Analyse

Ammanns Nervenspiele vor dem grossen Finale

Simon Ammann lässt vor dem letzten Springen der Vierschanzentournee nichts unversucht, um seine beiden österreichischen Rivalen unter Druck zu setzen.

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Das Nervenspiel im Kampf um den Gesamtsieg an der Vierschanzentournee geht in die letzte Runde. Eingeläutet wurde es bereits gestern um die Mittagszeit. Da liess Simon Ammann mitteilen, dass er im Regen von Bischofshofen auf beide Trainingssprünge sowie die Qualifikation verzichten werde. Die indirekte Message an die Konkurrenz war klar: Freunde, ich fühle mich dermassen gut, mir reicht es, wenn ich am Montag den Probesprung mache und dann mit aller Energie ins letzte Springen gehe.

Ammann hatte schon nach dem umstrittenen Windspringen in Innsbruck gesagt, wie wichtig ihm jede ruhige Minute sei, sogar für das kurze Gespräch mit den Journalisten liess er sich auf einem Stuhl nieder. Mit seinem zweiten Platz am Bergisel hinter dem Finnen Anssi Koivuranta hat der Toggenburger seine Ausgangslage verbessert, weil er beim Wind mehr Glück hatte, als die beiden Österreicher Thomas Diethart (5.) und Thomas Morgenstern (8.).

Bischofshofen – eine ausgeprägte Fliegerschanze

Zwischen diesen drei Springern ist heute ein spannender Dreikampf zu erwarten. Sie liegen 16 Punkte auseinander, das ist auf der ausgeprägten Fliegerschanze von Bischofshofen nicht viel. Ammann muss auf Diethart gut fünf Meter aufholen, Morgenstern auf den Schweizer wiederum rund drei Meter. Es hat gerade in Bischofshofen in letzten Jahren immer wieder grosse Umwälzungen in der Gesamtwertung gegeben, erstaunlicherweise liegt aber der letzte Leaderwechsel im letzten Wettkampf bereits 15 Jahre zurück: Im Januar 1999 reiste der Japaner Noriaki Kasai mit 0,4 Punkten Vorsprung auf Janne Ahonen in Innsbruck ab, am Ende lag der Finne 6,4 Punkte voraus. Es war Ahonens erster von insgesamt fünf Gesamterfolgen – er erreichte ihn ohne einen einzigen Tagessieg.

Ammann sagte schon direkt nach dem Springen in Innsbruck, war er von Statistiken hält: «Die sind mir wurst.» Ihm ist viel wichtiger, dass er seine Flüge von Tag zu Tag mehr stabilisiert – auf hohem Niveau. «Der Sprung in meinem Kopf wird immer klarer», nennt er diesen Vorgang, bei dem es darum geht, die Automatismen noch perfekter, noch unbewusster abrufen zu können. Skispringer brauchen einen Rhythmus, der passt, sie müssen sich in einem Flow befinden, wer schon im Anlauf nachdenkt, hat verloren.

Der geniale Tüftler an Ammanns Seite

Kaum einer arbeitet schon so lange so detailliert in verschiedenen Bereichen neben dem eigentlichen Ablauf auf der Schanze wie Ammann. Er ist ein Meister der Visualisierung, dessen Gedankenabläufe für Aussenstehend manchmal nur schwer nachzuvollziehen sind. Er ist selbst ein Tüftler und hat jetzt mit Gerhard Hofer wieder den brillanten Servicemann an seiner Seite, der ihm bei Olympia 2010 mit dem gebogenen Bindungsstab wertvolle Hilfe auf dem Weg zu Doppel-Gold leistete.

Damals hatte Ammann auch mit Gerhard Tröster, Professor an der ETH Zürich, und Hanspeter Gubelmann, Sportpsychologe an der ETH und seit 1999 Betreuer der Schweizer Skispringer , ein einzigartiges Projekt entwickelt. Sie sammelten detailliert Körperdaten, die exakt den perfekten Wettkampfmodus widerspiegelten. In einem zweiten Schritt fanden sie heraus, wie sich Ammann in diesen idealen Zustand versetzen kann. Und nicht vergessen darf man den stets aufgestellten Physiotherapeuten Wytze Bakker, der dafür sorgt, dass die Beine von Ammann nicht müde werden. «Ich fühle mich enorm wohl im Team», sagte Ammann am Samstag.

Es geht heute um viele Details. Um die beste Position in der Anlaufspur, um das richtige Timing beim Absprung, die ideale Flughaltung und eine Landung mit Telemark. Im Skisprung steht der Sieger oft aber auch schon fest, bevor es losgeht. Ammann sieht das Ziel vor Augen, er will aus der Kraft des Möglichen die entscheidende Energie schöpfen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.01.2014, 06:25 Uhr

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Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet ab 16 Uhr mit einem TV-Ticker über den letzten Akt der Vierschanzentournee in Bischofshofen.

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