Das System Cologna

Wie der 24-jährige Bündner zu einem der besten Langläufer wurde und die Weltmeisterschaften in Oslo mitprägen kann.

Er weckt das Interesse der Schweizer am Langlauf: Dario Cologna strebt in Oslo einen Podestplatz an.

Er weckt das Interesse der Schweizer am Langlauf: Dario Cologna strebt in Oslo einen Podestplatz an. Bild: Keystone

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Ausnahmeathleten gelten viel im eigenen Land. Aber ihre wahre Bedeutung zeigt oft erst der Blick ins Ausland. Das ist auch beim Langläufer Dario Cologna so. Norwegen gilt als das Mutterland des Traditionssports. Als Olympia- und Gesamtweltcupsieger ist der Bündner dort eine öffentliche Figur. Also wollte ihn ein Team eines norwegischen Privatsenders an seinem Wohn- und Trainingsort Davos interviewen – nachdem es das WM-Vorbereitungscamp der eigenen Equipe im Südtirol besucht hatte. Aber Colognas Umfeld lehnte die Anfrage mehrmals ab. Der Athlet sei zurzeit für keine Medientermine zu haben. Die Crew reiste vorletzte Woche trotzdem an, Cologna blieb konsequent. Das Gespräch fand nicht statt.

Die Episode offenbart ein wesentliches Merkmal des Olympiasiegers über 15 km Skating: Er kann sich als Sportler aufs Wesentliche konzentrieren. Wer ihn aus seinem engen Umfeld auch immer beschreiben soll – ob Vater, Trainer, Teamkollegen oder Manager –, sie kommen meist früher als später darauf zu sprechen. Und es wird ihm von seinen Kritikern – sie wollen namentlich nicht genannt werden – auch als Egoismus ausgelegt. Doch die Konzentration auf sich selber definiert viele erfolgreiche Sportler. Auf ihren Planeten dreht sich alles nur um sie.

Aus bescheidenen Verhältnissen

Cologna hat früh lernen müssen, selbstständig zu leben. Wegen seiner sportlichen Begabung verliess er das Münstertal, seine Heimat an der Peripherie der Schweiz, mit 16 und zog als Internatsschüler ins Hochalpine Institut in Ftan im Unterengadin. Weil das Geld knapp war, wurde Colognas Ausbildung in Ftan von einer Stiftung übernommen. Sparsam ist er heute, obwohl er es nicht mehr sein müsste, noch immer.

Ftan hatten die Familie und der regionale Langlaufverband ausgewählt, da mit Odd Kåre Sivertsen die erste wichtige sportliche Bezugsperson Colognas dort arbeitete. Als Langlauftrainer war Sivertsen in den Jahren davor jeden Mittwoch ins Münstertal gereist, um den Jüngling zu coachen. Der Norweger sorgte beim Talent für eine fundierte Grundausbildung, ohne ihm ein immenses Trainingsvolumen aufzuerlegen.

Mehr Stilist als Trainingsmeister

Beides wirkt bis heute nach: Cologna gilt im Skating wie auch in der klassischen Technik als einer der Stilsichersten im Weltcup. Wo bei anderen die Kraft wegen eines unsauberen Ablaufs teilweise verpufft, kann er sie praktisch ohne Energieverlust in die Vorwärtsbewegung lenken. Und selbst im Vergleich zu seinen Teamkollegen ist er weiter kein Trainingsweltmeister. Sein Pensum beträgt zwar mittlerweile rund 850 Stunden pro Jahr. Sein gleichaltriger Antipode, der Norweger Petter Northug, aber erreichte diesen Umfang schon als Junior.

Odd Kåre Sivertsen war für Cologna nur der erste mehrerer norwegischer Coachs. Das Vertrauen, einer der Weltbesten werden zu können, vermittelte ihm Fredrik Aukland. Als dieser die Trainingsgruppe um Cologna im Mai 2008 übernahm, war er erst 30 und nach vielen Jahren im norwegischen Coachingsystem doch schon ein Routinier.

Aukland lehrte Cologna vor allem vier Dinge: die technische Perfektion, den Glauben an sich selber, die Kontinuität im Trainingsansatz und die Eigenständigkeit. Diese zeigte sich nach Auklands Abschied vom Team in der Folge der Olympischen Spiele 2010. Cologna verpflichtete ihn rasch als Privatcoach, trainiert weiterhin nach dessen Ideen, sieht ihn aber nur noch einige Male pro Jahr. Seine eigenen Erfahrungen bringt er stark ein. Für die Umsetzung ist in Davos seit Herbst mit Guri Hetland eine weitere Norwegerin verantwortlich.

Der Wandel seines Sports

Aukland ist ein moderner Typus eines Coachs – er lernte viel vom Biathlon und führte den Trainingsansatz seiner Vorgänger weiter. Sie hatten den Anteil an Trainings an der anaeroben Schwelle, wie sie lange üblich waren, verringert. Also in jenem Bereich, in dem der Körper gerade noch gleich viel Milchsäure abbauen kann, wie er bildet. Dafür absolviert Cologna nebst der Grundlagenarbeit bei tiefen Pulswerten viele Trainings über der Schwelle, um das Stehvermögen in höchstem Tempo und jeder Rennphase zu fördern.

