Zerstört dieser Schuh den Laufsport?

Mit einem revolutionären Modell hat Nike das Laufen in eine neue Ära katapultiert. Wie es dazu kam.

Futuristisch: Das ist der neue Wunderschuh von Nike. Er sorgt derzeit für Diskussionen. (Bild: Nike)

Futuristisch: Das ist der neue Wunderschuh von Nike. Er sorgt derzeit für Diskussionen. (Bild: Nike)

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Die Revolution zeigt sich in grellem Gelb: Der Kenianer Eliud Kipchoge stürmt im August 2016 in einem unübersehbaren Schuh zum Marathon-Olympiasieg – wie die Silber- und Bronzegewinner sowie die Top 3 der Frauen. Als Marketing-Gebrüll von Nike tut man die Kanarienvogel-Treter ab. Es stellt sich als grösste Fehldiagnose in der Geschichte des Laufsports heraus. Denn aus diesem Prototypen entwickelt der Gigant ein Modell, welches das Fundament des Traditionssports zu zerstören droht.

Wie gewaltig die Dimensionen sind, lässt sich an einem einfachen Gedankenspiel zeigen: Ein Läufer steht an der Startlinie für einen Marathon. Neben ihm befindet sich sein Klon. Der Läufer trägt das erwähnte Nike-Modell, der Klon einen Schuh einer anderen Marke. Noch bevor die beiden den ersten Schritt machen, steht der Sieger fest: der Läufer.

Denn mehrere, auch Nike-unabhängige Studien sowie Recherchen von Datenjournalisten haben mittlerweile gezeigt: Das Nike-Modell verbessert die Laufökonomie – bei Hobbyläufern im Schnitt um circa 4 Prozent, bei ­Eliteathleten um circa 2. Heisst: Läufer können im Nike-Schuh im Vergleich mit anderen länger das gleiche Tempo halten. Das mindert die Chancengleichheit in diesem Sport.

Wenn 2:03 Stunden über 42,2 km eigentlich 2:06 sind

Nehmen wir wiederum Eliud Kipchoge als Beispiel. Seine Marathon-Bestzeit beträgt in einem herkömmlichen Nike-Schuh 2:03:05 Stunden, erreicht 2016. Mit dem Wunderschuh verbessert er den Weltrekord auf 2:01:39 (2018) – und pulverisiert vor drei Wochen in einem Rennen unter Laborbedingungen die 2-Stunden-Grenze.

Ein Lauf für die Geschichtsbücher: Eliod Kipchoge rennt in Wien den Marathon unter der 2-Stunden-Grenze. (Video: ORF)

Er kommt auch dank der Hilfe von ständigen Pacemakern, die ihm Windschatten spenden, nach unfassbaren 1:59:40 ins Ziel. Was aber unterscheidet den Kipchoge des Jahres 2016 von demjenigen 2019? Primär zwei Dinge.

Erstens: Kipchoge wurde älter, er wird bald 34, Leistungssprünge sind nicht mehr zu erwarten. Zweitens: der Superschuh. Darum deuten alle bislang bekannten Faktoren darauf hin, dass Kipchoge in einem herkömmlichen Modell weiter 2:03 Stunden für einen Marathon benötigte – oder allenfalls ein bisschen weniger.

Damit beginnen die Probleme. Die Basis des Laufsports bildet seine Vergleichbarkeit. Bislang wusste man: Wer nach 2:03 Stunden ins Ziel kommt, zählt zu den raren Spitzenkönnern. Nun aber muss man sich fragen: Handelt es sich wirklich um einen 2:03-Läufer? Oder ist er eher ein 2:06-Läufer, der dank des Nike-Schuhs einen künstlichen Boost erhielt?

Eliud Kipchoge dürfte auch ohne Hilfe der beste Marathonläufer der Geschichte sein.

Muss man folglich jedes Resultat nun mit Sternchen versehen: gelaufen in einem Nike-Superschuh? Oder: gelaufen in einem anderen? Für jeden Hobbyläufer ist diese Frage noch einigermassen folgenlos zu beantworten. Er kann im Schnellmachermodell zwar problemlos seine Bestzeit verbessern, schadet damit aber keinem.

Anders bei der Elite. Bislang siegte der «freak of nature», also der Talentierteste und Besttrainierte. Nun schafft nicht mehr die Natur, sondern ein einziges Hilfsmittel den Hauptunterschied. Wobei man im Fall von Eliud Kipchoge sagen muss: Er dürfte auch ohne Hilfe der beste Marathonläufer der Geschichte sein.

Als Folge der Entwicklung haben die anderen Schuhhersteller hektisch begonnen, den Nike-Wurf auseinanderzunehmen und für ihre Profis zu adaptieren. Prototypen anderer Marken sind aufgetaucht, gar ausgereifte Modelle sind auf dem Markt erhältlich.

