Was liefern Russlands versiegelte Daten?

Diese Woche erhält die Welt-Anti-Doping-Agentur Zugang zu allen Tests von 2011 bis 2015, die in russischem Besitz sind. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Jahrhundertfall.

Wada-Chef-Ermittler Günter Younger. Foto: Reuters

Wada-Chef-Ermittler Günter Younger. Foto: Reuters

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Drei Jahre lang lehnten es die Russen ab. Doch wollen sie nach Auffliegen des systematischen Dopingbetrugs rund um die Heimspiele von 2014 vollumfänglich im Elitesport mittun, müssen sie Auflagen erfüllen. Die wichtigste hängige ist, der ­Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) sämtliche Kontrollen des Moskauer Labors auszuhändigen. Alle Testresultate von 2011 bis 2015 hielten die Russen in einem Datenmanagementsystem (Lims) fest. Diese Datenbank ist für die Dopingbekämpfer die Schlüsselquelle, damit sie den Grossbetrug restlos aufarbeiten können. Am Montag reiste ein Wada-Team nach Moskau, um die Daten zu erhalten. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten:

1. Worum handelt es sich bei diesen Lims-Daten?

Kommt eine Probe in ein Kontrolllabor, wird sie danach gescannt, ob irgendwelche Substanzen vorhanden sind. Werden solche entdeckt, wird nach ihnen spezifisch gesucht. Ist das Resultat positiv, kann daraus ein Dopingfall entstehen. Diesen Ablauf bzw. Prozess muss jedes Labor dokumentieren – im sogenannten Laborinformationssystem, kurz Lims genannt. Anhand der Datenbank kann also jede Probe exakt zurückverfolgt werden.

2. Warum sind die Lims-Daten im Fall Russland so wichtig?

Die Wada verfügt nur über Teile dieser Datenbank – von einem Whistleblower zugetragen. Sie bzw. die betroffenen Sportverbände waren in einem Rechtsstreit darum sehr angreifbar, sobald sie auffällige Athleten sperren wollten. Bislang mussten Wada und Sportverbände anhand von Indizien den Betrug nachweisen, was in vielen Fällen schwierig bis unmöglich ist. Sind die Dopingbekämpfer hingegen im Besitz der Lims-Daten, fällt die indirekte Beweisführung weg, und die Chance ist ungemein grösser, im Streitfall zu gewinnen.

3. Hatten die Russen keine Möglichkeit, die Lims-Daten zu manipulieren?

Natürlich. Schliesslich fordert die Wada nun seit langem Einsicht in die Datenbank. Die Russen hatten also ausreichend Zeit, diese Schlüsselinformationen anzutasten. Das offizielle Russland sagt allerdings, die Datenbank nach dem Auffliegen des Skandals versiegelt und nie berührt zu haben. Nur: Kann man Russland glauben – nachdem es über Jahre jedes systematische Dopen abstritt?

4. Wie viele Russen dürften nun gesperrt werden?

In der Lims sind 9000 Proberesultate festgehalten. Um wie viele Athleten es sich handelt – einige wurden mehrere Male kontrolliert –, weiss man noch nicht. Gemunkelt wird, dass es einige Tausend sind. Was bekannt ist: Die Wada überwies im Dezember 2017 anhand der ihr zugespielten Lims-Daten rund 300 Fälle an 60 Sportverbände. Bloss eine kleine Minderheit dieser Fälle endete in Sperren.

Nun zu hoffen, dass anhand der originalen Lims-Daten Hunderte bis allenfalls gar Tausende russischer Athleten überführt würden, ist gemäss einem Insider falsch. Er ist in viele Verfahren bei mehreren Sportverbänden involviert und sagt: «Wenn letztlich 100 Russen anhand der neuen Erkenntnisse gesperrt werden, ist das eine hohe Zahl.»

5. Hat Russland gar nie breit betrogen?

Wohl nicht in dem Ausmass, wie viele glauben. Unbestritten ist: Russland dopte rund um die Heimspiele von Sotschi systematisch. Dass allerdings jeder russische Sportverband und Topathlet in diesen Betrug involviert waren, ist falsch. Darum sind die Erwartungen vieler Beobachter überzogen, die nun glauben: Dank der Lims-Datenbank folge das grosse Saubermachen.

Richtiger ist wohl: Es wird zu Fällen und Sperren kommen, aber in weitaus geringerem Ausmass als erhofft oder dargestellt. Denn die Lims-Datenbank mag Resultate von 9000 Proben enthalten, erfasst sind aber auch viele russische Nachwuchsathleten – und Sportler zweiter bis dritter Stärkeklasse.

Alle diese Athleten fallen also aus der Weltklassekategorie. Der Rest wiederum muss keineswegs in corpore gedopt haben. Hinzu kommt: In einigen Fällen dürften Athleten nicht einmal gewusst haben, dass man ihre Resultate manipulierte. Inzwischen geht man davon aus, dass die Drahtzieher des Betrugs den Urin gewisser russischer Topathleten ersetzten – obschon diese Sportler nie dopten. Doch die Betrüger handelten nach der Devise: Sicher ist sicher, also tauschen wir auch deren Urin aus. 

6. Was passierte, wenn Russland die Herausgabe verweigern würde?

Würde das Land die Informationen nicht herausrücken, würde die russische Anti-Doping-Agentur erneut suspendiert. Der russische Sport geriete abermals ins Abseits. Darum: ohne Kooperation keine vollständige Rückkehr in den internationalen Elitesport.

7. Wie effizient hat der Sport im Fall Russland gearbeitet?

Er hat eine riesige Chance verpasst, ein glaubwürdiger Player im Kampf gegen Doping zu sein. Denn er wählte – primär vom Internationalen Leichtathletikverband abgesehen – eine fatale Strategie: Statt den jeweiligen russischen Verband zu sperren, versuchte er, jedem einzelnen Athleten den Betrug nachzuweisen. Das aber ist im Fall Russland bei vielen Athleten unmöglich. Entsprechend oft wählen die Russen im Streit erfolgreich den Rechtsweg – wie vor den Winterspielen 2018.

Erstellt: 20.12.2018, 22:39 Uhr

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