Was sich der Fussball vom Rugby abschauen kann

Rugby ging aus dem Fussball hervor – doch heute zeigt Rugby, was der grösste Sport von ihm lernen könnte: Erziehung und Respekt.

Verbale Attacken gegen die Schiedsrichter oder Schwalben sind im Rugby verpönt. Bild: Getty Images.

Verbale Attacken gegen die Schiedsrichter oder Schwalben sind im Rugby verpönt. Bild: Getty Images.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er schubst einmal, zweimal. Zerrt am Arm. Schreit, motzt und tobt wie ein Kindergartenkind im roten Bereich. Die Kameras laufen, und auch wenn sich die italienische Liga grosse Mühe gibt, die Videos danach aus den Archiven von Youtube & Co. zu tilgen: Sie sind und bleiben da und demonstrieren eindrücklich, welche Mühe Franck Ribéry wieder einmal hat, umstrittene Schiedsrichterentscheide zu akzeptieren. Er rückt dem Assistenten so lange auf die Pelle, bis er Rot sieht.

Im Zürcher Letzigrund ist das Spiel bereits aus, als Ludovic Magnin der Kragen platzt. Sein FC Zürich erlebt am vergangenen Sonntag mit dem Sieg über den FC Basel zwar endlich einmal einen Lichtblick in düsteren Zeiten, doch statt sich zu freuen, knöpft auch er sich den Schiedsrichterassistenten vor. Grund? Er habe dem FCZ einen Eckball verweigert, sagt der FCZ-Trainer hinterher.

Vorbild? Franck Ribéry. Quelle: Twitter

Strittige Entscheide gehören zum Sport, auch im Zeitalter des Videoschiedsrichters, mit dem sich im Profibereich immer mehr Sportarten behelfen. Im Rugby gibt es ihn längst, und da ist er perfektioniert: Was auch immer der Schiedsrichter sich nochmals ansehen will, er darf. Und er tut das so transparent wie nur möglich: auf den Stadionbildschirmen, sichtbar für Zuschauer im Stadion und vor dem Fernseher. Durch sein Mikrofon ist ständig zu hören, was er mit dem Videoschiedsrichter zu besprechen hat.

Wenn er sich die Szene in aller Ruhe angesehen hat, fällt er seinen Entscheid, teilt ihn dem Captain mit – und hat Ruhe. Wer im Rugby den Schiedsrichter hinterfragt, hat ein Problem. «Wir wurden uns noch nicht vorgestellt. Ich bin der Schiedsrichter auf dem Platz, nicht du. Höre ich dich noch einmal motzen, setzt es eine Strafe ab. Ist das klar? Und jetzt zurück mit dir», faltete der legendäre ­Nigel Owens einst einen italienischen Nationalspieler zusammen.

«Das ist nicht Fussball», pflegt der Waliser auch zu sagen. Oder, dass es bis zur Pause wohl nur noch je fünf Spieler auf dem Platz hätte, würde er einmal beim Fussball pfeifen. «Ich würde das gerne einmal tun, um mit dem inakzeptablen Verhalten eines José Mourinho fertigzuwerden.» Eine spannende Vorstellung.

Denn wir fragen uns: Wie schafft es der Rugby-Sport, dass sich die Spieler benehmen? Dass es keine Diskussionen gibt oder Rudelbildungen oder Schwalben? Dass ein Spieler, der vom Platz gestellt wird, die Rote Karte kommentarlos hinnimmt? Oder andersrum gefragt: Warum schafft der Fussball genau das nicht? Weshalb immer das Theater? Gefühlt wird es immer schlimmer mit dem Volkssport Nummer 1.

Also fragen wir uns: Was kann Fussball von Rugby lernen?

Urs Meier: «Es ist der Grundgedanke, dass ein Entscheid akzeptiert wird»

«Viel», sagt Urs Meier, «viel, viel, viel!»

Meiers Wort hat in dieser Frage Gewicht. Als ehemaliger Schiedsrichter, der auf Weltklasseniveau pfiff, kennt er die Pappenheimer im Fussball. Er weiss, wie die Spieler auf einen Entscheid des Schiedsrichters reagieren: «He Schiri, ich habe doch den Ball gespielt! He Schiri, das war nichts! Schiri, he!»

Auch er wurde mehr als einmal bedrängt in seiner Karriere, die Einsätze an WM, EM, Champions League und insgesamt 883 Spiele umfasst. Nie war die Kritik an einem seiner Entscheide grösser als an der EM 2004, als er das vermeintliche Siegtor Englands im Viertelfinal gegen Portugal annullierte. Die TV-Bilder stützten ihn, ein Engländer hatte ein Foul begangen. Die Inselpresse beruhigte das nicht. Im Gegenteil, sie drehte durch.

Meier wurde zu «Urs Hole» und zum «Swiss Banker», was Arschloch und Wichser bedeutete. Die «Sun» druckte sein Haus in Würenlos im Fadenkreuz ab und veröffentlichte seine Mail-Adresse, gegen 16'000 sagten ihm alle Schande. Die ersten drei Schreiben las er, dann konnte er sich vorstellen, wie die übrigen 15'997 aussahen.

