Weil es die Stars so wollten, ist alles anders

Die NBA wurde diesen Sommer durchgeschüttelt. Von den grossen Namen wechselten die meisten das Team. Nun folgt ab Dienstag die erste offene Saison seit mehreren Jahren.

Der Mann links wollte den Mann rechts unbedingt in seinem Team: LeBron James, genannt «der König», und Anthony Davis, genannt «die Braue». (Bild: Getty Images)

Der Mann links wollte den Mann rechts unbedingt in seinem Team: LeBron James, genannt «der König», und Anthony Davis, genannt «die Braue». (Bild: Getty Images)

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Irgendwann im Oktober wird der Basketballfan kribbelig. Der Saisonstart steht bevor: Hat sein NBA-Team eine Chance auf den Titel? In den vergangenen Jahren waren die Verhältnisse so konstant wie einseitig: Wer die Golden State Warriors unterstützte, konnte entspannt in die Saison gehen, denn es stellte sich nur die Frage, wer gegen das Team aus Oakland in den Finals antreten darf. So dominant war der Meister von 2015, 17 und 18.

Doch die Warriors-Fans haben nun eine schwierige Zeit der Neuorientierung vor sich: In der Sommerpause wurden die Kräfteverhältnisse in der Liga komplett durchgeschüttelt. Bemerkenswert dabei: Es waren nicht wie meist im US-Teamsport die Manager, die entschieden und Wechsel einfädelten. Sondern die Starspieler selber.

Der Star mit HeimwehKawhi Leonard, Clippers

In Toronto wussten sie vor einem Jahr, worauf sie sich einliessen: Die Raptors tauschten Publikumsliebling DeMar DeRozan gegen Kawhi Leonard. Es war ein riskantes Geschäft: Leonards Vertrag lief nur noch eine Saison, und der 28-Jährige hatte schon durchblicken lassen, es ziehe ihn zurück in seine Heimat Los Angeles. Was machten also die Kanadier? Sie hofierten ihren neuen Star. Engagierten Reha-Spezialisten und setzten ihn behutsam ein, weil er die Vorsaison zu grössten Teilen verletzt verpasst hatte. Und Leonard selber? Spielte solid und solider. Und als das Playoff startete, schaltete er zwei oder drei Gänge höher: Er dominierte und führte die Raptors zum ersten Meistertitel. Besser kann es nicht werden.

Kehrt zurück nach Los Angeles: Kawhi Leonard. (Bild: Keystone)

Doch, fand Leonard, nach längerem Hin und Her. Er entschied sich trotzdem für die Heimkehr. Vor allem weil er die Bedingungen diktieren durfte: In den Verhandlungen legten ihm die Clippers eine Liste mit Namen vor. Leonard tippte auf einen, seinen Wunsch-Co-Star Paul George. Die Clippers machten den Überraschungstrade möglich. Für George und die damit verbundene Hoffnung auf sofortigen Erfolg schickten sie fast ihr gesamtes Trade-Arsenal und damit ihre Zukunft nach Oklahoma City. Dafür werden sie nun als Titelanwärter Nummer 1 gehandelt.

Das Star-DuoLeBron James und Anthony Davis, Lakers

Ende Januar, mitten in der Saison, hatte Anthony Davis (26) genug: Er erklärte öffentlich, dass er seine Zukunft nicht mehr bei den New Orleans Pelicans sehe. Ein Affront, denn Spielern ist nicht erlaubt, öffentlich solche Äusserungen zu machen. Die 50 000 Dollar Busse zahlte er gerne. Denn nun war die Meldung draussen, und der Basar begann: Schliesslich wollten die Pelicans einen möglichst grossen Gegenwert für ihren Teamleader erhalten. Doch Davis bockte auch hier: Er machte klar, dass er nur in gewissen Destinationen seinen im Sommer 2020 auslaufenden Vertrag verlängern würde. Nur: Die Los Angeles Lakers, Davis' Wunschteam, konnten den Pelicans nicht genug bieten. Im Sommer klappte der Wechsel doch – den Pelicans fiel der Abschied nach dem Draft von Zion Williamson (siehe letztes Kapitel) deutlich leichter.

