Wenn ein Spiel fünf Tage dauert

Cricket dauert ewig, und trotzdem fasziniert es die Menschen. Hunderttausende schauen zu. Warum eigentlich?

Cricket und die «Ashes»: Spezielle Kleidung, spezielles Spiel – und spezielle Dauer. Foto: Jason O’Brian (Getty)

Cricket und die «Ashes»: Spezielle Kleidung, spezielles Spiel – und spezielle Dauer. Foto: Jason O’Brian (Getty)

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Alles muss planbar sein. Im Tennis wurde die Shot Clock eingeführt, unter anderem um die Spieldauer etwas zu kontrollieren. Im Mountainbike oder Triathlon werden neue und kürzere Disziplinen gesucht, um doch noch einen Platz in der immer kleiner werdenden Aufmerksamkeitsspanne der Menschen zu erobern. Selbst im Baseball, einer der langwierigsten Sportarten überhaupt, wird getestet, um die teils ausufernde Spieldauer in den Griff zu kriegen.

Und dann gibt es noch die «Ashes», die traditionelle Cricket-Serie zwischen England und Australien.

Unermüdliche Zuschauer, volle Stadien – hier bei den letzten «Ashes» in Sydney. Foto: Philip Brown (Getty)

Die Partien ziehen sich über Tage hin, unterbrochen von Pausen für das Mittagessen und den Nachmittagstee. Die Spieler tragen lange, weisse Hosen, manchmal auch einen Strickpullover. Die Schiedsrichter einen Sonnenhut mit grosser Krempe. Betrieben wird ein Spiel, von dem keiner weiss, wann es fertig ist. Zuerst macht die eine Mannschaft Punkte, anschliessend die andere. Dann das Gleiche nochmals. Und irgendwann hat einer gewonnen.

«The Ashes» – es ist ein ­Duell, das komplett aus der Zeit gefallen scheint. Aber wenn sich England und Australien alle eineinhalb Jahre treffen, dann ist dies der Kampf um den prestigeträchtigsten Titel im Cricket, eine Fortsetzung einer der ältesten Rivalitäten im Sport und ein Ereignis, das immer noch Hunderttausende in die Stadien und Millionen vor den Fernseher lockt.

Die makabre Geschichte

Eine gute Affiche braucht aber eine gute Geschichte. Die der «Ashes» beginnt im August 1882. In einem Testmatch im Londoner Oval trafen Australien und England aufeinander. Die Engländer hatten zu Hause noch nie verloren, und auch dieses Spiel lief zu Beginn für sie. Doch nur zu Beginn. Australien kam zurück und schlug die Engländer in einer der noch heute knappsten Entscheidungen des Cricketsports. Im Oval herrschte Totenstille. Am nächsten Tag druckte die «Sporting Times» eine Todesanzeige: «In liebevollem Gedenken des englischen Crickets», stand da. «Ruhe in Frieden. Der Leichnam wird verbrannt und nach Australien überführt.»

Die Revanche liess nicht lange auf sich warten, und weil die Medien schon damals auf griffige Titel setzten, wurde sie als «Mission zur Rückeroberung der Asche» deklariert. England ­gewann. Die Asche kam nach Hause. Und die Serie hatte ihren Anfang genommen. Seither gingen 5 Duelle unentschieden aus, 33 gewann Australien, 31 England. Und mittlerweile gibt es auch eine Trophäe: eine Urne – so klein, dass sie jeweils in den Händen der Sieger zu verschwinden droht.

Rivalität bis Gehässigkeit

137 Jahre sind eine lange Zeit. Da kann sich eine Rivalität richtig ausbreiten. Es wundert darum wenig, dass das Aufeinandertreffen der beiden Teams zu einer ziemlich gehässigen Sache werden kann. Und das, obwohl Cricket doch als Gentleman’s Sport angesehen wird. Neben dem Platz geben sich die Spieler auch so. Doch wenn die Partie läuft, dann hört man schon einmal den Australier Michael Clarke, wie er dem Engländer James Anderson zuraunt: «Mach dich bereit für einen gebrochenen Arm.»

Riesenfreude über eine Mini-Trophäe: Die australischen Titelverteidiger. Foto: Ryan Pierse (Getty)

Auch in diesem Jahr sind ­Gehässigkeiten programmiert. Schon vor dem Start der 71. Austragung haben die Engländer ein Auge auf drei Australier geworfen: Cameron Bancroft, David Warner und Steve Smith spielen erstmals wieder zusammen, seit sie im vergangenen Jahr in einen Skandal verwickelt waren. Bei einem Testspiel in Südafrika hatten sie die Bälle mit Schmirgelpapier manipuliert.

Wohltuende Entschleunigung

Es sind aber nicht nur die Geschichte, die Rivalität und die grosse Tradition, welche die «Ashes» noch immer zu einem Zuschauerspektakel machen. In einer Welt, in der man sich von seinem Kühlschrank den Einkauf machen lassen kann, bringen die fünftägigen Spiele auch eine wohltuende Entschleunigung. Es geht halt nur so langsam vorwärts, wie das Spiel läuft. Und selbst wenn man mal eine Stunde nicht dabei ist, kann man dem Spielgeschehen problemlos immer noch folgen.

Obwohl es mittlerweile verschiedene kürzere Spielvarianten gibt, ist «Test Cricket» noch immer die Königsdisziplin. Nur zwölf Länder weltweit haben überhaupt die Lizenz, um solche Spiele auszutragen. Darum hat dieser Anachronismus auch heute noch Platz in der meist von Fernsehverträgen getriebenen Sportwelt. Bei der letzten Austragung der «Ashes» 2017 sassen bei den fünf Partien rund 850'000 Leute in den Stadien. Und in Australien, wo die Spiele im Free-TV zu sehen sind, zogen sie 15 Millionen Menschen an.

Dass die lange Variante noch immer funktioniert, hat auch der Cricket-Weltverband gemerkt. Die «Ashes»-Serie 2019 wird ­darum auch als erste Begegnung einer neuen WM gewertet. Neben England und Australien nehmen auch Südafrika, Neuseeland, die West Indies, Bangladesh, Indien, Pakistan und Sri Lanka an dem World Test Championship teil. Jedes Team spielt je eine Serie gegen sechs Teams. Jede Begegnung wird in zwei bis fünf Spielen ausgetragen. Dabei wird eine Tabelle mit einem komplizierten Punkteschlüssel erstellt. Das Team, das am Ende die meisten Punkte hat, ist Test-Weltmeister. Wer die Trophäe holt, steht aber erst in zwei ­Jahren fest.

Erstellt: 01.08.2019, 10:25 Uhr

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Cricket – die Grundlagen

Die «Ashes» werden in fünf Partien ausgetragen. Jede Partie besteht aus zwei Innings pro Team. Ein Inning ist zu Ende, wenn es dem werfenden Team gelingt, zehn Schlagmänner des Gegners auszuschalten. Der Schlagmann muss raus, wenn das hinter ihm aufgestellte Wicket zerstört wird oder ein gegnerischer Spieler den von ihm geschlagenen Ball direkt aus der Luft fängt. Ziel der werfenden Mannschaft ist, möglichst viele Punkte zu sammeln. Hat der Schläger den Ball getroffen, rennen er und sein Schlagkollege so lange im Zentrum des Spielfeldes hin und her, bis der Ball wieder bei ihnen ist. Jede Strecke gibt einen Punkt. Wird der Ball über die Spielfeldbegrenzung geschlagen, gibt es 6 Punkte. Erreicht (oder überspringt) er diese am Boden, gibt es 4 Punkte. (abb)

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