Wie Biles zur besten Kunstturnerin der Geschichte wurde

Superstar mit Supersalto: Als die US-Amerikanerin an der WM in Stuttgart auftrat schien es, als stehe die Welt für einen Augenblick still.

Simone Biles wurde in kürzester Zeit zur eigenen Marke und im Turnsport zur GOAT, zur «greatest of all time» – in den USA zählt sie zu den bekanntesten Sportlerinnen überhaupt. (Bild: AP Photo/Matthias Schrader)

Simone Biles wurde in kürzester Zeit zur eigenen Marke und im Turnsport zur GOAT, zur «greatest of all time» – in den USA zählt sie zu den bekanntesten Sportlerinnen überhaupt. (Bild: AP Photo/Matthias Schrader)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dieses Stampfen. Diese Kraft, diese Wucht. Dieses Feuer! «Und wir lassen es brennen, brennen, brennen, brennen.» Die Zeile stammt aus einem ihrer Lieblingslieder, gesungen von ­Ellie Goulding.

Es ist Samstagabend in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle von Stuttgart, und Simone Biles ist in ihrem Element. Sie schreitet auf die Bodenfläche, das Publikum ist entzückt, bevor sie überhaupt geturnt hat. Ihre Übung beginnt, und schon nach weniger als zehn Sekunden kommt der Moment, auf den alle in der Halle hingefiebert haben. Und als er kommt, scheint es, als stehe die Welt für einen Augenblick still.

Biles, nur 142 Zentimeter gross, atmet kurz durch in der Ecke der Bodenfläche, lächelt, dreht sich mit einem Glockenschlag um 180 Grad und nimmt Fahrt auf. Ein, zwei, drei, vier, fünf Schritte, eine Radwende, ein Flickflack und dann DAS: Doppelsalto, Dreifachschraube, im Fachjargon Dreifach-Tsukahara genannt – das verrückteste und schwierigste Element, das im Frauenturnen je jemand zeigte.

Der Druck auf Biles wuchs zuletzt mal wieder ins Uferlose

Die Sensation hat sich angekündigt, seit das 22-jährige Kraftpaket das Element an den US-Meisterschaften Mitte August in Kansas City erstmals der Öffentlichkeit präsentiert hatte. Als Weltneuheit wird es nach ihr benannt werden – doch dafür genügen US-Trials nicht, dafür muss sie es an der WM zeigen. Indem aber vor den Titelkämpfen alle Welt nur von der Dreifachschraube sprach, wuchs der Druck auf Biles wieder einmal ins Uferlose. Wie selbstverständlich wird nämlich zudem von ihr erwartet, dass sie in Stuttgart mindestens fünf Goldmedaillen gewinnt. Primär, natürlich, jene mit dem US-Team.

Der Moment, der Enthüllung: «The Biles». (Video: Twitter)

14-fache Weltmeisterin ist Biles bislang – und vierfache Olympiasiegerin. Druck allein bringt sie nicht so schnell aus dem Konzept. Zudem hat sie ihre turbulente Biografie gelehrt, Widerstand zu überwinden, Grenzen zu verschieben. Seit sie am 14. März 1997 in Columbus, Ohio, zur Welt gekommen ist, wurde Biles nichts geschenkt – abgesehen vom Talent und den körperlichen Voraussetzungen, Salti und Schrauben zu drehen wie keine zweite.

Ihre Mutter Shanon war alkoholabhängig und drogensüchtig, die vier Kinder wurden bei einer Pflegefamilie untergebracht, als Simone zweijährig war. Wenige Monate später zügelten sie zu ihrem Grossvater nach Texas, zusammen mit seiner zweiten Ehefrau zog er die Kinder auf – doch die älteren Geschwister Ashley und Tevin verliessen die Familie wenig später und kehrten zurück nach Ohio. Simone verlor ihren «Felsen und Beschützer», wie sie Tevin bezeichnete. Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass der inzwischen 24-jährige Bruder wegen Mordverdachts in Haft ist.

«Sie müsste sich ja gar nicht mehr steigern – und tut es trotzdem. Sie ist der Oberknaller.»Fabian Hambüchen, Reck-Olympiasieger 2016 und in Stuttgart WM-Botschafter

Tevin war es, der sie auf der Schaukel und dem Trampolin im Garten zu immer noch waghalsigeren Manövern anstachelte, und das Energiebündel war bis in die Abendstunden nicht zu bändigen. «Ich konnte einfach nicht still sitzen, sondern war ständig am Rennen, Springen und Radschlagen», schrieb sie in ihrer Biografie mit dem Titel «Courage to Soar». Später, mit 14, wurde bei ihr das Aufmerksamkeitsdefizit ADHS diagnostiziert. «Doch sobald es ums Turnen geht», beteuert sie, «bin ich fokussiert wie ein Laser.»

