Zum Champion gereift

Giulia Steingruber hat nach dem Exploit an der Turn-WM gar noch Reserven.

Höhenflug in Glasgow: Giulia Steingruber schwebt über dem Balken.

Höhenflug in Glasgow: Giulia Steingruber schwebt über dem Balken. Bild: Andrew Cowie/Keystone

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Dass Giulia Steingruber ausgezeichnet turnt, ist hinlänglich bekannt. Nun zeigte sich, dass sie auch bestechend Achterbahn fährt. In der Qualifikation der WM standen sie und ihre Schweizer Teamkolleginnen nach zwei der vier Geräte mit dem Rücken zur Wand. Nicht weniger als sechs Stürze hatten sie sich zum Wettkampfauftakt notieren lassen müssen, und am Zitterbalken musste sogar Steingruber vom Gerät. Das Team schwor sich in einem Kreis auf die verbleibenden Aufgaben ein – Rang 16 als Minimalziel schien in ernster Gefahr.

Doch dann war am späten Samstagabend in Glasgow Steingruber-Showtime. Am Boden geriet ihr die schwierige (aber noch leicht entschärfte) Übung nahezu perfekt, an ihrem Paradegerät schliesslich setzte sie zwei blitzsaubere und hoch benotete Sprünge auf die Matte. Zwei Geräte­finals waren der Lohn, in denen sie für die Medaillenvergabe als Aussenseiterin in Lauerstellung liegen wird. Und Platz 16 mit dem Team. Vor allem aber: der sensationelle 2. Platz im Mehrkampf. Geschlagen nur von der unschlagbaren US-Überfliegerin Simone Biles, hat sich Steingruber, die Mehrkampf-Europameisterin, einmal mehr selbst übertroffen.

Und für einmal sogar sich selbst überrascht: «Das hätte ich nie für möglich gehalten», sagte sie nach Wettkampfschluss ehrlich. «Dass ich trotz Sturz eine so hohe Punktzahl erreichen kann, hätte ich nicht erwartet.» Tatsächlich stemmte sie mit den beeindruckenden 57,640 Punkten das fast genau gleiche Total wie bei ihrem EM-Titel vor einem halben Jahr in Montpellier und gar einen Zähler mehr als bei den Europaspielen in Baku wenig später, an denen sie Silber errang. 7 Medaillen hat Steingruber in diesem Jahr an internationalen Grossanlässen bereits gewonnen – die Chancen stehen gut, dass nun in Glasgow ein erstes WM-Edelmetall hinzukommt.

Investition für die Zukunft

Neben dem Mehrkampf sind in den Gerätefinals die Aussichten am Boden wohl grösser als am Sprung, wo sie auf Fehler der Konkurrenz angewiesen ist. Ihr Ausgangswert am Boden ist bereits hoch, trotzdem hat Steingruber gar noch Reserven. In dieser Saison hat sie den Doppelsalto mit Doppelschraube gelernt – eine Höchstschwierigkeit, zu der weltweit nicht viele Turnerinnen fähig sind. In der Qualifikation hat sie darauf noch verzichtet, und auch in den Finals wird sie eher auf Sicherheit statt Risiko turnen. Die Rückenverletzung, erlitten bei einem Sturz Mitte August, hatte drei Wochen Training gekostet. So ist das Element vielmehr als Investition für die Zukunft zu sehen, schliesslich kann sie damit ihr Bodentotal um vier bis fünf Zehntel steigern.

Von einer Medaille mochte Steingruber nach dem Wettkampf nicht sprechen, vor allem einer im Mehrkampf nicht, wo sie nun eine Platzierung unter den besten 8 anvisiert. Das ist ihr nicht übelzunehmen: Auf ihren Schultern lastet auch so schon genug Druck. In Glasgow belegte sie aber einmal mehr, wie nervenstark sie ist, wie gut sie mit diesem Druck umzugehen vermag, dass sich ihr Mentaltraining auszahlt. Das Team einmal mehr herauszureissen, war vor allem auch eine Willensleistung, eine Kopfsache. Eine Sache für einen Champion, dem nun fast alles zuzutrauen ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2015, 21:47 Uhr

Männer

Hoffnung nach der Bestleistung

Es war verhaltener Jubel, aber es war ganz eindeutig ­Jubel. Völlig zu Recht: Das Schweizer Männerteam feierte in Glasgow einen rundum gelungenen Qualifikationswettkampf, in dem es sich mit 350,127 Punkten ein Notentotal ­notieren liess, das in dieser Höhe doch eher ­unerwartet kam. Um mehr als vier Punkte übertrafen die Schweizer ihr ­Resultat des Vorjahres, als sie überraschend den WM-Teamfinal erreicht hatten. Und um fast vier Punkte schlugen sie die Deutschen mit Fabian Hambüchen.

Der Traum vom Teamfinal und der damit verbundenen direkten Olympiaqualifikation lebte unmittelbar nach dem Wettkampf, auch wenn zu diesem Zeitpunkt erst zwei von acht Subdivisionen ihren Wettkampf absolviert hatten – die Qualifikation geht erst heute Abend zu Ende. Nachdem Deutschland und auch Brasilien übertroffen wurden, ­stehen die Chancen aber gut.

Die Schweizer bestachen durch die Breite in ihrem Team – nicht ein einziger Sturz gelangte in die Wertung. Die Höchstnoten kamen von Pablo Brägger, der sich noch Hoffnungen auf den Barrenfinal machen darf, sowie Oliver Hegi am Reck und Eddy Yusof am Sprung. Brägger und wohl auch Christian Baumann werden zudem den Einzug in den Mehrkampffinal schaffen.

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