Die Golfszene hyperventiliert

Tiger Woods spielt in Augusta sein erstes Major seit fast drei Jahren. Ein Spektakel.

Einer trainiert – alle schauen zu: Wenn Tiger Woods im Augusta National Golf Club spielt, ist vieles ein wenig anders. Foto: Charlie Riedel (AP Photo/Keystone)

Einer trainiert – alle schauen zu: Wenn Tiger Woods im Augusta National Golf Club spielt, ist vieles ein wenig anders. Foto: Charlie Riedel (AP Photo/Keystone)

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Nun stehen also Ort und Termin des Spektakels fest. Donnerstag, 10.42 Uhr, US-Bundesstaat Georgia, Abschlag 1 im Augusta National Golf Club. Tea Olive heisst die erste Bahn, alle 18 Distanzen auf dieser edlen, furchtbar distinguiert geführten Anlage tragen Namen von ­Gewächsen. Womöglich wird sich die Süsse Duftblüte, die auf dem Weg zum ersten Loch den Rand des Fairways ziert, mehr als sonst über den Lärm wundern. Wobei der Lärm nicht vergleichbar ist etwa mit dem beim Turnier in Phoenix, wo bierselige Fans Urlaute bis zur Peinlichkeit vollführen. Hier, beim Masters, klatschen und jubeln die sogenannten Patrons meist so gesittet wie bei einem klassischen Meisterkonzert von Kent Nagano und verfallen dann vom Moment der akustischen Respektsbekundung in absolute Stille.

Warum es diesmal besonders speziell wird, beschrieb der Engländer Tommy Fleetwood, der auch zur Dreiergruppe um 10.42 Uhr zählt, vorab so: «Das erste Masters im Fernsehen sah ich 1997, als ER gewann. Nun, einige Jahre später, kann ich mit IHM spielen, und ich denke nicht, dass es eine bessere Auslosung ­geben kann, als Tiger als Partner zu ­bekommen, vor allem wenn man bedenkt, was gerade im Golf alles los ist.»

Die Runde mit Phil Mickelson

Ja, was ist eigentlich los? Am Montag ­betrat Tiger Woods am Morgen das ­Gelände. «Wunderbare Szene, als Tiger vom Clubhaus zum Puttinggrün läuft», textete Sir Nick Faldo (60), dreimal ­Gewinner des legendären grünen ­Jacketts. «Der Güterzug an Aura und ­Erwartung ist zurück. Wir sind alle da für eine unglaubliche Woche.»

Am Dienstag spielte Woods eine Proberunde mit Phil Mickelson (47). Das hatten die zwei in 20 Jahren noch nie in Augusta getan. Sie mochten sich lange nicht. In Zehnerreihen standen die ­Zuschauer an den Seiten. Als Woods an der 16. Bahn einen langen Putt lochte, brandete Jubel auf. «Ich hätte nie ­gedacht, dass ich den Tag einmal sehen würde, an dem Tiger und Phil in Augusta eine Proberunde spielen», konstatierte der Nordire Rory McIlroy (28), seit Jahren einer der Besten der neuen Generation, die nun ein Gefühl dafür erhält, wie das damals war. Als Woods seine 14 Major­titel errang. Als Woods zum globalsten Weltsportler aufstieg, eine Ära prägte, ehe ihn private Probleme und Rückenbeschwerden aus dem Erfolgsorbit ­warfen.

Der 6-fache Majorsieger Nick Faldo textet: «Der Güterzug an Aura und Erwartung ist zurück.»

Was also los ist? Die Gegner huldigen Woods. Die Fans folgen ihm wie Jünger beim Pilgern. Bei den Wettquoten liegt er fast ganz vorn, US-Profi Dustin Johnson und der Brite Justin Rose werden leicht favorisiert. Die Schwarzmarktpreise, wird kolportiert, erreichen verrückte Höhen. Alles wirkt überhöht, ja gerade so, als wollten alle das nach­holen, was dem Golfsport quasi genommen wurde: 2015 nahm Woods an seinem letzten Majorturnier teil. 2008 triumphierte er letztmals bei einem der vier wichtigsten Events im Golf. Viermal siegte er in Augusta, nach 1997 noch 2001, 2002 und 2005. Nach fast einem Jahr Pause (wegen Rücken-OP und Medikamentenentzug) musste Woods nur bei zwei Turnieren Zweiter und Fünfter werden, schon hyperventiliert die Golfgemeinde.


