«Wir fuhren 400 Kilometer durch den Rauch»

Die Zürcher Olympia-Medaillenhoffnung Jeannine Gmelin hat wegen der Naturkatastrophe in Australien ihr Trainingslager vorzeitig abgebrochen. Die 29-jährige Ruderin spricht über verheerende Bilder und emotionale Schmerzen.

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Jeannine Gmelin, die Naturkatastrophe in Australien wird jeden Tag verheerender. Was lösen die Bilder heute in Ihnen aus? Es ist krass, und heute ist die Situation noch viel schlimmer, als damals, als ich da war. Das Ausmass nimmt immer mehr zu, und ist nicht greifbar. Ich kann aber erst wirklich einschätzen wie dramatisch es ist, weil ich überhaupt vor Ort war.

Sie reisten Ende November nach Sydney, mit dem Ziel hinsichtlich der Olympischen Spiele und bis am 18. Januar sieben Wochen vor Ort zu trainieren und auch spezifische Dinge bezüglich Tokio zu üben. An Weihnachten haben Sie dann beschlossen zurückzukommen und taten dies dann am Jahreswechsel. Was gab den Ausschlag? Es gab verschiedene Aspekte. Ich war von der schlechten Luftqualität betroffen, ich hatte ein Kratzen im Hals, eine laufende Nase, gleichzeitig war sie verstopft. Es waren verschiedene Symptome, ohne, dass ich wirklich krank war, der Ruhepuls war im normalen Bereich. Draussen zu trainieren war an vielen Tagen nicht möglich, also musste ich den grössten Teil der Trainings indoor machen. Die gesundheitlichen Risiken waren auch da, und ich wäre all dem ja über längere Zeit im Zwei- bis Dreitagesrhythmus ausgesetzt gewesen, möglicherweise mit Folgen über mehrere Monate, was natürlich bei meinen Zielen in einem halben Jahr nicht ideal ist. Zudem war es erst Dezember, die Hochsaison der Brände war also noch nicht erreicht, es war klar, dass es nur schlimmer werden würde.

Waren die Bedingungen von Anfang an schwierig? Nein, zu Beginn war kaum etwas vom Rauch bemerkbar. Nach zwei Wochen sind dann die Symptome aufgekommen, da ein grosser Waldbrand in den Blue Mountains, knapp 20 Minuten von unserer Trainingsbasis in Penrith bei Sydney, ausgebrochen ist. Etwa Mitte Dezember dislozierten wir dann in der Hoffnung auf bessere Bedingungen nach Jindabyne in den Snowy Mountains, rund 500 bis 600 Kilometer weit weg. Es ist ein Skigebiet, auf 950 Metern über Meer gelegen und ein Nationalpark. Dort war die Luftqualität zu Beginn sehr gut, aber da immer mehr Feuer in ganz New South Wales ausgebrochen sind, blieben wir auch dort nicht verschont. Als wir dann nach Penrith zurückkehrten, um in Sydney wieder den Flieger zu nehmen, fuhren wir dann 400 Kilometer in dickem Rauch.

Ein Spitzensportler sollte sich ja möglichst wenig ablenken lassen, in Australien war die Katastrophe ja aber noch viel mehr ein Thema als bei uns. War es unter diesen Umständen für Sie und Ihren Trainer Robin Dowell überhaupt möglich, Ihr Programm ansatzweise normal durchzuziehen? Ja, wir hatten einen super Block, wir haben viel und gut trainiert. Wir erhielten vor Ort auch beste Unterstützung, beispielsweise beim Standortwechsel. Der Hauptunterschied war einfach, dass wir viel mehr indoor trainierten als geplant.

Haben Sie auf dem Wasser auch daran gedacht und sich sogar die Sinnfrage gestellt? Ja schon, es war so präsent. Sobald man aus dem Haus ging, war die Luft so schlecht, dass das Kratzen im Hals zurückkam. Es betraf ja nicht nur mich, sondern Tausende von Leuten, die nicht einfach ihr Leben unterbrechen können. Ich habe dann auch gemerkt, wie selbstverständlich gute Luft für mich ist und dass ich in einem Land aufgewachsen bin, wo wir viele Probleme nicht haben.

