Wer ist der Grösste der Grossen?

In der NBA endete in der Nacht auf heute die Regular Season. Und damit der Kampf um die Auszeichnung für den wertvollsten Spieler. Selten lieferten sich zwei ein so enges Duell.

Giannis Antetokounmpo (l.) ist auch mit 2,11 m beweglich genug für alle Arten von Spektakel – James Harden punktet so häufig wie kein anderer. Fotos: J. Hanish (Reuter), H. Foslien (Getty)

Giannis Antetokounmpo (l.) ist auch mit 2,11 m beweglich genug für alle Arten von Spektakel – James Harden punktet so häufig wie kein anderer. Fotos: J. Hanish (Reuter), H. Foslien (Getty)

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Giannis Antetokounmpo – Der Freak

Wer von den US-Basketball-Fans beim Vornamen genannt wird, hat es geschafft. Niemand fragt mehr nach, wenn LeBron erwähnt wird. LeBron James ist das Aushängeschild der NBA –das, nur nebenbei bemerkt, nach seinem Wechsel zu den Los Angeles Lakers nun erstmals in seiner Karriere das Playoff verpasst hat.

Doch LeBron ist nicht mehr allein. Mittlerweile weiss auch jeder NBA-Fan, wer Giannis ist. Auch wenn man sagen muss: Giannis nannten die Leute schon Giannis, als dieser die Stufe Superstar noch nicht erreicht hatte. Schlicht, weil er einen dieser Nachnamen trägt, bei dem man auch nach dreimaligem Lesen noch strauchelt: Antetokounmpo.

Der Leader der Milwaukee Bucks ist Grieche, das verrät sein Vorname – mit nigerianischen Wurzeln, daher der Nachname. Seine Eltern emigrierten 1991 nach Europa, in Athen begann im Dezember 1994 die Märchengeschichte des Giannis Antetokounmpo.

Er ignoriert seine Grösse

In ihrem bislang letzten Kapitel dreht sich die Frage darum, ob dieser junge Mann bereits mit 24 Jahren der beste Spieler einer Liga voller ausserordentlicher Talente ist. «The Greek Freak» nennen sie ihn mittlerweile. Das ist anerkennend gemeint, sehr sogar. Antetokounmpo ist abnormal, weil er die Rollenverteilung im Basketball einfach ignoriert. Mit seiner Grösse von 2,11 Metern wäre er prädestiniert für eine Offensivrolle nahe des Korbs. Doch weil er sich so behände und dynamisch bewegt wie einer, der 15 Zentimeter kleiner ist, agiert er eben als Spielmacher. Wenn nun dieser bewegliche Riese mit Tempo auf den Korb zustürmt, ist er unaufhaltbar. Zumindest ohne Foul.

Antetokounmpo ist offensive Sensation und Spektakel zugleich. Doch was ihn zum Phänomen macht, geschieht am anderen Ende des Feldes. Während andere starke Skorer dort vom Trainer meist jenen Gegenspieler zugewiesen erhalten, von dem am wenigsten Gefahr ausgeht – auf dass sie beim nächsten eigenen Ballbesitz bereit sind –, gehört Antetokounmpo auch defensiv zu den Besten der Liga. Es gibt praktisch keine relevante Statistik, wo er nicht einen der vordersten Plätze einnimmt.

Das erfolgreichste Team

Um schliesslich zu realisieren, wie gross Antetokounmpos Saison war, reicht ein Blick auf die Bilanz der Bucks: Vergangene Saison schafften sie es als Siebte im Osten gerade noch so ins Playoff. Ein Jahr später sind sie das einzige Team, dem mehr als 60 Siege gelang. Das sind mehr als genug Gründe, um den Griechen als wertvollsten Spieler zu ehren. In anderen Jahren wurden auch schon Spieler mit deutlich weniger überzeugenden Argumenten als Most Valuable Player ausgezeichnet. Aber 2018/19 ist keine solche Saison – wegen des Duells zwischen Antetokounmpo und James Harden.

