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Wow! Das Fest, Wahnsinn! Tränen und blutende Füsse

Die Sportredaktion erzählt in 11 persönlichen Anekdoten das Sportjahr.

Gold als verspätetes Geburtstagsgeschenk

Bild: Keystone
Bild: Keystone

Sonnenschein, blauer Himmel, 38 000 Zuschauer, Feststimmung. Hedi Feuz steht im «House of Switzerland» bei der Piste Corviglia. Einen Kaffee gebe es noch, dann «äs Lutz» und «äs Angschtbisi», ehe es auf geht zum Ziel – zusammen mit der Hundertschaft, die ihr aus dem Emmental nach St. Moritz gefolgt ist. Sie wollen dabei sein, wenn der Wunderskifahrer aus ihrer Heimat den Coup landet, Abfahrtsweltmeister wird. Hedi Feuz sagt: «Vor 30 Jahren war mir auch nicht ganz wohl.» Auch an diesem 11. Februar ist alles angerichtet für ihren Beat, der genau vor 30 Jahren zur Welt kam. Dann schiebt sich eine Nebelbank auf die Corviglia, das Fest muss verschoben werden. Und steigt tags darauf. Weil Beat Feuz die Last der Skischweiz stoisch auf seinen breiten Schultern trägt, zu Gold rast und sich doch noch beschenkt. Im Ziel stemmt er die Ski in die Höhe, und Mama Feuz ruft ins Mikrofon: «Heya Beat Feuz!» (rha)

Wie zwei Freunde

Bild: Getty Images
Bild: Getty Images

Es ist schon bald Mitternacht, in einem Raum im Untergeschoss der St.-Jakob-Halle in Basel warten die Journalisten auf die Medienkonferenz, die es immer gibt nach einem Tennismatch. Sie warten schon einige Zeit. Viereckige Bodyguards mit sehr grimmigem Blick lassen niemanden in den Gang, der zum Raum weiter hinten führt. Der Grund dafür ist im fahlen Licht zu sehen. Roger Federer steht dort, vor ihm eine Person im Rollstuhl, und die beiden reden und reden, Federer ganz entspannt. Die viereckigen Bodyguards lockern ihre ernsten Gesichtszüge etwas, bitten um Verständnis, die beiden reden weiter, als wären sie beste Freunde, die sich schon lange kennen, wir hören nicht, was sie sich zu erzählen haben. Es ist sehr spät, das Spiel zuvor gegen den Franzosen Adrian Mannarino hat lange gedauert, und Federer wirkt so, als sei jetzt dieses Gespräch für ihn das Wichtigste der Welt. Die Journalisten warten noch immer, die beiden reden weiter, und später, als Federer sich herzlich verabschiedet hat, begleiten die Bodyguards die Person im Rollstuhl, es ist ein junger Mann, zum Ausgang. Sie lächeln jetzt auch. (fw.)

Der Profi, ein Mensch

Bild: freshfocus
Bild: freshfocus

Der Satz ist schnell dahingesagt. «Ein Profi muss das aushalten können. Er verdient ja schliesslich viel Geld.» Fussballer Haris Seferovic ist ein Profi. Für die Schweiz hat er in der Qualifikation zur WM am meisten Tore erzielt. Nur an diesem Novemberabend in Basel, es regnet und ist kalt, trifft der Stürmer nur am Tor vorbei. Ein, zwei, drei, vier Mal. In der 87. Minute wird er ausgewechselt. Ein Teil des Publikums pfeift. Es ist nur ein kleiner Teil der Zuschauer, und einige stehen auch auf und klatschen, weil sie einen Spieler gesehen haben, der viel gelaufen ist, der alles wollte und doch wenig bekam. Die Pfiffe aber überdecken den Beifall. Seferovic reagiert mit höhnischem Applaus. Später, als die Mitspieler auf dem Rasen das 0:0 gegen Nordirland und die Quali­fikation für Russland feiern, steht der 25-Jährige daneben, die Kapuze über dem Kopf, er weint. Ein Profi muss das aushalten können, er verdient ja schliesslich viel Geld. Ein Profi ist ein Mensch. (ukä.)

