik-Europameisterin anzustossen. Derweil die anderen bald einmal schlafen gingen, zog Sprunger mit Freunden, Verwandten und Trainer Laurent Meuwly los in diese Stadt, in der zu jeder Tages- und Nachtzeit gefeiert werden kann. Um viertel nach fünf erst sollte sie ins Bett fallen – und sofort einschlafen. Doch nach zwei Stunden war die Romande bereits wieder hellwach. «Es kamen alle Emotionen hoch, ich realisierte langsam, was ich geschafft habe», erzählt sie und spricht von einer «immensen Erleichterung». Ihre Augen jedenfalls glänzten noch immer, als sie sich zu den Puzzleteilen äusserte, die zum Erfolg geführt hatten.

Die Krönung einer schwierigen Saison

«Wenn ich zurückblicke, war es eine ganz schwierige Saison, mit viel Auf und Ab, mit zu langen Trainingslagern – und das Training war längst nicht immer gut, es hat schon im Winter damit angefangen. Da fragte ich mich manchmal schon: Warum mache ich das? Jetzt weiss ich, warum! (lacht). Wenn es diesmal mit der Medaille nicht geklappt hätte, weiss ich nicht, was passiert wäre. Vielleicht hätte ich aufgehört. Ich spüre, dass ich älter werde, dass ich immer mehr will, dass es im Training aber vielfach um Details geht.

Und eben im Winter, da war es recht schwierig, ich merkte, dass ich weniger Spass habe. Ich war früher immer mit Clélia Reuse, Marisa Lavanchy und Joëlle Golay zusammen – sie sind alle zurückgetreten, sie waren mein engstes Umfeld im Training, ich vermisse sie. Es ist nicht so, dass ich es mit den anderen nicht gut hätte – es ist einfach anders, vielleicht auch eine Altersfrage. Interessanterweise habe ich die ganze Woche, jeden Tag, noch einmal darüber nachgedacht, was ich das ganze Jahr über trainiert habe. Ich habe mich noch einmal erinnert, woran wir gearbeitet haben, und als ich vor dem Final ins Stadion gekommen bin, sagte ich mir dann, dass es gar nicht schlecht gehen kann. Ich wusste, dass ich es abrufen kann, die ­Gegnerinnen waren mir egal.»

Die Zweifel und ein anderer Mensch

«Die Olympischen Spiele in Rio, als ich im Vorlauf ausschied und die Hallen-WM in Belgrad, als ich auf der Zielgeraden als Führende einbrach, sind die zwei Wettkämpfe, die mich am meisten gebraucht, mir aber auch am meisten gebracht haben. Nach Rio begann ich mit einer Mentaltrainerin zu arbeiten, was für mich sehr positiv ist. Und das Rennen in Belgrad zeigte mir auf, dass ich nur auf mich, und nicht auf die anderen schauen muss. Klar, diese beiden Erfahrungen waren für mich wirklich schwierig. Doch sie haben mir einen Teil dafür geliefert, um nun dieses Rennen zu gewinnen. Ohne die Erkenntnisse von Rio und ­Belgrad wäre ich jetzt vielleicht nicht Europameisterin.

Ich würde sogar sagen, dass ich dadurch ein anderer Mensch geworden bin. Weil ich gemerkt habe, dass es nicht nur Sport gibt. Zuvor hatte ich mich ausschliesslich darauf fokussiert. Dann habe ich erkannt, dass es schnell vorbei sein kann. Deshalb brauche ich meine Familie, meine Kollegen, weil es im Leben nicht nur um Sport geht. Schliesslich begann ich auch, Dinge zu relativieren. Klar ärgert mich ein schlechtes Rennen noch immer, aber das Leben geht deswegen trotzdem weiter.»

Das Verdienst des Trainers und das letzte Ziel

«Ohne Laurent wäre ich nicht Europameisterin, sein Anteil am Titel ist riesig. Seit zehn Jahren ist er mein Coach, und ich kann mir nicht vorstellen, bei jemand anderem zu trainieren. Er passt zu mir, wir haben die gleiche Vision, die gleichen Ziele, eine ähnliche ­Philosophie, wir sehen die Dinge mit den gleichen Augen. Aber: Laurent ist hart, sehr hart. Er hat einen Plan, und wenn du ihn erfüllst, hast du Erfolg. Ich habe Vertrauen in seine Pläne, Anfang Saison besprechen wir die Ziele, und wie wir sie erreichen wollen. Und manchmal zweifle ich auch etwas an, dann frage ich, wieso wir das jetzt so machen. Ich bin eine, die gerne Routine hat. Wenn wir letztes Jahr etwas so und so machten, und es brachte Erfolg, will ich es wieder so machen.

Anfang Juli kam dann auch die Diskussion auf, ob ich hier beide Wettkämpfe, 400 m Hürden und 400 m flach, bestreiten soll. Aber es ist in einer Disziplin schon schwierig genug, EM-Gold zu gewinnen. Darum haben wir auf ein Rennen gesetzt. In Zukunft können wir uns ja immer noch anders entscheiden. Mein letztes Ziel werden die Olympischen Spiele 2020 in Tokio sein. Das heisst zwar noch einmal zwei Jahre trainieren, aber dazu stehe ich hundertprozentig. Ich möchte dabei nicht von Verzicht sprechen, aber es ist schon so, dass ich dadurch meine Freunde weniger sehe, den ganzen Winter über weg bin und meist früh schlafen gehe. Aber ich mache es einfach mega gerne.»

Das verzerrte Image und die öffentliche Meinung

«Komischerweise war ich in der Öffentlichkeit schon immer mehr schlecht als gut. Hier hatte ich versagt, dort hatte etwas nicht geklappt – immerhin habe ich aber an der EM vor zwei Jahren schon Bronze gewonnen und wurde an der WM im letzten Jahr Fünfte. Auch jetzt habe ich in ein paar ­Medien schon gelesen ‹Endlich!›. Aber diese Haltung muss ich wohl einfach akzeptieren, das gehört einfach dazu. Früher kümmerte es mich schon, was die Öffentlichkeit über mich und meine Leistungen denkt. Heute ist es mir egal, ich mache den Sport ja für mich.»

Die sportliche Grossfamilie Sprunger

«Wir sind eine sportliche Familie. Das hat mit meinem Vater zu tun, der mit zwölf Geschwistern auf einem Bauernhof aufgewachsen ist. Sie waren in ihrer Kindheit ­immer draussen, haben sich viel bewegt. Und mein Vater hat uns das weitergegeben. Wir gingen ­immer zu Fuss zur Schule, spielten im Wald oder irgendwo sonst an der frischen Luft. Und ich ­glaube, es war bei meinen Cousinen und Cousins – insgesamt sind wir 40 – genau so.

Jedenfalls treiben fast alle in meiner Familie Sport, wobei es nur meine ältere Schwester Ellen, meine Cousine Janika, die Springreiterin, und ich leistungsmässig ­getan haben oder tun. Vorgestern sagte Ellen, die ja schon zurück­getreten ist, zu mir: Geniess es! Wenn es vorbei ist, ist es nicht mehr so lustig.»

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