Wenn der Tresor sich öffnet

In den USA sind die besten Hochschulsportler Stars ohne Lohn. Nun entschied der Verband: Die Schüler dürfen sich sponsern lassen. Kommt das gut?

Zion Williamson wurde bereits in seinem College-Abschlussjahr wie eine Ikone gefeiert.

Zion Williamson wurde bereits in seinem College-Abschlussjahr wie eine Ikone gefeiert. Bild: Jonathan Bachman/Getty Images

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Der Sport ist voller Lohnscheren. Im Fussball verdienen Profis von Manchester City mehr als die Kollegen bei Southampton. Bayern-Spieler mehr als jene des SC Freiburg. Oder ein Basler mehr als ein Xamaxien. Die Weltnummer 3 im Tennis hat Werbedeals in allen erdenklichen Branchen, während die Nummer 100 froh ist, über die Runden zu kommen. Mikaela Shiffrin kurvt gut bezahlt um die Stangen, viele andere tun das fast umsonst.

So gesehen, ist der amerikanische Hochschulsport die gerechteste Form überhaupt. Ein Stück Kommunismus mitten in Amerika. Alle Sportlerinnen und Sportler erhalten gleich viel. Nämlich: nichts. Ob nun gefeierter Star im populären College-Basketball oder eine der Läuferinnen bei den Leichtathletik-Meisterschaften. So will es das Reglement des Hochschulsportverbandes NCAA: Es sind lediglich Amateure zugelassen, und Amateure verdienen kein Geld – abgesehen vom Stipendium.

Für den Verband und die beteiligten Schulen gelten freilich andere Massstäbe: Sie scheffeln Geld wie blöde. Allein dank der Finalspiele der grossen zwei Sportarten Football und Männer-Basketball nehmen NCAA und die Schulen mehr als 1,5 Milliarden Dollar ein, jedes Jahr versteht sich. Hinzu kommen Erlöse der Regular Season, die die Schulen mit den TV-Partnern teilweise individuell vereinbaren – und die Einnahmen aus Merchandising und Ticketverkäufen. Einige der besten NCAA-Footballteams tragen ihre Heimspiele vor über 100'000 Zuschauern aus.

Volle Ränge beim College-Football-Spiel der Oklahoma Sooners gegen die Kansas State Wildcats. (Bild: Scott Winter/Getty Images)

Fünf Millionen oder nichts

Krösus ist laut «Bleacher Report» die Texas University in Austin, deren Teams in 16 verschiedenen Sportarten als Longhorns antreten. Im Schuljahr 2017/18 hat ­allein die Athletik-Abteilung der Schule fast 215 Millionen Dollar eingenommen. Und fast so viel auch ausgegeben. Footballcoach Tom Herman hat ein Jahressalär von 5 Millionen Dollar. Sein Kollege beim Basketball, Shaka Smart, verdient 3,2 Millionen.

Tom Herman (Mitte) ist der Coach der Texas Longhorns – ein lukrativer Job. (Bild: Tim Warner/Getty Images)

Die Spieler dagegen gehen leer aus. Obschon die Schulen mit ihnen werben und ihnen schöne Schlagzeilen verdanken. Obwohl auf den Trikots, die sich die Fans für viel Geld kaufen, ihre Namen stehen: Sponsoren-Deals sind ihnen untersagt. Immerhin bleiben ihnen erstklassige Trainingsmöglichkeiten, denn natürlich investieren die Schulen das eingenommene Geld auch in modernste Stadien und Anlagen. Dafür ist es den Schulsportlern im Trainingsbetrieb oft nicht einmal möglich, nur schon einem Studentenjob nachzugehen.

Es gab immer wieder Vorstösse, die Regeln zu lockern, auch politischer Art, doch immer gab sich die NCAA unnachgiebig. Bis jetzt ein Gesetzesentwurf des republikanischen Abgeordneten Mark Walker vorsieht, dass der Verband seine Steuerbefreiung verliert, wenn er den Sportlerinnen und Sportlern nicht wenigstens erlaubt, künftig «von ihrem Namen, ihren Bildern und ihren Abbildungen zu profitieren».

Einhergehend mit einem neuen Gesetz des Bundesstaates Kalifornien, das es Athleten ermöglichen soll, mit Aktivitäten wie Autogrammstunden Geld zu verdienen, gab die NCAA dem Druck nun nach. Am Montag entschied der Vorstand, dass sich die Studenten künftig selbst vermarkten können. Aber noch lässt der Verband offen, ob diese Einnahmen den Amateurstatus tangieren oder nicht.

«Ein wunderbarer Tag für all die College-Sportler», jubelte auf Twitter LeBron James, aber der Star der Los Angeles Lakers fügte an: «Noch ist es kein Sieg, aber ein Anfang.» Auch er erwartet, dass die NCAA bei der Frage mauern wird, wie die neue Regel in der Praxis umgesetzt wird.

Grund: Einflussreiche Exponenten befürchten, dass das Geld nach dem Profisport auch den Hochschulsport deregulieren wird und sich eine Lohnschere öffnet, die ungesund ist für das Leben auf dem Campus. «Wenn ich Profi-Footballer trainieren möchte, würde ich genau das tun. Aber ich habe mich zum Universitätssport bekannt. Es ist völlig ungewiss, was das auslöst», sagt Dabo Swinney, Chefcoach an der Clemson-Universität.

Nur für Luft und Liebe tut Swinney das übrigens nicht: Sein Bekenntnis zum Schulsport bringt ihm während zehn Jahren 93 Millionen Dollar ein.

Der Markt ist interessiert

Klar ist, dass die besten Spieler nun auch absahnen wollen – zumal es ja nicht um einen Lohn für die Studenten geht, den die Universitäten zu zahlen hätten, sondern um die Möglichkeit, sich sponsern zu lassen. Der Markt reisst sich um College-Stars wie Zion Williamson, der in seinem Abschlussjahr wie eine Ikone gefeiert wurde, vor dieser Saison als Draftpick Nummer 1 in die National Basketball Association nach New Orleans wechselte und als erstes einen Vertrag mit Schuhriese Nike unterschrieb.

LeBron James, der nie ans College ging, sondern 2003 von der Highschool direkt in die NBA wechselte, sagt: «Jeder Athlet verdient es, angemessen bezahlt zu werden – auf welchem Level auch immer. Das gilt vor allem für das College, wo so viele vom Talent der Sportler profitieren.»

Erstellt: 30.10.2019, 18:16 Uhr

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