Das Ziel ist grün

Beat Feuz strebt heute Samstag um 19 Uhr eine Medaille in der Abfahrt an. Bei der Hauptprobe auf der Birds of Prey wurde er Zweiter.

Beat Feuz vertraut auf der Birds of Prey seinen eigenen Erfahrungen. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Beat Feuz vertraut auf der Birds of Prey seinen eigenen Erfahrungen. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

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Es gibt für einen gesunden Sportler ­wenig Unerträglicheres, als bei einem Rennen zuzuschauen, in dem er ein ­potenzieller Hauptdarsteller sein könnte. So ähnlich hat das Aksel Svindal formuliert, als er sich nur drei Monate nach seinem Achillessehnenriss im WM-Super-G der Konkurrenz stellte und ­erstaunlicher Sechster wurde.

Beat Feuz weiss genau, was Svindal meinte. Der Schweizer wäre auch gerne mitgefahren. Allein, er durfte nicht, und das ist fast noch blöder. Feuz hatte die interne Qualifikation gegen Mauro ­Caviezel verloren, und man darf sich ­ruhig vorstellen, wie Feuz das Rennen verfolgte, sah, wie sich die Teamkollegen zwischen Rang 7 und 17 klassierten und er sich dachte: «Na, das hätte ich auch gekonnt.» Und der natürliche nächste Gedanke eines Spitzensportlers: «vielleicht sogar besser.»

Er hat das logischerweise nicht so gesagt. Und zwar nicht einmal aus fairer Rücksichtnahme auf die Teamkollegen. Nein, Feuz wusste ganz genau, dass er selbst schuld war. Gut drauf war er im entscheidenden Lauf gegen Caviezel und Sandro Viletta, er lag bei der Zwischenzeit vorn, ein Fehler machte alles zunichte. «Ich kannte die Vorgaben», sagt er, «ich hatte es in der Hand.» Deshalb habe er sich während des Super-G gar nicht allzu viele Gedanken gemacht – dann kam noch ein Zusatz: «Aber der Frust war schon gross.»

Ein wenig Ruhe für das Knie

Heute kann es Feuz in der Abfahrt allen zeigen. Es ist auch seine klar beste Disziplin, zweimal stand er in diesem Winter schon auf dem Podest, einmal in Wengen, einmal in Beaver Creek, auf dem WM-Hang. Wenn das kein gutes Vor­zeichen ist. Als Teamleader will er sich dennoch nicht sehen. «Wir sind eine sehr ausgeglichene Mannschaft», sagt er, spricht von der guten Form von Carlo Janka und Patrick Küng, nennt ein paar weitere von anderen Nationen, die vorne mitfahren können. Aber es ist klar: Feuz will eine Medaille, was sonst sollte er hier wollen?

Er hat die vergangenen beiden Tage genutzt, um dem Knie ein wenig Ruhe zu gönnen. Die Schmerzen kommen immer mal wieder, das weiss er, und das muss gar nichts mit Skifahren zu tun ­haben. «Sie sind halt manchmal einfach da», sagt Feuz und zuckt mit den Schultern. So ist das Skifahrerleben. Andere zwickts im Rücken, ihn im Knie, wie nach dem leichten Slalomtraining am Mittwoch. Feuz fährt morgen Sonntag die Kombination, in Beaver Creek rechnet er sich eine einigermassen realistische Chance aus, «hier ist die Abfahrt eine echte Herausforderung», sagt er, da müssten die Slalomspezialisten hart kämpfen. Aber macht es Sinn, mit einem lädierten Knie auch noch Slalom zu trainieren? «Der Riesenslalomschwung wäre eine grössere Belastung», antwortet Feuz. Das kleinere Übel ist besser als nichts.

Präzise fahren

Die Kollegen Janka, Küng und Didier Défago haben im Super-G nicht die angestrebte Medaille gewonnen, aber sie konnten zumindest teilweise gute Erfahrungen sammeln. Feuz sieht das nicht als Manko, er kennt die Birds of Prey, er mag die Strecke, er war hier schon ­erfolgreich. Und er weiss, dass sie den Schweizern generell liegt. «Davon kann ich mir aber nichts kaufen», sagt er und vertraut seinen eigenen Erfahrungen: Dass man auf diesem Schnee die Kurven noch weniger andriften darf als anderswo, dass man präzise fahren muss, aber dennoch «den Ski gehen lassen muss».

