Wie Selfmade-Millionär Kieser sein Imperium aufbaute

Werner Kieser wurde vom Schreinerlehrling zum Krafttraining-Pionier. Auch mit 77 Jahren treibt ihn die Neugier an.

Die Markenzeichen des Werner Kieser: Markante Brille, Bart und Muskeltraining. Foto: Dominique Meienberg

Die Markenzeichen des Werner Kieser: Markante Brille, Bart und Muskeltraining. Foto: Dominique Meienberg

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Buben wollten in den 1940er-Jahren Polizist werden, Metzger oder Arzt. Der kleine Werner Kieser war damals schon anders. Er sagte zum Grossvater: «Ich will Neger werden.» Ihn begeisterte ihre dunkle Hautfarbe. «Neger kann man nicht werden», entgegnete dieser. «Doch», sagte der Knirps verärgert, wird stattdessen aber zum Schweizer Pionier des therapeutischen Krafttrainings und wird ein Querdenker bis ins hohe Alter bleiben. Werner Kieser also heisst der Selfmademan. Vor 50 Jahren lancierte er in Zürich sein erstes Studio.

Mittlerweile belegen seine Nachbarn, wie weit es der Schreinerbub aus einem Dorf an der aargauisch-zürcherischen Grenze gebracht hat: Ein früherer Zürcher Bundesrat gehört dazu oder der zurzeit erfolgreichste Schweizer Bestsellerautor. Kieser erwähnt sie mit der Beiläufigkeit des Erfolgreichen. Er ist es gewohnt, mit der Elite auf Augenhöhe zu verkehren. Er gehört selber dazu.

77-jährig ist Werner Kieser inzwischen, über 150 Studios primär in Deutschland und der Schweiz tragen seinen Namen. Sie haben ihm im Franchise­system Millionen eingebracht. Diesen Winter verkaufte er sein Unternehmen an seinen langjährigen ­Geschäftsführer, seine dritte Frau Gabriela aber präsidiert weiter den Verwaltungsrat. Der ­Patron agiert als Ideen­lieferant, Geräte­entwickler und Markenbotschafter. ­Wöchentlich hält er Vorträge, erzählt aus seinem Leben.

Der Knirps weiss, was er später werden will: «Neger» sagt er dem Grossvater. «Geht nicht», erwidert dieser.Aus der Biografie von Werner Kieser

Dabei verärgert der Undiplomatische seine Mitbewerber mit seinen Aussagen immer wieder. Das freut ihn. Kieser mag die Provokation, weil er findet: «Man muss die Leute wecken und ihre Konsenssucht brechen.» In diesem Sinn ist er ein sehr untypischer Schweizer, der mit einem Lächeln von sich sagt: «In meiner Szene bin ich nicht besonders beliebt.»

Wachsen am Widerstand zählt darum zu seinen Leitmotiven. Man muss den Ausdruck in zweifacher Hinsicht verstehen, auf direkte wie übertragene Art. Sollen die Muskeln wachsen, benötigen sie ­Widerstand, etwa in Form von Gewichten, wie sie Kieser in seinen Studios anbietet. Und erst recht beseelt wurde der Pionier, wenn er in seinen frühen Jahren wieder einmal hören musste, mit was für einem seltsamen Gebiet er sich doch beschäftige. Als Kieser vor rund 50 Jahren sein erstes Studio eröffnete, galt das Arbeiten mit Gewichten noch keineswegs als «Training». Es war eine Beschäftigung für Sonderlinge weit ab des Mainstreams.

Durchbruch als «Rückenpapst»

Kieser propagierte von Beginn an: «Ich will die Welt kräftigen, weil ich glaube, dass damit eine Menge Probleme gelöst werden können, unter denen die Leute leiden.» Auch damals hatten die Menschen schliesslich (muskuläre) Dys­balancen und Schmerzen. Als «Rückenpapst» sollte Kieser in der Schweiz später seinen öffentlichen Durchbruch schaffen. Mit dem Slogan «Ein starker Rücken kennt keine Schmerzen» wirbt er bis heute. Bei aller inhaltlicher Stringenz ­seines Trainingskonzepts war Kieser stets ein cleverer Werber seiner Sache. Was er tat, musste sich auszahlen.

Dass er seine Philosophie rasch ­benennen und mit Inhalt füllen konnte, war einer seiner erfolgreichsten Entwicklungsschritte. Seine Philosophie ­besagt: Trainiere einzelne Muskeln über 90 bis 120 Sekunden – und zwar mit so viel Gewicht, dass du nach dieser Zeit keine weitere Wiederholung schaffst. Das Tempo ist unwesentlich bzw. wird von der Dauer (und dem Gewicht) vorgegeben. Eine Serie reicht. Damit jeder die Zeit im Blick hat, hängen in den Kieser-Studios viele kleine Bahnhofs­uhren.

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Wer nach Kieser trainiert, sollte sich also auskotzen. Dafür dauert das Training relativ kurz und muss nicht mehr als ein- bis zweimal in der Woche absolviert ­werden. Aufwärmen kann man sich dabei ersparen. Es ist fürs Krafttraining zwecklos – was die Fachliteratur auch belegt.