Aus dem Spass im Garten des Grossvaters wurde Ernst, nachdem Biles im Rahmen eines Schulausflugs mit 6 erstmals in die Turnhalle eines Freizeitzentrums gekommen war – und die Trainerinnen kurzerhand hin und weg waren. Sie überzeugten sie, wieder zu kommen, und bald drehte Biles ihre ersten Salti, vorwärts, rückwärts, am Boden, auf dem Balken, und sie machte schnell Fortschritte. Ihre erste Trainerin von damals in Houston, ­Aimee Boorman, blieb ihr bis Olympia 2016 treu.

Das vernichtende Urteil der Trainerlegende

Doch so beeindruckt sie in Texas vom Bewegungstalent waren, aus nationaler Sicht flog sie unter dem Radar. So sagt sie das selber. Als 14-Jährige verpasste sie die Aufnahme ins Juniorinnenkader, und einmal urteilte Trainerlegende Marta Karolyi, jahrelang Koordinatorin des US-Frauenturnens, schroff über sie: «Das Kind ist grossartig am Boden, aber sie kann nicht am Barren turnen. So kann ich sie nicht in mein Camp einladen.» Das Hochleistungszentrum der ­Karolyis, in einer Waldlichtung in Texas gelegen, war so berühmt für seine Erfolge wie berüchtigt für den Drill, der dort praktiziert wird.

«Noch nie war eine Turnerin besser. Mit ihrem Körperbau ist sie für diese Höchstschwierigkeiten prädestiniert.»Christine Frauenknecht, seit 1985 internationale Kampfrichterin für die Schweiz

Kritik aber stachelte Biles nur noch mehr an. Sie erklärt: «Weil ich so viel kleiner war als alle um mich herum, hatte ich den unbändigen Willen, es allen zu zeigen. Wenn mir jemand gesagt hat, ich solle fünf Liegestützen machen, machte ich zehn. Wenn mir ­jemand sagte, ich könne ein Element nicht, hat mich erst recht der Ehrgeiz gepackt, es hinzubekommen.»

Ab dem WM-Titel 2013 in Antwerpen wurde Biles in kürzester Zeit zur eigenen Marke und im Turnsport zur GOAT, zur «greatest of all time» – in den USA zählt sie zu den bekanntesten Sportlerinnen überhaupt. 2014 und 2015 wiederholte sie die WM-Titel, wurde daraufhin Profi, um auch finanziell profitieren zu können, und sahnte 2016 gross ab: mit viermal Gold in Rio und geschätzt 2 Millionen Dollar Werbeeinnahmen.

Doch mit dem Barren hatte Marta nicht unrecht: Seit einem fürchterlichen Sturz bei ihren ersten Riesen-Versuchen hat Biles Angst vor diesem Gerät, bis heute hält sie es für überflüssig. «Ich und meine Hände sind zu klein dafür. Zwischen den Holmen hin und her zu wechseln, war mir immer zu waghalsig», erklärt sie und erinnert daran, dass sie sich einmal auf drei Geräte beschränken wollte. Trainerin Boorman redete es ihr aus – und nun für die WM in Stuttgart hat Biles selbst an diesem Gerät ihr eigenes Element angemeldet. Gestern in der Qualifikation verzichtete sie noch darauf. Dafür zeigte sie als erste Turnerin überhaupt am Balken einen Doppelsalto mit Doppelschraube.

Am Barren zeigte Biles eine zweite Weltneuheit. (Video: Twitter)

Und Marta Karolyi, die Biles noch für zu schlecht für ihr Camp befunden hatte? Sie verdankte ihr in Rio den bestmöglichen Abgang von einer Führungsposition bei USA Gymnastics – bevor wenig später der Missbrauchsskandal um Larry Nassar losbrach. Obschon er auch auf der Karolyi-Ranch sein Unwesen getrieben hatte, wurden Marta und ihr Ehemann Bela nie persönlich belangt.

Mary-Lou Retton, 1984 die allererste amerikanische Turn-Olympiasiegerin, sagt über Überturnerin Biles: «Als ich Simone das erste Mal traf, war sie 12, und ich spürte sofort, was für eine aussergewöhnliche Turnerin sie ist. Sie ist unerhört talentiert und rastlos wie ein Dynamo.»



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 06.10.2019, 08:35 Uhr

Artikel zum Thema

Sie wirbelt und zwirbelt und mischt auf

Simone Biles demonstriert mit zwei Weltneuheiten, welch unfassbar gute Turnerin sie ist. Und sorgt dafür, dass es dem angeschlagenen Verband nicht zu gemütlich wird. Mehr...

Simone Biles gelingt spektakuläre Weltpremiere

Video Die US-Amerikanerin legt als erste Turnerin im Wettkampf einen «Triple-Double» hin. Dafür wird die 22-Jährige rund um den Globus gefeiert. Mehr...

Djokovic und Biles sind Weltsportler des Jahres

Novak Djokovic und Simone Biles wurden in Monaco als Sportler des Jahres ausgezeichnet. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...