«Zika kann auch im Sperma sein»

Die Aufregung um das Virus in Rio de Janeiro hat auch Vorteile, ist die Chefärztin der Schweizer Olympiadelegation überzeugt. Warum gerade Golfspieler besonders vom Zika gefährdet sind.

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Es sind noch 30 Tage bis Rio. Wie stark beschäftigt Sie das Zika-Virus?
Man darf es ja fast nicht so sagen, aber dank dem Zika-Virus hat Brasilien jetzt etwas gegen die Moskitos unternehmen müssen. Jene, die Zika übertragen, verbreiten ja auch die Viren, die das Gelbfieber, das Denguefieber und das Chikungunyafieber verursachen. Für den Athleten sind diese wahrscheinlich gefährlicher als Zika. Aber dank diesem wird jetzt gegen die Mücken gekämpft. Und ich fühle mich heute wohler als vor zwei Jahren, als wir die Bedrohung bereits gesehen haben, aber nichts gemacht wurde.

Wie sicher dürfen sich die Athleten fühlen?
Wir haben Zika seit 2014 auf dem Radar und Vorkehrungen getroffen. Wir haben die Athleten sensibilisiert, damit sie vorbereitet sind. Der Schock ist dann nicht ganz so gross, wie wenn das Thema plötzlich neu aufkommt.

Wie viele Anrufe von besorgten Athleten hatten Sie dieses Jahr?
Nicht viele, weil wir früh informiert haben. Wir haben eine Broschüre gemacht und diese regelmässig aufdatiert. Ich hatte vielleicht sechs Anrufe von Frauen dieses Jahr bezüglich Zika. Es geht dabei vor allem um die Familienplanung, weil das Virus das ungeborene Kind direkt angreifen und es zu einer Deformierung des Gehirns kommen kann, welche dessen Funktion stark beeinträchtigt.

Gesetzt den Fall, eine Athletin will trotz Frühstadium einer Schwangerschaft in Rio teilnehmen ...
Da muss man konsequent sein und absagen. Es wird weltweit empfohlen, während einer Schwangerschaft nicht nach Rio zu reisen. Es besteht eine Gefahr für das ungeborene Leben. Wenn die Athletin trotzdem geht, dann braucht es Tag und Nacht Mückenspray, ein Moskitonetz über dem Bett, und die Kleidung muss mit Insektizid behandelt werden. Sollten trotzdem Krankheitssymptome auftreten, braucht es sofort einen Test.

Was ist, wenn eine Frau nach Olympia schwanger werden will, sich in Rio aber mit Zika angesteckt hat?
Dann sollte sie in den folgenden sechs Monaten nicht schwanger werden und sich während dieser Zeit regelmässig testen lassen, um zu sehen, wie sich die Antikörper verhalten. Sobald die Laborwerte in Ordnung und die sechs Monate herum sind, ist die Familienplanung wieder möglich.

Wie verhält sich Zika bei den Männern und dem Sperma?
Das Virus kann im Sperma vorhanden, aber im Blut nicht mehr nachweisbar sein. Das Problem ist, dass wir im ­Moment nicht genau wissen, wie lange es im Sperma überlebt, die längste nachgewiesene Zeit war bisher rund drei ­Monate. Die Frage ist auch, ob es sich da noch vermehrt und ob es der Mann dann tatsächlich übertragen kann. Es sind also viele Unbekannte. Deshalb sollte man sechs Monate warten, bis man ein Kind zeugen will. Kommt dazu, dass die Tests, welche das Virus im Samen nachweisen können, bisher noch nicht validiert sind.

Das tönt beunruhigend.
Wir hoffen, dass bis zum Ende der Spiele diese Tests verbessert sind. In den USA arbeitet man derzeit ganz stark daran, weil man dort durch die Nähe zu ­Zentralamerika direkt betroffen ist.

Wann gibt es allenfalls einen Impfstoff?
Es wird in naher Zukunft keinen geben. Deshalb muss der infizierte Mann immer Kondome benützen, und alle Infizierten sollten auch darauf achten, dass sie nicht wieder gestochen werden, damit nicht weitere Mücken das Virus auf­saugen und verbreiten.