Die Einheimischen müssen die ganze Situation noch intensiver erlebt haben. Ja, aber man hat auch gemerkt, dass sie sich an solche Situationen gewöhnt sind. Sie schreien nicht gerade beim ersten Buschfeuer «oh mein Gott». Sie haben nicht überdramatisiert, man hat aber schon gemerkt, dass diese Dimension auch für sie nicht normal ist. Und im Gegensatz zu mir hatten sie dann ja nicht einfach die Möglichkeit, wegzugehen. Dieses Wissen, abreisen zu können, war einerseits ein gutes Gefühl, andererseits aber auch nicht.

Für Sie persönlich ist die Natur ja nicht nur ein Partner, mit dem Sie sich arrangieren müssen, sondern ein Freund, aus dem Sie Stärke und Motivation für Ihre Sporttätigkeit ziehen. Waren die emotionalen Schmerzen grösser als die physischen? Es wäre vermessen, zu sagen, ich hätte gelitten, dafür war ich nicht stark genug betroffen. Es macht mir aber schon zu schaffen, wie wir es als Gesellschaft verlernt haben, mit der Natur in Einklang zu leben. Wir denken sogar oft, wir sind die Grössten, aber die Natur beweist uns dann schonungslos das Gegenteil. Wir Menschen haben auch eine Verantwortung gegenüber Tieren, von denen so viele gestorben sind. Auch diese nehmen wir zu wenig wahr.

Sie interessieren sich für Vieles, das über Hundertstelsekunden hinausgeht. Hätten Sie am liebsten das Ruderboot in die Ecke gestellt und stattdessen einen Hilfseinsatz geleistet? Ja, definitiv. Ich habe mir dann aber auch überlegt, was Sinn macht, im Rahmen von dem, was ich beitragen kann. Zwei Sachen kamen mir dann in den Sinn: Die Leute sensibilisieren in meiner kleinen Community und spenden.

Welche Konsequenzen spüren Ihre australischen Ruderkollegen? Am Standort der Männer herrschte extrem schlechte Luftqualität, und zwar über mehrere Wochen. Nun ist das ganze Nationalkader in Tasmanien.

«Viele Helfer standen auch über die Feiertage im Einsatz.» Ruderin Jeannine Gmelin

Die Solidarität im Land scheint riesig zu sein. Absolut, und das beginnt mit den vielen selbstlosen freiwilligen Feuerwehrleuten. Was die leisten, ist herausragend. Sie verlassen ihren eigentlichen Job während Monaten, um Feuer zu bekämpfen. Sie wissen nicht, ob sie entschädigt werden und nehmen einen Einkommensausfall in Kauf. Viele Helfer standen auch über die Feiertage im Einsatz. Tage, die man eigentlich in Ruhe mit der Familie verbringen würde. Auch der Zusammenhalt unter den Communitys ist riesig, Leute kochen in Notunterkünften und Evakuationszentren und schauen, dass es allen gut geht, andere retten Tiere.

Für den Klimawandel sind wir alle als Gesellschaft verantwortlich. Klar ist aber auch der ökologische Fussabdruck eines Spitzensportlers nicht optimal. Wie bewältigen Sie diesen Spagat? Das Krasseste ist bei mir ganz klar das Reisen, das ist natürlich nicht förderlich. Ansonsten bin ich ein sparsamer Mensch, gehe sorgfältig mit den Ressourcen um, im Alltag bin ich vernünftig.

Sie trainieren jetzt in Norditalien. Ist Ihre Olympiavorbereitung sportlich tangiert worden? Erstaunlich wenig. Zweimal bin ich an schlimmen Situationen vorbeigeschrammt. Unser Vermieter in Penrith sagte mir, dass man nach unserem Wegzug kaum mehr auf die andere Strassenseite gesehen habe, und vor ein paar Tagen musste Jindabyne evakuiert werden.

Ein Teil Ihres Herzens ist aber immer noch in Australien. Was wünschen Sie dem Land? Ich wünsche mir, dass wir alle und vor allem jene Leute, die die Knöpfe drücken können, ihre Verantwortung wahrnehmen, Signale setzen und zum Umdenken anregen.

Sie leisten auch materielle Hilfe. Pro Trainingskilometer im Januar spenden Sie einen Dollar, da dürfte bei fast immer drei Trainings pro Tag ein schöner Betrag zusammen kommen. Der Betrag ist gering, ich habe auch nicht die Möglichkeiten wie beispielsweise die Sängerin Pink, die eine halbe Million Dollar gespendet hat. Es geht aber vor allem auch darum, ein Zeichen zu setzen.

Erstellt: 08.01.2020, 21:15 Uhr

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