Bilder: Tiger Woods nahm fünf Drogen


Die Vorfreude der Szene auf die 85. Ausgabe des Masters, das als einziges der vier Majors stets auf demselben Kurs stattfindet, ist aber nachvollziehbar, auch aus sportlicher Sicht. Es ist ja nicht so, dass Woods als Einziger der Startenden eine gute Geschichte bietet. McIlroy könnte endlich seinen Karriere-Slam ­erreichen, nur Augusta fehlt in seiner Sammlung. Der indische Aufsteiger Shubhankar Sharma sorgt in Asien für höchste Anteilnahme.

Jason Day, Jon Rahm, Titelverteidiger Sergio Garcia, Jordan Spieth, Rickie Fowler, die Männertour, die sich lange fragte, was nach Woods käme, ist so reich an charismatischen Darstellern wie seit langem nicht (Martin Kaymer kämpft nach überstandener Handverletzung noch mit der Form). Früher gab es die Big Five genannte Gruppe mit Seve Ballesteros, Nick Faldo, Bernhard Langer (startet als zweimaliger Masters-Sieger auch diesmal wieder in Augusta), Sandy Lyle, Ian Woosnam, später folgten die Big Five mit Woods, Mickelson, Ernie Els, Vijay Singh und Retief Goosen. Längst gibt es viel mehr Siegkandidaten.

Aber nur einen Woods. Was der auszulösen vermag, erfuhren auch Fred Couples und Thomas Pieters, die am Dienstag mit Woods und Mickelson ­zusammen Bahnen spielten. «Es war ein netter, ruhiger Zweikampf, dann kamen Tiger und Phil dazu und . . . tja», schilderte Adam Morrow, der Caddie des ­Belgiers Pieters, dem Magazin «Golf ­Digest». Couples (58), Masters-Champion 1992 und selbst sehr beliebt, meinte, gefragt nach Woods und den Folgen seiner Präsenz: «Die Energie ist unwirklich.»

Die Schmerzen sind weg

In dieser Ballung an Erwartungen und aufgeheizter Stimmung ist es fast ein Wunder, dass ein Mensch noch konzentriert und frei einen kleinen Ball treffen kann. Andererseits: Woods kennt es ja nicht anders, seit er mit 21 Jahren beim Masters siegte und zig Rekorde dabei aufstellte. Was aber neu ist für ihn: «Ich habe keine Schmerzen.» Das letzte Mal habe er sich vor sieben, acht Jahren so gut gefühlt. Gleichzeitig hegte er aber auch einen Wunsch: «Ich habe noch vier Runden zu spielen, gehen wir alles langsam an.»

Doch dafür ist es zu spät. Woods ist zurück an jenem Ort, an dem seine einzigartige Geschichte begann.


Bilder: Tiger Woods: Seine Höhen und Tiefen

Erstellt: 04.04.2018, 23:18 Uhr

Tiger Woods

Rekordmann und Zuschauergarant

Die Bestmarken. Tiger Woods hat Rekorde à discrétion aufgestellt. Hier einige seiner eindrücklichsten: 683 Wochen die Weltrangliste angeführt; 52 Runden in Folge mit Par oder besser absolviert (2000/01); an 141 Turnieren in Serie den Cut, die Feld­reduzierung nach zwei Runden, über­standen.

Die Durststrecke. Der letzte Turniersieg von Woods datiert vom 4. August 2013, als er in Akron, Ohio, triumphierte. Auf Major-Ebene reüssierte der heute 42-Jährige letztmals am US Open 2008, als er Rocco Mediate trotz Knieverletzung im Stechen niederrang. 14 Majortitel hat Woods geholt, damit ist er hinter Jack Nicklaus (18) die Nummer 2.

Die Verletzungen. Probleme bereiteten Woods in seiner Karriere vor allem die Achillessehnen, das linke Knie und der Rücken. Das Knie und der Rücken sind je viermal operiert worden. Der letzte Eingriff fand vor knapp einem Jahr im Bereich des Lendenwirbels statt und war erfolgreich.

Die TV-Quoten. Keiner lockt mehr Zuschauer vor die Geräte als Woods. Als er vor drei Wochen unweit von Tampa in der Schlussrunde um den Sieg spielte, schauten in den USA 6,9 Millionen Menschen zu, dreimal mehr als 2017. Nimmt man die Majors und den Ryder-Cup aus, waren im Golf die Einschaltquoten letztmals an der Players Championship 2013 höher gewesen. Sieger war: Woods. (ädu)

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