Es sind Floskeln, die Skifahrer verwenden, wenn sie erklären wollen, was uns Laien nicht zu erklären ist. Der ­Wagemut, sich eine Piste wie die Birds of Prey hinunterzustürzen, in einen furchterregenden Steilhang einzu­bie­gen, danach das Tempo hochzuhalten bis ins Ziel, Wellen zu schlucken, schräg abhängende Kurven im richtigen Winkel anzufahren, Sprünge bis 80 Meter zu meistern, bis zum letzten Meter dabei bleiben, wenn die Muskeln auf 3000 Meter über Meer bereits erlahmen.

Am Ende gucken auch die Fahrer auf die Anzeigetafel, suchen die Zeit und sehen doch in ihrer Erschöpfung im ersten Moment nur die Farbe. Grün ist das Ziel, und am Ende auch die Hoffnung, dass es die beste Zeit bleibt. Das ist bei Feuz nicht anders als bei allen anderen.

Erstellt: 06.02.2015, 21:27 Uhr

Die Abfahrt im Liveticker

Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet ab 19 Uhr live und umfassend von der Abfahrt der Männer im Rahmen der Ski-WM in Vail und Beaver Creek.

Grafik zum Vergrössern anklicken.

Abfahrt Männer

Das Favoriten-Trio

Einer fehlt heute, und er fehlt der gesamten WM. Bode Miller hat sich bei seinem spektakulären Sturz im Super-G mit der eigenen Skikante eine Sehne in der rechten Wade durchtrennt. So eine Wunde kann sich vermutlich nur er zuziehen, aber es hilft nichts: Für Miller ist die WM vorbei, und dabei hätte er nach seinem Auftritt im Super-G zu den ersten Favoriten in der Abfahrt heute gezählt, er war nämlich schon am Donnerstag auf Podestkurs. Aber es gibt noch genügend andere, vermutlich läuft es auf ein Duell Österreich gegen Norwegen hinaus, mit personellen Vorteilen für Norwegen.

Kjetil Jansrud (No)

Was macht die Schulter?

Der Super-G war eine bittere Erfahrung für den Norweger. Erst rammte Jansrud im Übermut mit der linken Schulter das zweite Tor, dann fand er zwar nie wirklich seinen Rhythmus, aber wenigstens lag er lange Zeit auf dem Bronzeplatz. Bis der Kanadier Dustin Cook aus dem Nichts auftauchte und Zweiter wurde. «Mit ihm», sagte Jansrud, «hatte ich wirklich nicht gerechnet. Die Bronzemedaille hatte ich ja fast schon um den Hals.» Umso mehr will er nun natürlich Gold in der Abfahrt, bei der Generalprobe im Dezember lag er mehr als eine halbe Sekunde voraus. Was aber macht seine Schulter? Verletzt ist sie nach seinem heftigen Zusammenprall mit der Torstange nicht, «aber sie tut ziemlich weh», sagt er.

Matthias Mayer (Ö)

Das Hundertstel-Pech

Zeitgleich mit Jansrud verpasste Matthias Mayer im Super-G die Bronzemedaille um drei Hundertstel. Das machte den Österreicher ziemlich sauer, weil er fast schon eine Verschwörung dahinter sah. «Das Hundertstel-Glück ist in diesem Winter wahrlich nicht auf meiner Seite», sagte er. Tatsächlich: Sechs Hundertstel fehlten ihm in Kitzbühel zum Sieg, neun in Santa Caterina. Er hoffe nun, sagte Mayer, dass sich das in der Abfahrt ausgleichen werde. Ja Moment: Da war doch was vor einem Jahr in Sotschi. Mayer wurde Abfahrts-Olympiasieger, und zwar mit welchem Vorsprung? Genau, sechs Hundertstel vor dem Südtiroler Christof Innerhofer. Möglicherweise hat sich ja beim Super-G schon etwas ausgeglichen. Damit geht es heute wieder bei null los.

Aksel Svindal (No)

Der spezielle Kreis

Was wäre das für eine Geschichte! Drei Monate nach seinem Achillessehnenriss gewinnt der Norweger eine Medaille in der Abfahrt. Und das auf dem Berg, der ihn beinahe zum Karriereende gezwungen hätte. Im Dezember 2007 machte Svindal am Golden-Eagle-Sprung einen fatalen Fehler und landete im Netz. Er erlitt schwere innere Verletzungen, die erst spät entdeckt wurden im Spital. «Daran habe ich immer wieder denken müssen», sagte er vor seinem WM-Start, «es kann sich hier ein sehr spezieller Kreis für mich schliessen.» Seine Fahrt im Super-G zeigte, dass er wieder voll da ist. Und was sagt er zum Golden Eagle? «Ich freue mich enorm, das ist einer der schönsten Sprünge im gesamten Weltcup – wenn man ihn richtig springt.»

Von Christian Andiel

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