Das Werweissen wird noch eine Weile andauern: Für die MVP-Wahl zählt nur die Regular Season – vergeben werden die Trophäen aber erst nach dem Playoff, an einer Award-Show im Juni.


James Harden – Der Bart

Ein durchschnittlicher Teamleader wäre an der Aufgabe zerbrochen. Der Qualifikationssieger der Vorsaison, die Houston Rockets, hatten einen Fehlstart hingelegt, nur 11 der ersten 25 Spiele gewonnen. Einige Spieler hatten sich verabschiedet; mit Chris Paul fehlte ein Leistungsträger.

Doch dann kam James Harden in die Gänge. Musste er auch, da war sonst keiner, der dieses Team hätte tragen können, das im vergangenen Playoff wie der angehende NBA-Champion ausgesehen hatte – bis sich Paul im entscheidenden Spiel gegen den nachmaligen Meister Golden State Warriors verletzt hatte.

Man kennt ihn auch ohne

Harden tat das, was er am besten kann: Er warf Korb um Korb. Mit Vorliebe aus der Distanz, von hinter der 3-Punkte-Linie. Das schenkt ein, dafür ist der 1,96 Meter grosse Harden berühmt, den sie alle nur «The Beard» nennen.

Harden wäre wohl auch ohne seinen Bart eine NBA-Ikone geworden. Er hat einen Trick perfektioniert, den kein anderer nur ansatzweise so gut beherrscht: den Step Back. Harden dribbelt mit dem Ball an der 3-Punkte-Linie und versucht, sich gegenüber dem Verteidiger so viel Raum zu verschaffen, dass er werfen kann. Er tut dies, indem er einen Angriff antäuscht, und das so überzeugend, dass sein Gegner reagiert – nur um dann im gleichen Bewegungsablauf wieder einen Schritt zurück zu machen («Step Back») und den 3-Punkte-Wurf am auf dem falschen Fuss erwischten Verteidiger vorbei abzufeuern.

Das klappte bereits vergangene Saison hervorragend – gut 30 Punkte erzielte er pro Spiel. Das war Liga-Bestwert, Harden wurde unbestrittener MVP.

Mehr Punkte als alle

Nach dem katastrophalen Start brauchte es diesmal den überragenden Harden umso dringender. Und der 29-Jährige lieferte: Die Rockets und mit ihnen Hardens Schweizer Center Clint Capela könnten die Regular Season im Westen als Zweite abschliessen. 36 Punkte erzielte Harden dafür durchschnittlich, klar Liga-Bestwert, und dabei schaffte er auch eine Serie von 32 Spielen mit mindestens 30 Punkten. Das war zuvor einzig Wilt Chamberlain gelungen, dem in allen «ewigen» Statistiken überragenden Skorer aus den 60er- und 70er-Jahren.

Hier beginnt der Expertenstreit: Kann einer, der primär individuell brilliert, als wertvollster Spieler ausgezeichnet werden? Es ist ein interessanter Aspekt der MVP-Wahl, dass es da keine klaren Kriterien gibt, dass jedes Mitglied des wahlberechtigten Medienpanels das für sich entscheiden muss.

Harden könnte es vielleicht sogar verschmerzen, bei der MVP-Wahl übergangen zu werden, wenn er und die Rockets dieses Mal dafür die Warriors besiegen. Denn so sehr «Der Bart» zu einem der Gesichter der Liga wurde: Ein Meistertitel fehlt ihm noch immer. Paradoxerweise könnte ihm nun die grossartige Saison dafür in die Quere kommen: Kein anderer Teamleader wurde nur ansatzweise so forciert wie Harden. Vielleicht wird irgendwann auch dieses Punktekraftwerk müde.

Erstellt: 10.04.2019, 23:05 Uhr

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