Weg mit allem Schnickschnack

Kiesers Philosophie, die auf seinen Mentor Arthur Jones zurückgeht, ist wissenschaftlich unumstritten. Sagen muss man aber: Es gibt keinen Königsweg, wie man Muskeln kräftigt. Menschen reagieren auf die­selben Reize unterschiedlich. Darum können andere Ansätze ebenso wirken. Marco Toigo, einer der führenden Schweizer Muskelphysiologen, sagt immerhin: «Kieser verfolgt seine Philosophie konsequent und mehrheitlich ­widerspruchsfrei. Was er tut, ist in sich stimmig.»

Darum entfernte Werner Kieser schon 1971 alle Blumen und Proteinsupplemente aus seinem Studio. Er stoppte die Musik und baute die Sauna ab. Wer bei ihm trainiert, soll sich aufs Wesent­liche konzentrieren: das Training. Er sagt: «Haben die Leute eine Auswahl, folgen sie dem geringsten Widerstand, gehen gerne in die Sauna oder ins Solarium. Indem ich auf alle diese Dinge verzichte, zwinge ich sie an die Geräte.»

Nicht alle Kunden goutierten damals den radikalen Umbruch in die Frugalität: Ein Drittel kündigte das Abo. Wer blieb, wurde teilweise strenger als der Lehrmeister. Immer wieder beklagen sich Kunden bei ihm, in einem der Studios sei «Schnickschnack vorhanden», der doch unnötig sei und wegmüsse.

Erste Geräte vom Schrottplatz

Der grosse Vorteil seines Ansatzes, der ihm mittlerweile fast 300'000 Kunden eingebracht hat: Er ist von Modeströmungen unabhängig. Mit breiter Brust sagt Kieser: «Was die anderen tun, hat mich nie interessiert.» Darum baute er stets seine eigenen Geräte: Für sein erstes Studio holte er sich das Rohmaterial von einem Schrottplatz, inzwischen lässt er in China, Ungarn und Deutschland produzieren. Zu seinen neusten Erfindungen, die er zusammen mit seinen Ingenieuren und Wissenschaftlern ent­wickelt hat, zählen Geräte für Parkinsonpatienten. Er will helfen, dass ihr ­Zittern zurückgeht.

Kieser in jungen Jahren als Boxer. Foto: Kieser

Alle Kieser-Geräte sind Unikate und nur darum nicht bei den inzwischen ­unzähligen anderen Anbietern vorhanden, weil er mit der Produktion fürs eigene Unternehmen kaum nachkommt. Trotzdem ist Kieser auch in vielen fremden Studios präsent: Sie verwenden zwar andere Modelle. Von manchen aber besitzt er die Lizenz, weil er sie einst von ­seinem Mentor Arthur Jones kaufte.

Dass bei Quälgeist Kieser keineswegs erbrechende Kunden zu sehen sind, hängt mit ihrem Alter zusammen. Viele sind über 50, gut situiert, rund die Hälfte ist weiblich. Gewichte bis zur Erschöpfung mögen die meisten von ihnen nicht stemmen, was Kieser kein bisschen schlimm findet, weil er sagt: «Wichtiger ist, dass sie trainieren und sich damit kräftigen, also ihre Gesundheit pflegen. Dass sie nicht ihr maximales Potenzial ausschöpfen, ist unwesentlich.» Er ist dafür das beste Beispiel. An den Anschlag bringt er sich bloss noch in grösseren Abständen, ansonsten trainiert er ein- bis zweimal pro Woche weniger intensiv. Muskelkater gibts trotzdem, beim ersten Treffen humpelt Kieser, weil er nach einer längeren Pause erst wieder in die Gänge kommen muss.

Jeder Tag ist durchgeplant

Ohnehin mag er Stillstand nicht. Angetrieben von «einer immensen Neugier», kann er sich nicht sattleben. Seit 1972 plant er jeden Tag, um das Maximum ­herauszuholen. Zurzeit sieht die Planung so aus: 7.30: Kaffee, Zeitung/Tages­plan. – 8.30: Mails, Sitzung, Training. – 9.30: Waldgang mit den Hunden/Einkaufen. – 12.00: Mittagessen. – 13.00: Schlaf. – 14.00: Studium/Projektarbeit. – 16.00: Musik und Kunst. – 18.00: Nachtessen. – 19.00: Tag nach- und vorbereiten. – 19.30: «Tagesschau». – 20.00: Varia. – 22.30: Schlafen.

Bei dieser Konsequenz wundert nicht, dass Kieser mit 60 noch ein Philosophiestudium bewältigte, nun drei Instrumente spielen kann und sich künstlerisch betätigt. Er sagt über sich: «Ich bin ein Dilettant.» Er versteht das Wort im ursprünglichen Sinn. Er ist also einer, der sich in vielen Gebieten ohne Ausbildung versucht. Mit fast schon kindischer Freude fragt er darum, ob man auch auf Twitter sei. Eine tolle Erfindung findet er, weil einen die sehr begrenzte Zeichenzahl zwinge, den Kern einer Sache zu erkennen. Oder anders formuliert und auf seine Welt übertragen: am ­Widerstand wachsen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2017, 23:43 Uhr

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