Die Angst hat zu diversen Absagen geführt. Mehrere Golfstars beider Geschlechter verzichten auf Olympia.
Die Golfer sind speziell betroffen, weil sie sich voll in der Natur bewegen und von stehendem Wasser umgeben sind. Dieses ist eine Brutstätte für ­Mücken. Zudem ist das olympische Turnier noch nicht optimal in den Wettkampfkalender integriert. Die Majors laufen normal weiter. Rio liegt terminlich ungünstig, und da kann ich mir gut vorstellen, dass man wegen der zusätzlichen Gefahr lieber absagt und zuwartet, wie gut sich das olympische Turnier entwickelt. Bei den Tennisspielern war es nicht anders, als ihr Sport wieder olympisch wurde. Ich denke, zukünftig werden die Sommerspiele auch für Golfer attraktiv sein.

Wie gross ist denn die Gefahr, dass man sich mit Zika ansteckt?
Die Gefahr ist gering. Der August ist ein Wintermonat in Rio. Das bedeutet kühlere Temperaturen und kaum Regen, das ist entscheidend. Bei feucht-warmem Wetter vermehren sich die Mücken und dann steigt natürlich das Risiko. Es gibt eine Statistik, die besagt, dass sich auf 1   Million Besucher in Rio höchstens 1  Person mit dem Virus infiziert.

Haben Sie trotzdem Verständnis für die Bedenken der Golfer?
Ich habe grosses Verständnis. Die Greens müssen immer gepflegt werden, sie sind ständig feucht. Das ist bei uns nicht anders: Auf den Schweizer Golfplätzen ­haben wir derzeit viele Brämen. Natürlich werden in Rio viele Insektizide versprüht, und so ist es relativ ­sicher. Aber ich verstehe jeden, der sich vor einer ­Infektion fürchtet.

Ein Problem ist, dass man vielleicht gar nicht merkt, wenn man sich angesteckt hat, weil sich Zika nur wie eine leichte Grippe äussert.
«Erkältung» wäre das richtige Wort. Bei einer Grippe haben wir immer gleich die Influenza im Kopf. Es handelt sich bei Zika nur um Erkältungssymptome. Vielleicht hat man gar kein Fieber, sondern nur erhöhte Temperatur. Die Athleten können aber in Rio jederzeit auf uns zukommen, wenn sie unsicher sind. Wir haben da eine Poliklinik und können schnell testen.

Das ist ein Bluttest?
Genau. Im Blut lässt sich das Virus in den ersten sieben Tagen direkt nach­weisen. Danach bildet der Mensch Antikörper, die bis zu sechs Wochen erkennbar sind. Weiter gibt es den Neutralisationstest, der uns hilft, Kreuzreaktivitäten auszuschliessen. Das Problem ist, dass Dengue, Gelbfieber und Zika alle vom gleichen übergeordneten Virus, dem Flavi-Virus stammen. Man kann deshalb manchmal nicht genau zuordnen, von welchem Virus die Krankheitssymptome kommen.

Was bedeutet Kreuzreaktivität?
Das Flavi-Virus kann Gelbfieber, Zika oder Denguefieber verursachen. Es kann also sein, dass der erste Test positiv auf Zika reagiert, obwohl man Denguefieber hat. Der Neutralisationstest schliesst die anderen Krankheiten aus.

Wie sollen sich Touristen verhalten, die keinen direkten medizinischen Zugang haben? Wenn jemand in Rio erkältet war und die Familienplanung vorantreiben will, muss er sich nach der Reise von seinem Hausarzt beraten lassen. Wenn jemand nicht erkältet war und auch nicht gestochen wurde, muss nichts weiter unternommen werden.

Warum? Sicherheit geht doch vor?
Wir können derzeit noch mit keinem Test eine hundertprozentige Sicherheit anbieten. Wenn man wirklich sicher sein will, wartet man einfach sechs Monate ab und verhütet während dieser Zeit. Es gibt in der Schweiz jedoch sehr viele ­private Labors, die Tests anbieten. Für den Neutralisationstest jedoch müsste man zum Beispiel nach Hamburg ausweichen.

Erstellt: 05.07.2016, 23:07 Uhr

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Kerstin Warnke

Chief Medical Officer Swiss Olympic

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