«He Schiri, ich habe doch den Ball gespielt! He Schiri, das war nichts! Schiri, he!» Das hat Urs Meier oft genug gehört. Bild: Keystone.

Heute sagt Meier: «Es ist doch der Grundgedanke des Sports, dass ein Entscheid akzeptiert wird.» Im Fussball gilt das nicht gerade immer, und das beginnt in den tiefsten Ligen. Den letzten üblen Fall gab es am vergangenen Sonntag bei einem Spiel in der hessischen Kreisliga, der 11. Spielklasse Deutschlands, als der Schiedsrichter von einem Spieler wegen einer Roten Karte k.o. geschlagen wurde. In Berlin streikten am vergangenen Wochenende die Schiedsrichter aller Amateurligen, um ein Zeichen gegen die grassierende Gewalt zu setzen. Fast 1600 Spiele fielen aus.

In der Schweiz finden Wochenende für Wochenende 10'000 Spiele statt. Die Gewaltthematik hat sich nicht verschoben, nur die Wahrnehmung wegen der sozialen Medien. Der letzte schwere Fall betraf 2.-Liga-Spieler des NK Pajde aus dem aargauischen Möhlin, die Anfang September Jagd auf den Schiedsrichter machten. Einer wurde bis Mai 2020 gesperrt, zwei trifft es bis Mai 2021.

In der Spitze ist das Verhalten der Spieler nicht anders als vor zehn, fünfzehn Jahren. «Es gibt Spieler, die lieber mit einem reden als andere», sagt es Dani Wermelinger als Chef der Schweizer Spitzenschiedsrichter auf seine Art, «sie müssen Druck ablassen.» Ihr Hang zur Theatralik macht es einem Schiedsrichter nicht leichter, einen Match zu leiten. Spieler mimen den sterbenden Schwan und tun so, als wären sie schwer getroffen worden.

Kaum aber merken sie, dass sie keinen Freistoss erhalten, setzt bei ihnen die Wunderheilung ein. Solche Mätzchen sind auf jedem Platz und in jedem Spiel zu sehen, ob in Madrid oder Winterthur. Und Wermelinger sagt: «Jedes Theater ärgert uns Schiedsrichter. Es ärgert uns, weil es nicht ehrlich ist.»

Das geht von oben nach unten, von den Profis zu den Junioren. Die Kleinen übernehmen, was die Grossen vormachen, sei das beim Simulieren oder Jubeln. Felix Mambimi erzielte vor ein paar Tagen das 4:1 für YB gegen Xamax, das Tor war so spät wie unbedeutend. Aber der 18-Jährige jubelte, als wäre er Cristiano Ronaldo.

Josh Bjornson: «Im Rugby wollen wir harte Männer sein»

Josh Bjornson kann sich erinnern, wie er einmal mit seinen Neffen, sieben oder acht Jahre alt, Fussball spielte. Er ist keiner aus dem Fussball, er ist Präsident von GC Rugby und trotz seiner 45 Jahre noch immer aktiv in der ersten Mannschaft. Als er mit dem Neffen im Garten kickte, nahm er ihm den Ball ab. Und was machte der Kleine? Er liess sich fallen und begann sich den Knöchel zu halten. «Das schauen sie im Fussball voneinander ab», sagt Bjornson, «im Rugby wollen wir harte Männer sein.» Im Rugby wird das Spiel nur bei einem ernsthaften Zwischenfall unterbrochen, sonst werden Verletzte auf dem Platz behandelt, während das Geschehen weitergeht.

Einmal hatten sie bei GC einen neuen Spieler, einen Argentinier, fussballerisch vorbelastet. Im ersten Match setzte er zu einem «dive» an, zu einer Schwalbe. Nicht der Gegner kritisierte ihn dafür, es waren die Mitspieler. «‹Shut up!›, riefen wir ihm zu», erzählt Bjornson. «‹Das wollen wir im Rugby nicht sehen. Das ist eine Sache des Fussballs.›»

«‹Schwalben wollen wir im Rugby nicht sehen. Das ist eine Sache des Fussballs.›»

Rugby ging aus dem Fussball hervor. William Webb Ellis war es, der es erfand. Bei einem Fussballspiel hielt er irgendwann den Ball in der Hand. Das war wohl erlaubt, aber es war nicht erlaubt, was er danach machte: dass er mit dem Ball in der Hand losrannte. So besagt das zumindest die Legende aus dem Jahr 1823, sie klingt gut und wird bis heute gepflegt. Nach Webb Ellis ist die Trophäe benannt, die Südafrika als neuer, alter Weltmeister auch gestern in Japan erhalten hat.

Mit der Zeit ist Rugby zum Sport für Hooligans geworden, der von Gentlemen gespielt wird, und der Fussball zu einem, für den das Gegenteil gilt. Oder wie es Urs Meier sagt: «Im Rugby wird man zur Fairness erzogen, im Fussball zur Unfairness. Das liegt in der DNA dieser Sportarten.»

