Wenn plötzlich vier Hände praktisch wären

Der Triathlon hat eine 4. Disziplin, den Wechsel. Was man beim Ironman in Zürich da antrifft: Keine Hemmungen, Bohnen, Tom und Jerry.

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Der Mann wirkt wie ein Klischee eines Briten. Eben ist er nach 3,8 Schwimmkilo­metern aus dem Zürichsee gestiegen, nun macht er sich daran, sich für die lange Radfahrt zu rüsten. Verpflegung gehört natürlich dazu. Doch es ist kein Energieriegel, keine Banane, die er aus seiner Tüte zaubert. Sondern eine Konservendose mit Bohnen in Tomatensauce – ein typischer Brite halt.

Überlegt man sich das einen Moment länger, ergibt seine Nahrungswahl durchaus Sinn. Denn was hat mehr Substanz als ein deftiges Bohnengericht? ­Andererseits: Wie gut vertragen sich Bohnen mit körperlicher Ertüchtigung? Das Beispiel zeigt: Ein Triathlon lässt sich vielfältig absolvieren. Das zeigt die Visite in der Wechselzone deutlich. Nirgendwo ist ein Triathlon abwechslungsreicher.

An sich ist ein Langdistanzrennen eine Übung in Monotonie. Acht Stunden dauert es für die Schnellsten. Weitere acht Stunden haben danach alle anderen bis zum Zielschluss. Sie verbringen die Zeit schwimmend, Rad fahrend und laufend. Wiederholen die in unzähligen Trainingsstunden eingeübten Bewegungsmuster: Rund 3000 Armzüge braucht es für 3,8 Schwimmkilometer. 25'000 Pedalumdrehungen ergeben 180 Radkilometer, 27'000 Schritte einen Marathon von 42 Kilometern.

Doch dazwischen gibt es diese ­Momente der Höchstaktivität. Wo Multitasking gefragt ist, der Athlet sich anstelle seiner zwei Hände deren vier wünschte. Das gilt besonders für den ersten der beiden Diziplinenwechsel, vom Schwimmen zum Radfahren. Was da alles an Material gewechselt werden muss. Den Neopren haben die meisten schon auf dem Weg aus dem Wasser bis zur Hüfte heruntergestreift. Nun schnappen sie sich ihren Wechselsack, in dem sie tags zuvor alle Utensilien verstaut haben, die sie auf dem Rad brauchen werden.

Sonnencreme und Ovomaltine

Auch hier geht die Schere auf zwischen Spitze und Breite. Spitze ist der nach­malige Sieger Nick Kastelein, der keine zwei Minuten nachdem er das Wasser verlassen hat, schon auf dem Rad sitzt. Neopren, Badekappe, Schwimmbrille ab, Velohelm und Startnummer auf – und weg ist er. Es ist das letzte Mal, dass ihn seine Gegner an diesem Tag sehen werden.

Mit den längeren Schwimmzeiten der Hobbyathleten steigt auch die Aufenthaltsdauer in der Wechselzone, gern in den zweistelligen Minutenbereich. Obwohl es hier «nur» um Multitasking geht, nicht um Trainingsstunden. Doch der Amateur gönnt sich manches Detail mehr als der Profi. Da wird die Kleidung komplett gewechselt, ohne Hemmungen und schützendes Handtuch. Da wird Sonnencreme auf Rücken und Armen appliziert – wobei hier ein Handtuch sehr ­zupass kommt, soll die Creme auch tatsächlich halten. Hier wird verpflegt, wobei die Bohnen nicht die einzige unkonventionelle Wahl sind. In die Kategorie fallen auch der halbe Liter Ovomaltine oder die Handvoll Gummibärchen.

Die Tücken der Sauerstoffschuld

Diese Athleten sind alle froh, wenn sie überhaupt ihre Wechseltüten gefunden haben an den langen Ständern, an denen 1800 Säcke hängen. Denn alle plagten die Fragen: In welcher Reihe hängt noch mal meiner? Und wie lautet meine Startnummer? Wenn im Hirn der Sauerstoff knapp ist, werden die einfachsten Fragen komplex. Ein Blick aufs Handgelenk erlöst die ­hirnenden Ironmen. Sie tragen dort ein neongelbes Bändchen mit ihrer Nummer.

Und dann ist da noch der, der sich ein Tom-und-Jerry-Trikot überstreift, dazu weite Bikehosen, und sich dann seelenruhig die Laufschuhe bindet. Hat er sich in der Disziplin getäuscht? Nein, er macht sich auf zu seinem Fahrrad. Dort steht aber nicht, wie ob dieser Ausrüstung vermutet, ein alter Drahtesel, sondern ein modernes Triathlonvelo – mit flachen Pedalen. Ob das eine Wettschuld unter Triathleten war? In der Wechselzone gibt es nichts, was es nicht gibt.

Erstellt: 31.07.2017, 07:55 Uhr

Kamp statt Jubiläum

Céline Schärer und Nick Kastelein gewinnen erstmals einen Ironman. Ronnie Schildknecht muss aufgeben.

Der Tag von Titelverteidiger Ronnie Schildknecht ist gerade einmal 3,5 Kilometer alt, als sich das Ungemach ankündigt. Seine Wade beginnt zu krampfen, und weil er den Muskel schwimmend nicht dehnen kann, dauert das Malheur gut und gerne 30 Sekunden. Auch deshalb handelt er sich deutlich über 5 Minuten Rückstand auf die Schnellsten ein. Auf dem Rad kann er einen schönen Teil wettmachen, das hat aber seinen Preis: weitere Krämpfe. Als der neunfache ­Zürich-Sieger dann zum Marathon losläuft, meldet sich auch die Wade wieder. Irgendwann lässt er sich von Coach und Ehefrau überzeugen, steigt aus. «Gewonnen hätte ich heute aber auch ohne meine Probleme nicht», sagt er.

Tatsächlich zieht sein Nachfolger Nick Kastelein einen grossen Tag ein. Der Australier bewegt sich vom Start an der Spitze, stellt in allen drei Disziplinen die zweitschnellste Zeit auf.

Trotzdem wirkt der Trainingspartner des zweifachen Weltmeisters Jan Frodeno im Ziel nicht am Ende seiner Kräfte. Im Gegensatz zu seinen ersten Verfolgern, Ruedi Wild und Jan van Berkel. Zürich-Debütant Wild ist mit Rang 2 hochzufrieden, obwohl: «Auf der Kurzdistanz leidest du unterwegs, kommst ins Ziel und kannst dich freuen. Auf der Langdistanz fangen die Schmerzen dann erst an.» Van Berkel erkämpft sich derweil zum vierten Mal auf der Landiwiese einen Podestplatz, jubelt über Rang 3, weil es ein weiterer Sieg über sich selbst ist. «So tief musste ich wohl noch nie gehen», sagt er. Auch weil er sich beim Laufen den Fuss übertreten hat.

Hawaii für die Siegerin

Bei den Frauen gewinnt wieder einmal eine von Brett Sutton trainierte Athletin. Nach Siegen von Daniela Ryf (2014/16) nun Céline Schärer, die nach einer früheren Zusammenarbeit erst vor zwei Monaten zurück zu Sutton gewechselt hat. Erstmals gelingt ihr ein über alle Disziplinen ausgeglichenes Rennen. Mit dem Sieg sichert sie sich die erstmalige Qualifikation für die WM auf Hawaii.

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