Wenn LeBron James dir seine Nummer anbietet, hast du etwas richtig gemacht: Anthony Davis. (Bild: Keystone)

Schon bald traf sich der Neuankömmling mit Lakers-Teamleader LeBron James (34), der aktuell grössten Nummer seines Sports, zum Nachtessen. Am Ende des Abends zog James aus einer Tüte ein Leibchen mit der 23, seiner Nummer. Davis glaubte, das sei ein Gefälligkeitsgeschenk. Erst als er das Trikot wendete, und darauf seinen Namen las, realisierte er die Geste: Bei seiner vorherigen Station in New Orleans hatte Davis wie James die 23 getragen. Nun war der dreifache Meister bereit, diese für seinen neuen Teamkollegen aufzugeben.

Zum Nummernwechsel kam es doch nicht: Nike legte sein Veto ein, der Sportartikelriese hätte zu viele James-Fanartikel schreddern müssen. Doch die Episode zeigt, welch grosse Stücke auch James auf Davis, Übername «Die Braue», hält. Die beiden bilden in LA das grösste Star-Duo der NBA. Sollten beide gesund bleiben, gehören sie zu den logischen Titelanwärtern.

Der auf sich gestellte StarStephen Curry, Warriors

Kein Spieler hat die heutige Spielweise in der NBA so nachhaltig beeinflusst wie Stephen Curry (31). 2015 führte er die Golden State Warriors zum ersten von drei Titeln, indem er dank seiner hervorragenden Wurftechnik den 3-Punkte-Wurf veränderte: aus einem riskanten wurde ein hochrentabler Wurf, weil er eben 3 statt der üblichen 2 Punkte einbringt.

Wieder die unumstrittene Nummer 1 bei den Warriors: Stephen Curry. (Bild: Keystone)

Nach der Ankunft von Kevin Durant 2016 nahm sich Curry etwas zurück, zumal auch Klay Thompson, ein ähnlich guter 3-Punkte-Werfer, und Draymond Green Leaderaufgaben übernahmen. Damit ist nun fertig: Die Warriors brauchen den besten Curry je, wollen sie eine Chance auf den Titel haben. Den letzten verpassten sie im Juni nur ganz knapp. Die Niederlage tat gleich mehrfach weh: Durant sagte danach Ade, bei Thompson riss das Kreuzband, er fällt lange aus. Sprich: Curry ist ganz auf sich gestellt – Eine Herausforderung, die ein ehemaliger MVP nur lieben kann.

Der sich auslebende StarKevin Durant, Nets

Kevin Durant gehört zu jenen Spielern, die den Machtwechsel forcierten. 2016 heuerte er bei den Golden State Warriors an, obwohl die Warriors mit Curry, Thompson und Green bereits drei Spieler mit Allstar-Weihen unter Vertrag hatten. Vier in einem Team, das gab es noch nie. Damit er ins Gehaltsgefüge passte, verzichtete Durant auf viel Geld. Das fiel ihm leicht: Erstens konnte er nicht nur um den Titel spielen, sondern ihn 2017 und 18 auch gewinnen. Zweitens war sein finanzieller Leidensdruck angesichts des 350-Millionen-Vertrags mit Nike nicht ganz so hoch.

Finanziell ein Auf-, sportlich ein Abstieg: Kevin Durant. (Bild: Keystone)

Nun folgt die nächste Stufe: Obwohl dem 31-Jährigen im Final im Juni die Achillessehne riss und er die ganze Saison ausfällt, erhielt er von den Brooklyn Nets einen 4-Jahres-Vertrag über 164 Millionen.