Bjornson hat auf seine Art Verständnis für den Frust, der zuweilen aus den Fussballern herausbricht. Rugby ist für ihn so physisch, es gibt so viele harte Zweikämpfe, dass sich ein Spieler da abreagieren kann. Im Fussball dagegen fehlt das: «Darum kocht der Frust hoch und hoch, bis er zur Explosion führt.»

Rugby ist nicht voller Individualisten wie der Fussball. Es ist kein Zufall, dass nicht immer der zum «Man of the Match» wird, der am meisten Punkte erzielt, sondern einer der richtigen Haudegen mit Blumenkohlohren, ein Prop oder Lock, der die eigene Grundlinie verteidigt. Bei einem Try werden keine Salti geschlagen wie im Fussball.

Das sind grundsätzliche Unterschiede zwischen den beiden Sportarten; es gibt noch einen, und da geht es eben um Respekt: nicht nur vor dem Gegner, sondern vor dem Schiedsrichter, besonders vor ihm.

Alltäglich im Fussball: Rudelbildungen um den Schiedsrichter. Meist straflos. Bild: Keystone.

Im Fussball versuchten sie es einmal, die Rudelbildung zu bekämpfen, indem der erste Spieler, der auf den Schiedsrichter losstürmte, verwarnt wurde. Davon ist nichts übrig geblieben. Im Rugby ist der Grundgedanke ein anderer: Der Schiedsrichter ist unantastbar. Wer gegen einen Penalty protestiert, einen Straftritt, muss den Gegner zehn Meter vorrücken lassen. Das kann, je nach Distanz zum eigenen Tor, sehr entscheidend sein und drei Punkte kosten. Wer eine Gelbe Karte erhält, muss für zehn Minuten vom Platz und schwächt sein Team. «Eine Zeitstrafe muss man sich im Fussball auch überlegen», sagt Urs Meier, «eine Verwarnung bewirkt hier gar nichts. Sie muss doch für die eigene Mannschaft einen unmittelbaren Nachteil haben und für die gegnerische einen unmittelbaren Vorteil.»

Ludovic Magnin: «Mein Gott, wir sind im Fussball, nicht in der Schule»

Bjornson, ein gebürtiger Kanadier, bestritt 14 Länderspiele für die Schweiz. Er hat über die Jahre gelernt: «Der Schiedsrichter hat das letzte Wort. Was er sagt, ist Gesetz.» Wie das im Fussball ist, muss man nur Ludovic Magnin fragen. Nicht dass der Trainer des FC Zürich der Einzige wäre, der während eines Spiels schon die Fassung verloren hat. Trotzdem war sein Protest gegen den Schiedsrichterassistenten am letzten Sonntag «dumm», das sagt er selbst.

Magnin ist im Welschland aufgewachsen, da hat Rugby eine viel grössere Bedeutung als in der Deutschschweiz, und er hat es in der Jugend oft am französischen Fernsehen gesehen. Heute sagt er: «Rugby hat eine andere Kultur, eine andere Mentalität, der Sport ist noch kein Geschäft wie der Fussball. Ich weiss nicht, ob es so bleiben würde, wenn er auch so populär wäre.»

Magnin: «Wir reklamieren mehr, weil wir mehr Druck haben. In gewissen Vereinen kann man schon nach zwei Niederlagen rausfliegen.» Bild: freshfocus

Das Reklamieren stört ihn nicht, die Sprüche ebenso wenig, «mein Gott», sagt er, «wir sind im Fussball, nicht in der Schule». Was ihm dafür fehlt, ist die Beziehung zwischen Schiedsrichter und Fussballer. In seiner Erinnerung war das früher anders, da hatte der Schiedsrichter mehr Freiräume und weniger Regeln, die er beachten musste. Massimo Busacca sagte einmal zu ihm: «Ich hätte dich eigentlich vom Platz stellen müssen.» Und Magnin antwortete: «Ich weiss.» Das fehlt ihm heute, er nennt es Miteinander.

Magnin ist einer von zehn Super-League-Trainern, er spürt den Druck, Resultate zu liefern. Er sagt: «Wir reklamieren mehr, weil wir mehr Druck haben. In gewissen Vereinen kann man schon nach zwei Niederlagen rausfliegen.»


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 03.11.2019, 17:52 Uhr

Artikel zum Thema

Überragendes Südafrika zum 3. Mal Rugby-Weltmeister

Die Springboks lassen England im Final keine Chance und gewinnen 32:12. Damit ziehen sie mit Rekordhalter Neuseeland gleich. Mehr...

Diese Duelle entscheiden den Rugby-WM-Final

Im Kampf um den Weltmeistertitel kommt es auf Nuancen an. Das sind die Schlüsselspieler der beiden Teams. Mehr...

Südafrika folgt England in den Rugby-WM-Final

Der zweite Finalist an der Rugby-WM in Japan heisst Südafrika. Die Springboks bezwingen im Halbfinal Wales. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...