350 Franken bezahlt der Hobbyläufer

Den Rückstand aber haben die anderen Schuhmarken bislang nicht ausgleichen können. Das hängt mit dem enormen Vorsprung von Nike zusammen. Insider behaupten, die Amerikaner hätten acht Jahre am ersten Supermodell gearbeitet – und zudem alle entscheidenden Bausteine patentieren lassen.

Von den Schuhen getragen fliegt Eliud Kipchoge in Wien dem Ziel entgegen. Im Hintergrund jubeln die Tempomacher. (Bild: Jed Leicester/Keystone)

Hinzu kommt: Warum der Schuh derart schnell macht, weiss wohl nicht einmal Nike. Also lässt sich das Modell – in seiner neusten Version Vaporfly Next% genannt und zurzeit gegen 350 Franken teuer – nicht so einfach nachbauen. Zumal Kipchoge bei seinem Sturmlauf unter 2 Stunden bereits eine verbesserte Version trug.

Alpha Fly wurde er getauft und dürfte nächsten Frühling auf den Markt kommen. Seine Vorgänger gehen übrigens weg wie warme Semmeln, die Marge ist im Vergleich zu herkömmlichen Modellen allerdings gering. Denn die Materialkosten sind ein Mehrfaches höher.

Von der Auto-Stossstange in die Schuhsohle

Nike kam zufällig und unter Druck zum Durchbruch. Adidas hatte dank einer neuen Kunststoff-Mittelsohle den «schnellsten» Marathonschuh gebaut. Boost nannten ihn die Deutschen konsequenterweise. In ihm lief Dennis Kimetto 2014 zum Weltrekord.

So sah der Topschuh 2014 aus. (Bild: Adidas)

Nike entdeckte in diesem Wettstreit der Branchengrössen einen Kunststoff, der extrem leicht ist und sehr viel mehr Energie nach dem Zusammenpressen zurückgibt als alle bislang verwendeten Materialen – den Boost inklusive.

Pebax heisst das Material und wird von der Autoindustrie für Stossstangen verwendet. Im Labor kann Pebax 87 Prozent der Energie nach dem Fussaufsetzen zurückgeben. Kunststoffe anderer Laufschuhmarken bringen es auf maximal 70. Die Innovation half Nike, seinen Schuh ganz neu zu bauen und eine Unmenge an Pebax reinzupacken, ohne den Schuh massiv zu erschweren. Vergleicht man darum den Prototypen von Kipchoge von 2019 mit dem Weltrekordschuh von Kimetto (siehe Bilder), wird der Unterschied im Bau sofort augenfällig.

Die Regeln, welche der Welt-Leichtathletik-Verband IAAF bislang zum Thema Schuh führt, sind zahnlos

Und hier setzen die Nike-Kritiker an, die finden, dass der Konzern zu gut arbeitete und nun zur Gefahr für den Laufsport wird. Denn die Regeln, welche der Welt-Leichtathletik-Verband (IAAF) bislang zum Thema Schuh führt, sind zahnlos. Sie besagen bloss: Schuhe dürfen einem Athleten keine unfaire Hilfe bieten und ihm keinen Vorteil bringen. Zudem: Der Schuh muss möglichst vielen zugänglich sein.

Dabei musste sich die IAAF schon einmal mit einem ähnlichen Fall beschäftigen. In den 1950er-Jahren entwickelten die Russen einen Hochsprungschuh mit sehr hoher Sohle, was einen Trampolin-Effekt auslöste. Die IAAF reglementierte die Sohlenhöhe, das Problem war gelöst.

Gleich liesse sich die Kontroverse nun beheben: Die IAAF legt fest, wie hoch ein Laufschuh von der Sohle bis zum Ende der Mittel- sohle sein darf. Je geringer die Höhe, desto schwieriger wird es für die Hersteller, viel Technologie hineinzupacken.

Das fatale Abwarten der Regelhüter

Mit diesem Ansatz könnte die IAAF zumindest einen gewissen experimentellen Spielraum lassen – und müsste gleichzeitig nicht jeden Laufschuh nach einem Wettkampf scannen, um sein Innenleben ergründen zu können. Ein simples Messband reichte, um die festgelegte Höhe – von sagen wir 25 mm – zu messen. Kipchoges Prototyp kommt im Fersenbereich auf 51 mm.

Bislang allerdings sind die Signale der IAAF nicht zu interpretieren. Experten würden sich mit den Schuhen seit längerem befassen, sagt der Verband nebulös. Damit aber wird das Problem immer gravierender. Kämen die Regelhüter nämlich zum Schluss, handeln zu wollen, fragt sich: Würden dann alle Resultate mit den Revolutionsschuhen gestrichen – oder plötzlich zwei Bestzeiten geführt? Eine im Nike-Modell und eine der Post-Nike-Ära? Offensichtlich ist also nur: Wir befinden uns in einer neuen Ära des Laufsports, die nicht einmal Nike so anstrebte.



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Erstellt: 03.11.2019, 08:13 Uhr

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