Das Spiel mit der Physik

Abfahrtsolympiasiegerin Dominique Gisin hört zum Saisonende auf. Mit ihr verliert der Schweizer Skisport eine grosse Figur.

Nicht nur sportlich ein Vorbild: Dominique Gisin mit ihrer Goldmedaille in Sotschi. Foto: Keystone

Nicht nur sportlich ein Vorbild: Dominique Gisin mit ihrer Goldmedaille in Sotschi. Foto: Keystone

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Swiss-Ski verliert wohl eine grosse Figur. Dominique Gisin, neben Lara Gut die einzige Schweizer Alpinmedaillengewinnerin bei Grossanlässen in den letzten acht Jahren, wird gemäss Informationen des «SonntagsBlicks» am Donnerstag beim Weltcupfinal in Méribel (Fr) ihren Rücktritt erklären. Die Schweizer Sportlerin des Jahrs 2014 schweigt, sie verweist auf die angekündigte Pressekonferenz in drei Tagen, was das Ganze umso wahrscheinlicher macht – sonst hätte ein kurzes Dementi genügt.

Gisin, die im Juni 30 Jahre alt wird, feierte am 12. Februar 2014 den grössten Tag ihrer Karriere. Zeitgleich mit Tina Maze (Sln) wurde die Engelbergerin in Sotschi Olympiasiegerin in der Abfahrt. Es war die Krönung einer sportlichen Laufbahn, die immer wieder von schweren Knieverletzungen geprägt war. Neun Eingriffe musste sie am heiklen Gelenk über sich ergehen lassen, nie gab sie auf. Als sie die Goldmedaille umgehängt bekam, war sie emotional im Grenzbereich angelangt, alle Schmerzen, alle Qual hatten mit einem Mal Sinn bekommen.

Eine Verletzung am Schienbeinkopf verunmöglichte ihr vor vier Wochen die Teilnahme an der WM-Abfahrt. Ein paar Tage später startete Gisin in Beaver Creek im Riesenslalom. Was damals vor allem als Ausdruck ihres unbändigen Willens gesehen wurde, muss mittlerweile anders interpretiert werden: Gisin wollte zum Abschluss unbedingt nochmals das Gefühl auf der ganz grossen Bühne spüren.

Lara Gut bald völlig einsam?

Der Schweizer Skisport verliert mit ihr nicht nur eine herausragende Athletin. Gisin war auch durch ihr Auftreten, ihren weiten Horizont stets ein Vorbild. Sie machte den Pilotenschein, sie wird sich ihrem Lieblingsfach Physik nun intensiv im Studium widmen. Gespräche mit ihr waren geprägt von ihrem grossen Interesse an allem, was sich in der Welt so abspielt. Skifahren war ihre Passion, aber es war ihr nicht genug. Allerdings war es der Teil ihres Lebens, in dem sie ihre grosse Emotionalität ideal ausleben konnte. Immer auf der Suche nach der Grenze, nach dem Spiel mit den Kräften der Physik. Sie spürt offenbar, dass sie nach ihren vielen Verletzungen, nach diesem Höhenpunkt in Sotschi nicht mehr in der Lage ist, wirklich all das abzurufen, was nötig ist, um ganz vorn zu sein.

Vor einer Woche erklärte aus genau diesen Gründen Marianne Abderhalden bereits ihren Abschied vom Skisport. Sie war die wichtigste Vertrauensperson von Gisin. Den gleichen Schritt überlegt sich Nadja Jnglin-Kamer nach dem jüngsten Eingriff am Knie, Fabienne Suters Zukunft scheint ebenso ungewiss. Alle vier sind Jahrgang 1985 oder 1986, sie waren eine Gruppe mit enormem Talent – und wurden alle regelmässig von schweren Knieverletzungen zurückgeworfen. Hört das gesamte Quartett nun auf, bleibt Lara Gut die Einzige im Speedbereich mit Podestpotenzial. Es wäre ein harter Schlag für den Skiverband.

Schade übrigens, dass Dominique Gisin ihren Entscheid nicht selbst am Donnerstag verkünden durfte, sondern Funktionäre diesen bereits im Vorfeld durchsickern liessen. Es ist nicht das erste Mal, dass beim Verband Interna ausgeplaudert werden. Und es heisst auch in diesem Fall von verschiedenen Seiten, dass das Leck sehr weit oben im Gefüge von Swiss-Ski angesiedelt ist. Man wünscht diesen Leuten manchmal das respektvolle Verhalten einer Dominique Gisin. Sie wird dem Skisport in allen Belangen fehlen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2015, 21:07 Uhr

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