«Bei Gisin und Holdener spricht niemand von Spezialbehandlung»

Lara Gut-Behrami mag die grossen Schlagzeilen nicht – und macht sie doch. Sie sagt, was ihr alles missfällt.

Lara Gut-Behrami redet in Lake Louise Klartext. (Bild: Keystone)

Lara Gut-Behrami redet in Lake Louise Klartext. (Bild: Keystone)

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Lara Gut-Behrami wolle nur im Zielraum reden, hatte es geheissen. Dort allerdings war die Lust auf Fragen begrenzt. Nun sitzt sie an diesem Abend in Lake Louise auf einem Sofa im Teamhotel und redet. Über den Vorwurf, sie habe 2018 wegen der Beziehung zu Fussballer Valon Behrami zu wenig trainiert; über die Integration ins Schweizer Team; über Defizite im Verband; über die Verhandlungen zwischen Swiss-Ski und ihrem Team um Finanzen und Personal; über ihren Vater Pauli Gut, der sie nach so vielen Jahren kaum mehr begleitet; über José Luis Alejo Hervas, ihren neuen Konditionstrainer, der nun mit ihr auf den Pisten unterwegs ist.

Von den Trainern bei Swiss-Ski heisst es, Gut-Behrami sei mehr mit dem Team unterwegs, besser integriert. Roland Platzer, der Chef der Abfahrerinnen, sagt: «Sie hat sich gut eingefügt. Sie arbeitet wieder mehr und ist auf dem Stand von vor zwei, drei Jahren.» Und, sagt der Südtiroler noch, «sie ist anders geworden, erwachsener, sie kommuniziert mehr, ist offener.» Dann redet sie.

Hat sie zu wenig trainiert wegen der Beziehung mit Valon Behrami?

«Ich habe die Professionalität immer gelebt. Ich bin die Erste, die viel von mir verlangt. Ich weiss, was andere sagen, doch: Niemand war 2018 dabei. Das gibt es doch nur im Sport, dass man mit 28 nicht Frau genug ist, zu entscheiden, wie man sein Leben leben möchte. Ich habe mich nicht zurückgelehnt. Ich war während einer Vorbereitung in einem anderen Jahr zehn Tage alleine in New York, das war kein Problem. Im letzten Sommer ging ich fünf Tage nach Hause, und das hat dann viele gestört. Das sei nicht professionell, hiess es. Das ist lächerlich.»

Ihre Integration ins Team

«Solche Themen werden richtiggehend gesucht. Wenn ich zwei Tage schlecht gelaunt bin, heisst es, ich sei nicht integriert. Wenn ich zweimal am Abend Karten spiele mit den anderen, bin ich integriert. Wir sind hier, um Ski zu fahren, wir geben alle unser Bestes, Physiotherapeuten, Trainer, Athleten. Das ist das Einzige, was wir als gemeinsames Ziel haben.»

Ihre Stellung im Vergleich zu Holdener und Gisin

«Ich möchte aufhören, darüber zu reden, weil ich weiss, dass immer wieder Wirbel entsteht, und das macht mich müde. Bis auf Mikaela Shiffrin bin ich diejenige aktive Athletin mit den meisten Siegen. Das heisst: Was gewählt wurde für mich, passt. Es gibt keine riesigen Geschichten, wenn Michelle Gisin ihre Schwester Dominique dabei hat. Oder wenn Wendy Holdener Slalom trainieren muss und zwei Coaches mitgehen. Da spricht niemand von Spezialbehandlung. Ich verstehe ihre Bedürfnisse zu 100 Prozent, jede Athletin macht das, was sie braucht, um besser zu werden. Aber genauso ist es doch bei mir. Vielleicht forderte ich es nur lauter, weil ich schon früher gewusst habe, was ich brauche.»


Lara Gut-Behrami spricht über ihre Ziele in diesem Weltcup-Winter. (Video: Tamedia)


Die Defizite im Schweizer Team

«Schon im Frühling sagte ich, wir sollten uns im Physio-Bereich verbessern. Wir sind acht Athletinnen im Speedteam und haben jetzt zumindest eine halbe Lösung – dank Liechtenstein. Die Physiotherapeutin von Tina Weirather unterstützt uns. Sonst hätten wir nur einen Physiotherapeuten. Stürzt eine Athletin, haben alle anderen keine Betreuung mehr. Auf dem Level, auf dem wir uns bewegen, was wir vom Körper verlangen, da brauchen wir Physiotherapeuten und Konditionstrainer, die uns täglich begleiten. Die Erwartungen von uns Athletinnen ist, dass wir keine Ausrede zu haben brauchen, weil wir das Beste vom Besten haben. Das muss das Ziel des Verbandes sein. Wir wollen nicht verwöhnt werden, aber alles haben, um erfolgreich zu sein. Wollen wir besser sein, muss das Niveau der Athletinnen hoch sein, aber genauso dasjenige des ganzen Staffs.»