Der Vorkämpfer

Bild: Stefano Schroeter
Bild: Stefano Schroeter

Mir ist mulmig, als wir an diesem Januarmittag Richtung Sarnen fahren. Es schneit heftig, aber es hat nichts damit zu tun. Nein, das bevorstehende Interview liegt mir auf dem Magen, obwohl ich Gesprächspartner Stefan Grogg seit langem kenne. Leider ist die sportliche Karriere des ehemaligen Eishockeyprofis, der mit Zug Meister wurde und Nationalspieler war, nur am Rande das Thema. In erster Linie geht es um die Nervenkrankheit ALS, die ihn mit 33 ereilte, und seinen Umgang damit. Trotz des ungewohnten Szenarios – er bedient mit seinen Augen einen Computer, um zu kommunizieren – wird es ein langes, humorvolles und bewegendes Gespräch. Grogg war schon auf dem Eis ein Vorkämpfer, mit welcher Energie er sich nun gegen das Schicksal stemmt, lässt sich nur schwer in die richtigen Worte fassen. Die Lebensfreude und der Optimismus von ihm und seiner Frau Magdalena sind ansteckend. Und beschämend: Noch nie wurde mir so klar, an welchen Lappalien ich mich störe. Als wir losfahren, ist es dunkel, es schneit weiter. Mir ist warm. (mke)

Gold für den Mut

Bild: Corbis via Getty Images
Bild: Corbis via Getty Images

Wenige Tage vor dem Jahresende suchte ein Fachmagazin in einer Umfrage nach dem Turnmoment des Jahres. Im ersten Moment zuckt der Finger reflexartig beim Namen Epke Zonderland. Der fliegende Holländer hat an der WM in Montreal nicht Gold, aber Silber gewonnen, denn was er aufführte, war wieder einmal: wow! Eines seiner Flugteile am Reck fing er einhändig ab, drehte spektakulär eine Riesenfelge, ehe er den Griff wieder fand. Trotzdem ist aber nicht Zonderland der Höhepunkt des Turnjahres 2017 – weil Sport nicht alles ist. Vielmehr verdient der Mut von McKayla Maroney, Alexandra Raisman und Gabrielle Douglas eine Goldmedaille. Nach jahrelangem Schweigen haben die amerikanischen Turnerinnen den sexuellen Missbrauch durch den früheren Verbandsarzt Larry Nassar öffentlich gemacht. 60 Jahre Gefängnis fasste der Grüselpeter in einem ersten Prozess, zwei weitere stehen im Januar an. (wie)

Ein Text mit Zuversicht

Bild: Marco Zanoni/ Lunax
Bild: Marco Zanoni/ Lunax

Manchmal trickse ich ein wenig. Etwa wenn ich will, dass ein Text ein bestimmtes Gefühl transportiert. Wie im Juli, als ich über Alain Bader schrieb. Der 28-Jährige bereitete sich auf die World Dwarf Games vor, die Spiele der Kleinwüchsigen. Bader ist 117 Zentimeter gross und hat seit Kindheit einen Sehrest von noch zwei Prozent. Er erzählte mir, die Wettkämpfe in Kanada seien «das, worauf ich mein Leben lang gewartet habe». Bader wirkte bereit für ein Abenteuer. Er hatte eigens für die Games mit Kugelstossen angefangen – er hatte es sich definitiv verdient, dass ihm etwas Gutes widerfährt. Also wollte ich einen Text mit Zuversicht. Er endete so: «Es scheint, als sei er am Ziel. Aber irgendwie ist es auch ein neuer Anfang.» Der letzte Satz war eigentlich eine Behauptung – oder eine Hoffnung. Wer weiss schon, wie es jemandem geht, wenn er seinen grössten Traum erst einmal erlebt hat? Im Dezember rufe ich Alain an. Und höre einen glücklichen Mann. «Genial» sei es gewesen, im und neben dem Stadion. Und obwohl beim Kugelstossen «die Luft draussen war», gewann er Silber. Nach Kanada hat er beschlossen, seine Stelle zu wechseln und eine Ausbildung zum Mentaltrainer zu beginnen. Das wollte er schon lange tun. Die Games waren für Alain Bader wirklich ein neuer Anfang. Das freut mich sehr für ihn. Und ein klein wenig auch für mich. (fra)

Ein letztes Mal in der romantischen Provinz

Bild: Keystone
Bild: Keystone

Es war im Mai an einem Montagabend und daher Wirtesonntag in Baulmes, diesem 1059-Leute-Ort im Waadtland. Der FCZ reiste ein letztes Mal in die Provinz, um gegen Le Mont zu spielen. Das Restaurant du Jura hatte geschlossen und eigentlich auch der Gasthof L’Auberge. Doch die Wirtin hatte ein gutes Herz und öffnete den vielen FCZ-Fans «exceptionnellement» die Türen: Sie servierte den Teller Abendessen für 25 Franken. Der abgestiegene Grossclub tingelte ein Jahr lang durch herzallerliebste Kleinstadien, vom Brügglifeld auf die Niedermatten, weiter ins Stadio Comunale und eben auch ins Stadion Sous-Ville von Baulmes. Der FCZ überrollte wie so oft den Gegner, doch das Beste an diesem Abend war das, was sich in der 66. Minute zutrug. Der Stadionsprecher vermeldete, zwei Regenschirme seien gefunden worden, man könne sie in der Buvette abholen. (czu)

