Weltcup-Rennen sind für sie fast schon Erholung

Selina Gasparin ist zweifache Mutter und erlebt jeden Tag als Gratwanderung. Heute startet die Engadinerin in ihre 15. Weltcup-Saison.

Schwereres Gewehr gegen das Zittern: Selina Gasparin zielt mit neuer Waffe. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Schwereres Gewehr gegen das Zittern: Selina Gasparin zielt mit neuer Waffe. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Am Dienstag hat sie die Reise angetreten. Selina Gasparin verabschiedete sich von ihrem Ehemann Ilja Tschernousssow, von den zwei Töchtern, von der Nanny und den Eltern. Der Weg führte an den Flughafen und weiter ins schwedische Östersund, wo heute der Weltcup beginnt. Die Olympia-Zweite von 2014 wählte für die Anreise den spätestmöglichen Zeitpunkt – und eine Individuallösung. Die übrigen Schweizer trainieren schon seit zehn Tagen im hohen Norden.

Die Sonderposition hat Gründe. Die erfolgreichste Schweizer Biathletin hat als Mutter zweier Kinder von 13 Monaten und viereinhalb Jahren eine andere Prioritätenfolge. Den Nachteil der kurzen Angewöhnung an Schnee, Klima und Lage kontert die Engadinerin mit dem Argument der Anreise aus der Höhe, den hervorragenden Trainingsbedingungen der letzten Wochen sowie deutlich mehr Lichtstunden. In Östersund geht es für sie ohnehin darum, ihr Wettkampfgefühl zu finden: «Grosse Erwartungen hege ich nicht.»

Nachmittags leere Batterien

Das geschieht vor neuem Hintergrund. Das Zurückkommen nach der zweiten Babypause hat die 35-Jährige als «viel anspruchsvoller als nach der ersten» erlebt. Generell spricht sie von «einem Gewinn und dem Glück des Mutterseins». Und macht dabei doch die Erfahrung: «Die Regeneration kommt zu kurz, jeder Tag ist eine Gratwanderung.»

So ist für die harten Trainingseinheiten der Morgen die einzig valable Möglichkeit. «Am Nachmittag sind die Batterien leer», sagt die Bündnerin. Und immer lautet die zentrale Frage: Wie ­­bekommt sie die Energie wieder aufs erforderliche Level? Gefühlsmässig sei «jede Nacht zu kurz», nach dem Aufstehen fühle sie sich oft, als sei sie von einem Lastwagen überrollt worden.

Bei all dem ist Gasparin bewusst: Teamkolleginnen, darunter ihre Schwestern Elisa und Aita, können sich nur bedingt in sie hineinversetzen. «Sie leben ihr Sportleben, ich meines», sagt die älteste der drei Gasparins. Der Team-Alltag ist geprägt von Respekt und dem Willen, möglichst voneinander zu profitieren.

Acht Monate ohne Wettkampf sind lang

Erstaunlich bleiben die Leistungen von Selina. Nach der ­Geburt des zweiten Kindes im Oktober 2018 kehrte sie im Februar überzeugend zurück: Rang 9 an der Weltmeisterschaft in Schweden, ihr bestes WM-Ergebnis überhaupt. Auf dieser Erfahrung will sie aber nicht zu sehr aufbauen. «Acht Monate ohne Wettkampf sind lang», sagt sie. Und hat im Hinterkopf, dass eine Borreliose-Erkrankung sowie eine dreiwöchige Krankheitspause im September dem Form­aufbau kaum förderlich waren.

All das klingt nicht nach einer einfachen Saisonvorbereitung. Doch am Anspruch, mit den Weltbesten mitzuhalten und um Podestplätze zu laufen, ändert das nichts. «Vielleicht klappts nicht gleich», sagt Gasparin zwar. Doch im Vergleich zu ihren Trainingstagen wirken Weltcup-Rennen fast wie Erholung.

Erstellt: 30.11.2019, 09:54 Uhr

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