Die Forderungen an Swiss-Ski

«Wäre ich Chef des Verbandes, wäre mir auch am liebsten, keine Probleme zu haben. Wenn jeder etwas fordert, um besser zu werden, kriegt man schnell Kopfweh. Aber nur so kommt man zum Erfolg. Ich werde nie zufrieden sein, weil ich mich immer verbessern muss. Im Spitzensport gibt es keinen Punkt, an dem ein Athlet sagt: Es ist genug. Es muss immer professioneller werden und immer mehr. Ein Verband darf die Athleten nicht ausnützen, damit er weiterleben kann. Sondern muss immer daran denken, dass er dank den Athleten existiert. Und wenn es heisst, wir müssten den Jungen etwas zurückgeben, sage ich: ‹Ja, aber zuerst müssen uns mehr Möglichkeiten geboten werden, erst dann können wir auch den Jungen etwas geben.› Es ist kein Benefit-Ding, es geht um Spitzensport, um einen Job wie jeden anderen, in dem jeder seinen Lebensunterhalt verdienen muss. Wir waren letzte Woche in den USA, da sah ich eine Sportschule mit einem unglaublichen Sportcenter, so etwas haben wir nicht einmal in Magglingen. Und das war an einer Highschool! Hätte ich so etwas mit 15 gehabt, ich hätte im Kraftraum gelebt. Wollen wir mithalten, müssen wir besser werden. Wir können nicht zufrieden sein, wenn wir mit einer Medaille nach Hause fahren, obwohl es 15 zu gewinnen gab. Warum gehen wir nicht mit 15 nach Hause? Vielleicht, weil es Schwächen gibt? Aber ich gebe niemandem die Schuld. Ich schaue zuerst bei mir, was ich besser hätte machen können, was fehlte, was ich verändern kann. Nur: Alleine kann ich wenig tun.»

Die Rolle ihres Vaters

«Er war immer dabei, vor allem als Vater. Was macht er, wenn die Tochter zu jung ist, um Auto zu fahren? Er fährt das Auto. Sprich: Er hat für mich einen Konditionstrainer gesucht, er hat mich gelehrt, wie man Disziplin hat, er hat mich motiviert, wenn ich nicht mehr wusste, wohin. Er wusste es vielleicht auch nicht, hatte schlaflose Nächte, aber mir hat er immer Energie gegeben. Das ist seine Rolle als Vater. Mit 28 kann ich viele Entscheidungen selber treffen, aber die Unterstützung der Eltern brauche ich immer. Ich merke je länger desto mehr, was er alles für mich getan hat. Wenn ich seine Unterstützung nicht gehabt hätte, wäre ich zu 100 Prozent nicht da, wo ich heute bin. Ich fahre alleine den Hügel hinunter, aber um dorthin zu kommen, brauchte ich eine Familie und Leute, die mir Selbstvertrauen gaben. Denn es ist ein hartes Leben, gerade als Frau, weil ich zeigen musste, dass ich keine Schwächen habe. Sonst hiesse es gleich, ich soll aufhören und Kinder haben. Man kann sich nicht vorstellen, wie schwer das ist. Es ist so schnell ein kleiner Fehler passiert. Schon nur beim Skifahren, bei der Linie, etwas daneben und man hat das Gefühl: Ich kann das nicht mehr. Und dann stehe ich täglich doch wieder auf und fahre weiter.»

Ihr neuer Konditionstrainer

«Um Erfolg zu haben, brauche ich von Jahr zu Jahr mehr Energie. Die Müdigkeit der einen Saison kumuliert sich mit der nächsten. Ich habe mich gefragt, warum ich verletzt war und wusste: Will ich auf hohem Niveau mitfahren, dann muss ich noch präziser sein, noch mehr machen. Es war mir deshalb wichtig, einen Konditionstrainer zu haben, der immer dabei ist, der das täglich steuern kann. Davor musste ich mich immer selber einschätzen, da können leicht Fehler passieren und ich lande im Spital.»

Erstellt: 04.12.2019, 18:57 Uhr

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