Bei Janka ist der Körper noch eine Baustelle

Der Bündner sorgte für teaminterne Turbulenzen und startet nach allerlei Problemen in die Saison.

Carlo Janka machte letzte Saison keine grossen Sprünge – und diesen Winter? Foto: Jonas Ericsson (Getty)

Carlo Janka machte letzte Saison keine grossen Sprünge – und diesen Winter? Foto: Jonas Ericsson (Getty)

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Irgendwann im Frühling wog Carlo Janka noch 79 kg. Diät- statt Kampfgewicht. 90 kg müssten es sein, um mit den Schwergewichten der Abfahrt mitzuhalten. Doch der Körper des Bündners ist nicht der eines robusten Tempobolzers, er ist sensibel – es passt zu Janka.

Lange schlug sich der Gesamtweltcupsieger von 2010 mit Darmproblemen herum, «viel Bauchweh, viele Krämpfe». Nach einer enttäuschenden Comebacksaison mit verheiltem Kreuzbandriss nahm er sich der Sache an. Sechs Wochen nur Grünes, «kein Fleisch, keine Früchte, kein Zucker», ein «Darmreinigungsprogramm», sagt der 33-Jährige, die Kilos purzelten. Er weiss seither, was ihm guttut – nützen tut es ihm wenig.

Um auf sein Wettkampfgewicht zu kommen, muss er beim Essen zulangen, «und damit überfordere ich das System wieder». Das möge widersprüchlich sein, sagt er, «aber in den Jahren, in denen ich noch Skirennfahrer bin, muss ich versuchen, das andere auf die Seite zu schieben. Die Gesundheit steht dann halt hinten an.»

Der Rücken legte ihn flach

Vielleicht, sagt er, hätten die Verdauungsprobleme auch Einfluss auf eine andere Sache gehabt, die ihn seit Jahren beschäftigt und nun wieder akut wurde: die Schmerzen im Rücken. Im Juli, «nach perfektem Aufbau», war an Training nicht mehr zu denken. Der Rücken legte ihn flach. Die Ärzte hatten Entzündungen festgestellt, Wasser in einem Wirbel gesehen. «Aber ob es das ist?», fragt Janka und sagt: «Ich konnte ohnehin nichts machen ausser Pause.» Diese kam nicht nur ungelegen: Im September wurde er Vater eines Mädchens.

Mangelnde Physis war das Hauptproblem für den verkorksten letzten Winter mit Abfahrtsrang 9 zum Abschluss als einsamen Höhepunkt. Also schuftete er im Kraftraum. Schritt für Schritt steigerte er sein Programm. Dann ging er einen Schritt zu weit.

Janka sitzt in einer Hotellobby im kanadischen Lake Louise, 89 kg Kampfgewicht hat er mitgebracht für den Start in die Speedsaison. 20 Tage auf Ski hat er hinter sich – statt 40. Die Materialtests kamen zu kurz. Den Rücken aber, den spüre er nicht mehr. «Ich versuche, locker an die Sache heranzugehen. Skifahrerisch weiss ich, wies geht, das Selbstvertrauen habe ich.» Am Mittwoch konnte er das noch nicht zeigen, das erste Training musste abgesagt werden.

Am Pistenrand stand Reto ­Nydegger, der neue Cheftrainer der Abfahrer. Er ist für Andy Evers gekommen, den Österreicher, der Ende März nach zwei Jahren ging und bei den Deutschen unterkam. Janka spielte seine Rolle dabei. An der WM in Are hatte sich der Routinier öffentlich über mangelnde Kommunikation und Stimmung beschwert, an den Teamsitzungen sei «kein Feuer drin». Evers sah sich angegriffen – und zog die Konsequenzen. Er bestritt zwar, dass Jankas Aussagen etwas mit seinem Abgang zu tun hätten. Ohne diese wäre es jedoch kaum so weit gekommen, der Verband hatte sich hinter Evers gestellt.

Janka beugt sich auf seinem Stuhl nach vorne. Er sagt, er habe nie auf eine Person gezielt. «Ich wurde gefragt, was wir machen könnten, um noch erfolgreicher zu werden. Da habe ich die Stimmung angesprochen. Dann ist das Ganze etwas ausgeartet», so nennt er das. Er sei intern als Grund genannt worden für Evers’ Abgang, «manche glaubten, ich hätte gesagt: Entweder er oder ich. Doch so war das nicht.» Ihm sei es einzig um die Sache gegangen, vor allem um die Zusammenarbeit der Speed-Gruppen, derjenigen des Abfahrtschefs mit den Routiniers und derjenigen von ­Simon Rothenbühler mit den Jungen. Die sei mangelhaft gewesen.

Die Athleten der beiden Gruppen, die sich im Sommer trennen und ab Herbst gemeinsam vorbereiten, hätten nie ein Problem miteinander gehabt. Beim Trainerstaff aber habe es «Spannungen» gegeben. «Wir sollten uns schon als ganzes Team freuen, wenn ein Schweizer auf dem Podest steht – egal, von welcher Gruppe. Das war fast nie der Fall.»

Die norwegische Philosophie

Nydegger scheint prädestiniert für die Aufgabe. Sechs Jahre war er zuletzt in Norwegen, betreute das Team um Svindal und Jansrud, Alleingänge waren nicht ­geduldet. Ein wenig von dieser Kultur will der Berner Oberländer einfliessen lassen in die ungleich grössere Schweizer Mannschaft.

Er organisierte ein Barbecue für die Trainer beider Gruppen, hörte ihnen zu, sprach mit jedem Athleten, er merkte, «dass die Kommunikation offener werden muss». Und er sagt: «Es war nicht so eine Einheit, es gab Einzelgänger, jeder nahm sich das heraus, was er brauchte.» Er will den Teamgeist fördern. Statt kurzer Trainingsblöcke à vier Tage führte er Camps über 10 bis 14 Tage ein. «Wir sind dadurch ­näher zusammengerückt», sagt ­Nydegger, «jeder zieht nun mit.»

Auch Janka ist angetan vom Weg, den der neue Trainer eingeschlagen hat. «Es ist besser geworden», sagt er. Nun bleibt noch sein Körper als Baustelle.


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Die Sendung ist zu hören auf Spotify sowie auf Apple Podcast. Oder direkt hier:

Erstellt: 28.11.2019, 14:36 Uhr

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