Bis das 2-Meter-Puzzle komplett ist

Slalomfahrer Ramon Zenhäusern will endlich seinen Ruf als Trainingsweltmeister loswerden. Schon heute in Kitzbühel?

Das Lachender «Bohnenstange»: Ramon Zenhäusern nach dem 4. Rang beim Slalom in Wengen. Foto: Denis Balibouse/Reuters

Das Lachender «Bohnenstange»: Ramon Zenhäusern nach dem 4. Rang beim Slalom in Wengen. Foto: Denis Balibouse/Reuters

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Da standen sie also: 2 Meter pure Erleichterung, Erlösung, Befreiung. Ramon Zenhäusern fallen alle Begriffe ein, wenn er an diesen Moment denkt im Ziel von Wengen, letzten Sonntag, an die grüne Zeit, mit der er nicht mehr gerechnet hatte. Die Welle vor den letzten Toren habe er nicht richtig erwischt, die nächste Enttäuschung, er hatte sie schon hingenommen. Doch sein Wutschrei kam für einmal zu früh. Das breite Grinsen, das darauf folgte, passte schon besser zu dem, was ihm vor Heimpublikum gelungen war. Vor Freude flogen auch noch die Stöcke durch den Zielraum.

Vierter wurde der Oberwalliser mit den eindrücklichen Körpermassen, war so gut wie nie, «von so etwas habe ich immer geträumt».

Ja, ein Traum, das würde es wohl bleiben für ihn, den schlaksigen Buben. Viele dachten so, wenn sie ihn sahen zwischen den eng gesteckten Stangen, damals, als er Mühe hatte, seinen Körper und die Kräfte zu kontrollieren, «alles sehr unkoordiniert» wirkte, wie er selber sagt. Ein Slalomfahrer, das würde bestimmt nie werden aus ihm. Schon nur das Gleichgewicht zu halten auf diesen kurzen Latten: fast nicht möglich. Und dabei erst noch schnell zu sein? Unmöglich.

Die Kritiker spornten ihn an

Zenhäusern musste sich behaupten, immer und immer wieder. Eigentlich konnte es doch nur den Slalom geben für ihn. Im Riesenslalom war er als Junior zwar auch ganz gut gewesen, nur reichte die Piste zu Hause in Bürchen manchmal nicht für dieses Training. Lag wenig Schnee, war sie dafür zu schmal. Also mühte er sich Tag für Tag durch die Stangen, nicht selten mit der Wut im Bauch, «es spornte mich an, dass kaum einer an mich glaubte. Es spornt mich noch heute an, wenn ich höre, ich hätte im Slalom nichts verloren.» Er jedenfalls glaubte an sich. Mit 12 Jahren liess er das Tennis bleiben, in dem er sich auch ganz gut geschlagen hatte, setzte ganz auf den Skisport, tauschte «Halle gegen Natur».

Es gab ja auch plötzlich einen Trainer, der sich gegen die all­gemeine Meinung stellte, der dem Grossen Grosses zutraute: Didier Plaschy, einst zweifacher Slalomsieger im Weltcup, war begeistert von der «Bohnenstange», wie er von manch anderem Betreuer ­genannt wurde.

Im Fanbus an die Rennen

Ausgerechnet Plaschy also, ­begeistert von ihm. Lange war es umgekehrt gewesen, war Zenhäusern gar im Fanclub des Mannes aus Leuk gewesen und oft im Fanbus an die Rennen gereist. Nun weicht Plaschy nicht mehr von der Seite Zenhäuserns. So flog dieser nicht mit dem Slalomteam nach Neuseeland für die Vorbereitung, sondern trainierte zusammen mit Plaschy in Saas-Fee. Es war eines der Puzzleteile, wie er es nennt, das bei­getragen habe zu dem Bild, das er abgegeben hat in Wengen, das er heute in Kitzbühel wieder abgeben will. «Viele Sachen wirken zusammen», sagt Zenhäusern. Etwa der regelmässige Austausch mit «Mentor» Silvan Zurbriggen. «Manchmal rufe ich ihn vor einem zweiten Lauf an, er redet mir gut zu, wir sprechen über technische Dinge, es hilft.»

Oder die Trainer Matteo Joris und Thierry Meynet, die seit bald drei Jahren die Slalommannschaft betreuen und «uns alles ermöglichen», wie Zenhäusern sagt, «sie sorgen für perfekte Trainingsbedingungen». Und sie fordern ihn, schütteln den Kopf, wenn er wie jüngst im Europacup zufrieden ist mit einem vierten Rang. Solch ein Rennen müsse er doch gewinnen, sagen sie ihm dann.

Aus dem Nachteil wird ein Vorteil

Schliesslich wissen sie ja auch, zu was er eigentlich fähig wäre, der junge Mann, der aus dem vermeintlichen, zwei Meter grossen Nachteil je länger, desto mehr einen Vorteil zu machen weiss. «Wenn ich das Gleichgewicht kontrollieren kann, dann kann ich profitieren. Mit meinem Körper brauche ich weniger Neigung, um die engen Kurven zu fahren.» Im Training lässt er so die bislang erfolgreicheren Daniel Yule und Luca Aerni regelmässig hinter sich. «Manchmal sehe ich ihn fast nicht, so blitzschnell fährt er», sagt Aerni. «Ich fahre Bestzeit um Bestzeit», sagt Zenhäusern. Nur: Was bringt ihm das alles? Das Prädikat Trainingsweltmeister? «Tja. Nichts.»

In Zenhäusern wuchs die ­Ungeduld. Einmal erst war er vor Wengen in die Top 10 des Weltcups gefahren, vor zwei Jahren in Adelboden. Viel zu wenig für ihn, das weiss er, das wissen auch seine heutigen Trainer. Deshalb suchte der Walliser ein nächstes Puzzleteil: Seit letztem Frühjahr arbeitet er mit einem Mentaltrainer ­zusammen, wogegen er sich so lange gesträubt hatte. «Aber auch das hilft mit jetzt», sagt er.

Es scheint, als fehlte Ramon Zenhäusern nicht mehr allzu viel zum kompletten Bild. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 20.01.2018, 20:07 Uhr

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