Diese Verlagerung widerspiegelt den Wandel seines Sports: Sprintwettkämpfe mit mehreren Läufen bis zu einem Final innert weniger Stunden sind in Mode. Ebenso Rennen mit Stil- und damit Skiwechseln. Königsformat ist der Massenstart, bei dem die Langläufer alle miteinander loslaufen. Damit setzte der internationale Skiverband zu einer Imagekorrektur an: Lange galt das Langlaufen als Bauern- und Forstwartsport, das ausschliesslich in den (nordischen) Wäldern stattfand und introvertierte Charaktere produzierte. Noch zu Jahrtausendbeginn kämpften die Langläufer ausschliesslich mit sich und gegen die Uhr. Doch das Aufkommen neuer Sportarten und der härter umkämpfte TV-Markt führten zu den Innovationen, teilweise zum Missfallen der traditionell eingestellten Skandinavier.

Meister der Erholung

Cologna beherrscht beides: Olympiasieger wurde er über 15 km Skating im Einzelstart – seinen ersten Podestrang im Weltcup erreichte er im Dezember 2008 in einem Rennen mit Massenstart. Er verkörpert als Allrounder Weltklasse in beiden Formaten und ist ein Gewinner der Modernisierung. Dass er bislang kaum verletzt war, harte Trainings exzellent erträgt und sich rasch erholen kann, bildet einen weiteren Teil seiner Erfolgsbasis.

Entscheidend ist aber auch die Sprintfähigkeit zum Schluss geworden. In diesem Bereich kann Cologna sich noch verbessern, zumal der norwegische Star Petter Northug ein Meister auf diesem Gebiet ist. Ihn werden in Oslo, wo zehn von zwölf Rennen mit Massenstart ausgetragen werden, Hunderttausende anfeuern. Es wird ein friedliches Volksfest geben, in dem Cologna und Northug einmal mehr die Protagonisten des modernen Langlaufs sein könnten. Schliesslich braucht es in Rennen ohne Uhr den Konkurrenten, um selber aufzufallen.

Dass die beiden überdies konträre Typen sind, hilft der ganzen Sportart. Northug ist dank seiner lockeren Zunge ein steter Quell für Polemik. Mal verhöhnt er seine Konkurrenten, mal verweigert er sich den Journalisten, mal irritiert er mit unbedachten Sprüchen gar die eigenen Landsleute. Cologna hingegen ist kontrolliert, bodenständig, ruhig. Ausufernde Schachtelsätze sind von ihm bei öffentlichen Auftritten nicht zu erwarten. So sei er schon als Kind gewesen, sagt Vater Remo. Litt Cologna zu Beginn seines Aufstiegs bei Presseterminen fast körperlich, hat er sich zumindest daran gewöhnt – und weiss seine Rolle als Botschafter des Schweizer Langlaufs zu spielen. Schliesslich ist er der erste Schweizer Olympia- und Gesamtweltcupsieger. Aber wenn er für einen seiner Sportkleidersponsoren wie im Herbst im Jelmoli in Zürich wirbt und beantworten muss, was er unter seinem Renndress trage, wird klar: Er hält von solchen Fragen weiterhin wenig. Ein Showman will und kann er nicht sein.

Der kleine Chaot

Das Bild eines durchorganisierten Perfektionisten in allen Lebensbereichen wäre gleichwohl falsch. Teamintern gilt er als kleiner Chaot. Bei seiner ersten Teilnahme an der prestigeträchtigen Tour de Ski 2007, einem Mehrtages-Event über acht Rennen in zehn Tagen, verlor er sein Handy. Und weil er ohne nicht sein konnte, musste möglichst rasch ein neues organisiert werden. Vater Remo fungierte als Bote.

Und er steht für eine weitere Spezialität Colognas: Untereinander sprechen sie Jauer, eine Dialektvariante von Vallader. Das ist eines der fünf romanischen Idiome. Mit Mutter Christine, einer gebürtigen Stilfserin, unterhält sich Cologna seit seiner Kindheit im deutschen Dialekt des Südtirols. Italienisch versteht er zudem problemlos. Englisch und Französisch lernte er in der Schule.

Medaillenhoffnung

Colognas relativ rascher und nahezu bruchloser Aufstieg – vor fünf Jahren debütierte er mit 20 im Weltcup, in dieser Saison dürfte er die Gesamtwertung bereits zum zweiten Mal nach 2009 gewinnen – brachte ihm auch finanziellen Erfolg. Bis zu 10'000 Franken soll sein Manager Marc Biver für seinen Mandanten pro Auftritt verlangen. Damit bewegt er sich in den Dimensionen von Riesenslalom-Olympiasieger Carlo Janka. Eine halbe Million Franken brutto kann Cologna in einem exzellenten Jahr dank Preisgeldern, Sponsoren- und Ausrüsterverträgen problemlos verdienen. Das ist in einem Sport, der in der Schweiz zwar von vielen betrieben wird, aber immer nur punktuelle mediale Beachtung erfuhr, eine astronomische Zahl.

Aber an den Schweizer Meisterschaften 2011 war erstmals auch ein gewisser Cologna-Effekt zu sehen: Das Interesse war in Les Mosses VD für nationale Titelkämpfe einzigartig. Wie bei populären Aufstiegen an der Tour de France drängelten sich die Zuschauer an die Strecke und bildeten einen Triumphzug für den überlegenen Gewinner.

Dass Cologna nun in Oslo mindestens eine Medaille gewinnen will, scheint nur eine logische Bestätigung des Erwarteten zu sein. Dabei überdeckt er eine bescheidene Bilanz: Vor ihm gewann nur ein Schweizer Langläufer eine WM-Einzelmedaille, Sepp Haas mit Bronze über 50 km in Grenoble, als Olympische Spiele auch gleich als Weltmeisterschaften zählten. Dank Dario Cologna kann der Langlaufzwerg Schweiz aber derzeit als Riese auftreten: Er hat in vier seiner fünf Rennen realistische Medaillenchancen.

Erstellt: 23.02.2011, 19:14 Uhr

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