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Wichtige Botschaft ohne Empfänger

Die Leichtathleten wollen ihre WM in der Hauptstadt Russlands zur Imagekorrektur nutzen. Eine Analyse von Christian Brügger, Moskau.

Usain Bolt: Das Gesicht von Faszination und Vorverurteilung in der Leichtathletik – auch an den Weltmeisterschaften.
Usain Bolt: Das Gesicht von Faszination und Vorverurteilung in der Leichtathletik – auch an den Weltmeisterschaften.
Reuters

Lamine Diack hatte eine frohe Meldung zu verbreiten: Nachdem die Leichtathletik zuletzt kaum mehr aus den Dopingschlagzeilen herausgekommen war, konnte der Präsident des Weltleichtathletik-Verbandes IAAF kurz vor dem WM-Start von heute in Moskau verkünden: «Usain Bolt ist sauber – und die meisten Sprinter, die unter zehn Sekunden laufen, sind es ebenfalls.» Woher der inzwischen 80-jährige Senegalese seinen unerschütterlichen Glauben bezieht, ist unklar. Die eigene Statistik an überführten Sündern kann es nicht gewesen sein. Sie wird immer länger.

Diack hätte mit Blick auf diese Statistik nämlich zum gegenteiligen Schluss kommen müssen: Wieder einmal befindet sich die Leichtathletik in einer turbulenten Phase. Zuletzt musste der türkische Verband gleich 31 seiner Athleten sperren. «Jeder positive Fall beschädigt die Leichtathletik nicht, sondern macht sie stärker», behauptete derweil Diack – und irrt. Jeder weitere Erwischte führt in der Öffentlichkeit dazu, diesen Sport erst recht für flächendeckend verseucht zu halten.

Bei Bolt scheint alles klar

Darin liegt das ungelöste Dilemma, das der moderne Antidoping-Kampf mit sich bringt. Er ist ohne Zweifel besser geworden (was wiederum keineswegs bedeuten muss, dass er davor schon gut war). Die IAAF liess beispielsweise von allen knapp 2000 WM-Startern Blut nehmen. Die Daten fliessen in die biologischen Pässe ein, die entscheidend mithelfen, betrügende Athleten zu überführen. An ihrem Kongress beschlossen die Verbandsmitglieder aus 206 Ländern, Dopingsünder ab 2015 wieder für vier Jahre zu sperren, schon beim ersten Vergehen. Zuletzt waren zwei Jahre üblich.

Weil das Regelwerk der Welt-Antidoping-Agentur aber erst angepasst werden muss und die IAAF diesem untersteht, kann sie nicht alleine über das Strafmass entscheiden. Das Signal ist trotzdem klar: Der Verband ist sich des Problems zumindest bewusst.

Bei der breiteren Öffentlichkeit kommt diese Botschaft kaum mehr an. Sie fragt sich vielmehr, wann Usain Bolt des Dopings überführt wird. Denn dass er dopt, gilt als klar. Dies wird selbst von Insidern kräftig befeuert. Diese Woche behauptete etwa Manfred Ommer, einst EM-Zweiter über 200 m und geständiger Doper aus Deutschland: «Der verarscht doch die Leute.»

Umgehen mit der Schattenseite

Das klingt gut und wird von den Medien gerne verbreitet. Man kann auf diese Weise eine knackige Schlagzeile generieren. Dass man damit zum Beschleuniger in Sachen Vorverurteilungen wird, scheint egal zu sein.

Natürlich ist nach vielen Dopingfällen das grosse Zweifeln berechtigt – und letztlich doch nur Ausdruck einer immensen Verunsicherung. Wenn nämlich nicht mehr der Sport im Mittelpunkt stehen kann, sondern das Zweifeln an der Leistung, muss die Frage erlaubt sein, warum dann überhaupt noch über diesen Sport berichtet wird.

Kindliches Staunen ob herkulischer Leistungen samt journalistischer Heldenbesingung mögen vorbei sein. Jede Leistung aber partout für unmöglich zu erklären, beraubt den Sport und damit auch die Leichtathletik eines Grossteils ihrer Magie. Dabei ist die Leichtathletik-Welt nicht schlechter geworden als in den Jahrzehnten davor. Bloss hat sich der Dopingkampf verbessert und damit zu einem schärferen Blick auf die hässliche Seite geführt. Lernen wir nicht, mit dieser Schattenseite umzugehen, wird gerade eine solche WM nur mehr als Showveranstaltung von pharmazeutischen Monstern wahrgenommen. Diese einseitige Betrachtungsweise hat die Leichtathletik bei aller berechtigten Kritik nicht verdient.

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