Sportlich ist Durants Wechsel nach Brooklyn ein Abstieg. Doch Titel hat er bereits. Ihn interessierte New York, wo er sich, der bereits mit verschiedenen Medienformaten experimentiert hat, auch neben dem Court verwirklichen will.

Der trötzelnde StarJames Harden, Rockets

Nach einem einmal mehr verpatzten Playoff trötzelte James Harden: Nie mehr werde er mit Chris Paul zusammenspielen – immerhin die Nummer 2 der Houston Rockets. Welche Optionen hatten die Chefs? Harden zu traden, der mit durchschnittlich 36 Punkten pro Spiel persönlich gerade eine herausragende Saison erzielt hatte (siebt­höchster Wert in der Geschichte), war keine Option. Und Paul hatte einen Vertrag, der im Vergleich zu seinen jüngsten Leistungen viel zu hoch war.

Haben es gerne lustig: James Harden (l.) und Russell Westbrook. (Bild: Keystone)

Doch die Rockets fanden einen Ausweg: Sie tauschten Pauls überteuerten Vertrag gegen einen noch teureren, jenen von Russell Westbrook. Damit bildet sich in Texas ein neues, explosives Duo. Wenn die Chemie zwischen Harden und Westbrook stimmt, wie sie das einst in Oklahoma City tat, haben die Rockets Potenzial für den Titel. Und sonst zumindest für den nächsten Eklat. Mittendrin in dieser heissen Mischung sind auch die beiden NBA-Schweizer: Center Clint Capela wird unter dem Korb erneut Hardens bevorzugter Passempfänger sein. Und Routinier Thabo Sefolosha die solide Teilzeitkraft geben.

Der Superstar in speGiannis Antetokounmpo

Die Wechsel von Leonard, Davis, Durant und Co. veränderten auf diese Saison die Kräfteverhältnisse in der Liga. Giannis Antetokounmpo von den Milwaukee Bucks tat dies dank seiner Spielweise bereits letztes Jahr. Nur wenige Spieler können Partien dominieren, wie er es mit seiner Physis tut, offensiv wie defensiv. Deshalb wurde er vergangene Saison auch zum wertvollsten Spieler gewählt. Im Playoff tauchte «The Greek Freak» aber ab. Das soll sich diese Saison ändern.

Offensiv und defensiv dominant, MVP: Giannis Antetokounmpo. (Bild: Keystone)

So oder so wird dies für den 24-Jährigen eine einschneidende: Der Grieche muss sich klar werden, ob er den Titel mit den Bucks zu gewinnen glaubt oder nicht. Nächsten Sommer könnte er seinen dann noch ein Jahr laufenden Vertrag verlängern und vergolden. Tut er es nicht, werden ihn die Bucks tauschen – und damit die nächste Kräfteverschiebung in der Liga initiieren.

Der debütierende StarZion Williamson, Pelicans

Sein Jubel ist bereits ikonisch: Nach einem besonders spektakulären Korb streckt Zion Williamson seine Fäuste angespannt nach unten, derweil er den Kopf in den Nacken legt und seine Freude rausschreit. Und das ganze Stadion mit ihm. Kein Spieler verspricht mehr Spektakel als der 19-Jährige. Es gibt kaum einen dynamischeren 130-kg-Brocken, wie er einer ist, mit Explosivität und Schnelligkeit, die nicht zu Athleten seines Formats passen.

Das nächste grosse NBA-Ding: Zion Williams. (Bild: Keystone)

Die halbe letzte Saison war gewerweisst worden, wer den Jackpot knacken würde und den ersten Draftpick erhielte – und damit Williamson. Eher unerwartet ging das Los nach New Orleans, wo man sich über den Abschied von Anthony Davis mit der Ankunft des heissesten Newcomers der letzten Jahre trösten kann. Die Pelicans wissen: Bleibt der Junge von gravierenden Verletzungen verschont, wächst da ein ganz Grosser heran.



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Erstellt: 22.10.2019, 15:05 Uhr

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