Qualvolles Date mit Judy

Bild: Getty Images
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Der nette PR-Mann Paul hat mir während Wimbledon 15 Minuten mit Judy Murray versprochen. Und weil da der Smalltalk wegfällt, gebe ich mir alle Mühe, der Mutter von Andy beim Interview auf Anhieb sympathisch zu sein. Also versuche ich, auch optisch zu punkten. Nebst meinem besten Hemd trage ich zu den Shorts meine neuen Lederschuhe. Und weil es unpassend wäre, wenn weisse Socken hervorragen würden, lasse ich sie weg. Schnell merke ich, welch Fehler das war. Jeder Schritt schmerzt, doch es gibt kein Zurück. Ich darf nicht zu spät kommen. Das Gespräch ist gut, ich bekomme sogar 18 Minuten und stolziere davon, ohne Schwäche zu zeigen. Hinter der nächsten Ecke entledige ich mich der Schuhe, um den Schaden zu inspizieren. Meine Füsse sehen schlimmer aus als nach dem 50-km-Marsch in der Infanterie-RS. Das Innere der Schuhe ist rot. Auf diese, während des Interviews unter einem Stehtisch versteckt, hat Judy Murray nie geschielt. (sg.)

Der «Wahnsinn» hat Zukunft

Bild: athletix.ch
Bild: athletix.ch

Genau so hat sie es gesagt: «Wahnsinn.» Und genau so hat es Sarah Atcho (ganz links) auch gemeint. Es war kein verbaler Ausrutscher im emotionalen Überschwang. Sie hatte schon recht. Fünfte waren die Staffelläuferinnen an der WM in London geworden. «Fünfte, die kleine Schweiz», wie sie noch anfügte. Leichtathleten sind Einzelkämpfer, Staffeln sind Quartette von Einzelkämpfern – die Schweizerinnen mit Atcho, Mujinga Kambundji, Ajla Del Ponte und Salomé Kora sind jedoch nicht einfach ein Quartett. Sie sind ein Team, nicht ein vier-, sondern ein sechsköpfiges. Ein Team, in dem die Ersatzläuferinnen Cornelia Halbheer und Samantha Dagry sagen, sie hofften, man brauche sie nicht. Welch Grösse! Ein Team auch, das mit seinem Spirit, Willen und seiner Lebensfreude das Prunkstück von Swiss Athletics ist. Und der «Wahnsinn» hat Zukunft: Die Ältesten sind erst 25. (mos)

Der Todeskandidat

Bild: Tass/PA Images
Bild: Tass/PA Images

Der Sport ist in unserer Gesellschaft zu bedeutend geworden. Der Umgang mit dem russischen Whistleblower Grigori Rodschenkow ist dafür der traurige Beleg. Rodschenkow wirkte als Chef des Anti-Doping-Labors von Moskau handfest am systematischen Betrug im russischen Sport mit. Seit seiner Flucht lebt er versteckt in den USA. Diesen Dezember liess sein Anwalt verlauten, dass man Hinweise von den US-Behörden erhalten habe, dass Russland versuche, Rodschenkow zu töten. Natürlich hat die «schönste Nebensache der Welt» ihre Unschuld längst verloren. Nur Romantiker betrachten den Spitzensport noch als edles Tun, das einzig von Fair Play geleitet ist. Dass betrügende Nationen jedoch bereit sind, Schlüsselfiguren nach dem Auffliegen der Manipulation zu beseitigen, ist neu – und erschreckend. Doch ein Wille des Spitzensports, dieses fatale Denken des immer Höher, Schneller, Weiter zu beenden, ist nicht auszumachen. Dabei wäre eine Abkehr davon dringend notwendig. (cb)

Goldregen in Kloten

Bild: Keystone
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Wie stark ein Trauma ist, zeigt sich oft erst, wenn es vergessen geht. Und so entlud sich an einem Mittwoch im Februar am Schluefweg all das, was sich in fünf Jahren angestaut hatte. Was Klotens Eishockeyaner vom Spitzenclub zum Pflegefall mit Identitätsverlust gemacht hatte. Um 22.39 Uhr warfen die Spieler im ausverkauften Stadion ihre Ausrüstung in die Luft, lag sich das Publikum in den Armen, strahlten Journalisten, regnete es Goldlametta, als Denis Hollenstein den Pokal in die Höhe stemmte. 21 Jahre nach seinem Vater Felix, Klotens letztem Meistercaptain. Ja, es war bloss der Cup. In der Meisterschaft lag der EHC nur auf Rang 10, doch das interessierte jetzt niemanden. Nicht die Fans, die 2012 am selben Ort Kuchen verkauft hatten, damit der Club überlebte. Und auch die Mitarbeiter und Freiwilligen nicht, die seit 2012 drei Besitzerwechsel, zwei Beinahe-Pleiten und zwei Lohnkürzungen erlebten – und blieben. Für sie war es mehr als ein Cup-Sieg: Es war ein Triumph der Hoffnung. (phm)

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