Aggressiv bei Tempo 130

Simon Ammann ist berühmt und bewundert für seinen riskanten Stil. Sein Problem? Die Landung – seit jeher. Die Folgen können verheerend sein.

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Noch ist nicht klar, wie es um Simon Ammann bestellt ist. Neuigkeiten über den gesundheitlichen Zustand des Skispringers nach seinem schlimmen Sturz in Bischofshofen gibt es frühestens am Mittwochnachmittag, dann hat eine weitere Kontrolluntersuchung im Spital in Schwarzach stattgefunden.

Ammann ist gestern Opfer seines Strebens nach Perfektion geworden. Auf der Suche nach Weite und nach guten Haltungsnoten hat er für den Bruchteil einer Sekunde zu viel gewollt, er wollte einen Sprung stehen, der am Ende nicht mehr zu kontrollieren war. Bei einer Geschwindigkeit von etwa 130 km/h und einem Aufsprungbereich mit eisiger und rutschiger Schneeauflage.

Es ist das Wesen des Skisprungs, ans Limit zu gehen. Der Mensch ist nicht zum Fliegen gemacht, und er versucht es doch immer wieder. Ammann ist einer, der immer wieder vorneweg geflogen ist. Er hat einen ausgesprochen riskanten Stil, geht beim Absprung so aggressiv weg wie kaum einer. Er legt sich auch in der Flugphase extrem weit nach vorne zwischen seine Ski. Ammann ist berühmt und bewundert in Springerkreisen, weil er damit mehr Geschwindigkeit in der Luft erreichen kann als andere. Damit hat er vier olympische Goldmedaillen, einen WM-Titel und seine Vorbildfunktion gewonnen.

Der Telemark will ihm nur selten so recht gelingen

Aber er hat schon seit jeher Probleme mit der Landung. Der Telemark, der gute Haltungsnoten bringt, will ihm nur selten so recht gelingen. Das heisst: Er muss diesen Nachteil durch mehr Weite wettmachen. Und wenn er sich dann noch so richtig gut fühlt wie in den vergangenen Tagen der Vierschanzentournee, dann will er alles, den perfekten Flug und eine gute Landung. Es spricht einiges dafür, dass ihm dies am Dienstag zum Verhängnis geworden ist.

Skispringen ist eigentlich keine ausgesprochene Risikosportart, im Fussball ist die Verletzungsdichte höher. Vor allem nicht mehr, seit ab den 90er-Jahren im V-Stil gesprungen wird. Er hat die wesentlich instabilere parallele Skihaltung abgelöst. Freilich nicht in erster Linie, weil er sicherer ist, sondern weil der Springer eine grössere Fläche bilden kann, der Aufwind wird besser genutzt, schön und ruhig segeln die Athleten viel weiter in die Tiefe als ihre Vorgänger mit den parallelen Ski.

Die Geschichte mit den Bindungsstäben

Doch der Mensch und vor allem der Spitzensportler ist, wie er ist. Er sucht stets nach Verbesserungen, nach Vorteilen. Ob es um die Anzüge und ihre Luftdurchlässigkeit geht, mit denen der eine weiter fliegt als der andere. Um die Länge der Ärmel der Unterwäsche, die dem Norweger Anders Jacobsen zum Sieg in Garmisch verholfen haben soll, weil damit der Luftwiderstand verringert werde. Es gibt ein Reglement, und wo es ein Reglement gibt, gibt es Spezialisten, die es bis zum Letzten ausreizen wollen, die Lücken suchen.

Wie bei den berühmten gebogenen Bindungsstäben. Ammann, selbst ein begnadeter Tüftler, und sein genialer Servicemann Gerhard Hofer überraschten damit an den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver die Konkurrenz. Die Österreicher wehrten sich – «aus Sicherheitsbedenken», wie sie vorgaben – vehement dagegen, am Ende holte sich Ammann seine Goldmedaillen Nummer 3 und 4. Inzwischen springen alle mit diesen gebogenen Stäben: Sie ermöglichen eine Skistellung in der Luft, die weitere Flüge erlaubt. Aber sie machen auch das gesamte System Athlet/Material instabiler, weil die Knie in eine unnatürliche Haltung gezwungen werden.

Morgenstern gab nach Stürzen auf

Der Österreicher Thomas Morgenstern hat im vergangenen September seine Karriere nach zwei schweren Stürzen beendet. Er war als Gast bei der diesjährigen Tournee. Der Amerikaner Nick Fairall musste nach einem Sturz in Bischofshofen an der Wirbelsäule operiert werden, er twittert, dass er kommende Saison ganz sicher wieder dabei sein wolle.

Am Tag darauf erwischte es Ammann, nachdem der 33-Jährige beim Auftakt in Oberstdorf gestürzt war, sich dabei aber nicht verletzt hatte. Die Springer wissen, dass sie sich am Limit bewegen. Sie geniessen diesen Zustand, sie suchen ihn gar. Sie erleben Sekunden des wirklich freien Flugs, und sie gehören damit zu einem ganz exklusiven Klub von ein paar Hunderten auf der Welt. Dafür sind sie bereit, einen hohen Einsatz zu bezahlen.

Erstellt: 07.01.2015, 10:40 Uhr

Christian Andiel, Sportredaktor Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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