«Das ist viel Arbeit, kein Hokuspokus»

Kjetil Jansrud dominiert die Speedrennen. Er sagt, wie er so stark wurde und was er von Aksel Svindal gelernt hat.

Mit zwei Siegen in Abfahrt und Super-G ist der 29-jährige Norweger Jansrud ideal in die Saison gestartet . Foto: Jeff McIntosh (Keystone)

Mit zwei Siegen in Abfahrt und Super-G ist der 29-jährige Norweger Jansrud ideal in die Saison gestartet . Foto: Jeff McIntosh (Keystone)

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Zwei Siege in Lake Louise und nun Bestzeit im Training in Beaver Creek. Es sieht so aus, als würde Ihnen der verletzte Teamkollege Aksel Svindal nicht gross fehlen.
Sieht ganz so aus . . . im Ernst: Man muss unterscheiden zwischen dem Team und dem einzelnen Sportler. Im Team fehlt er sehr, aber wenn ich am Start stehe, fahre ich für mich.

Hat er Ihnen schon gratuliert?
Ja, und sogar zweimal.

Fehlt Ihnen Svindal als ­Anhaltspunkt im Training?
Ja, in dieser Beziehung wirkt sich sein Fehlen am meisten aus. Speziell hier in Colorado haben wir immer gemeinsam trainiert, und ich wusste: Wenn ich so schnell bin wie Aksel, bin ich ganz vorn mit dabei. Das war diesmal anders.

Zumal sich auch der junge Adrian Sejersted schwer verletzt hat.
Eigentlich sollten Aksel, Adrian und ich gemeinsam nach Nordamerika. Innerhalb einer Woche riss Aksels Achillessehne und Adrians Kreuzband. Da brach eine kleine Krise aus. Mein Glück war, dass es in Norwegen so wenig Schnee hatte, deshalb reiste Alexander Kilde mit, er sollte eigentlich daheim ­Riesenslalom trainieren. Und ich muss sagen: Er war richtig schnell. Ausserdem haben wir mit den Amerikanern, Franzosen und Italienern trainiert.

Sie begannen als Technikspezialist. Hat Svindal Ihren Wechsel auf die schnellen Disziplinen gefördert?
Nein, und es war überhaupt nicht so ­geplant. Denn mein Herz hängt am ­Riesenslalom, deshalb macht es mir so zu schaffen, dass ich dort seit drei Jahren schlechter und schlechter werde. Wie Aksel übrigens auch.

Woran liegt das?
Wie der Slalom entwickelt sich der Riesenslalom zunehmend zu einer Disziplin für Spezialisten. Natürlich nehme ich die guten Resultate im Speed äusserst gern mit, aber um den Riesenslalom kämpfe ich weiter.

Sie haben die Hoffnung nicht aufgegeben, irgendwann im Riesenslalom wieder zu den Besten zu gehören?
Irgendwann? Wir probieren es jeden Sommer und jeden Herbst! Denn Abfahrt und Super-G reichen nicht, wenn wir ­gegen Marcel Hirscher eine Chance im Gesamtweltcup haben wollen. Und das ist für jeden Skifahrer ein grosses Ziel.

Ein anderes haben Sie erreicht. Wie lebt es sich als Super-G-Olympia­sieger in Norwegen, dem Land der Langläufer?
Langlauf ist der grösste Sport bei uns, und angesichts der Geschichte ist das richtig so. Aber da der Wintersport daheim generell so wichtig ist, ändert sich das Leben als Olympiasieger schon. Ich werde öfter erkannt und angesprochen, und ich mag das, es ist eine Anerkennung. Allerdings bin ich nun nicht gerade durch die Strassen getanzt.

Sie haben sich eher im Stillen ­gefreut?
Ich habe von Aksel gelernt, ruhiger zu sein. Denn die nächste Saison ist schneller da, als man denkt, und da hilft mir am Start der Olympiasieg nichts.

Sind Sie mit diesem Erfolg in Sotschi endgültig aus dem Schatten von Svindal getreten?
Ich hatte nie dieses Gefühl, in seinem Schatten zu stehen, auch wenn er natürlich unsere Galionsfigur ist. Was ich aber sagen muss: Ich bin sehr froh, dass ich trotz seines Fehlens gute Resultate ­abliefere. Sonst hätte es sofort geheissen, aha, ohne Svindal, ohne den Star, geht da nichts.

Das zeugt von mentaler Stärke.
Hoffentlich.

Die hat man Ihnen schon ­zugesprochen, als Sie nur ein Jahr nach dem Kreuzbandriss ­Topresultate erreichten.
Ja, das haben mir tatsächlich viele Leute gesagt. Aber es ist nicht so, dass man sich hinsetzt und sagt: «Jetzt bin ich mental ganz stark, dann schaffe ich das.» Es ist einfach normale, aber viel Arbeit, kein Hokuspokus.

Ihr Gruppentrainer Franz Gamper sagt über Sie, dass er noch nie mit einem Athleten gearbeitet habe, der so einfach zu trainieren sei.
Sagt er das?

Sagt er Ihnen etwas anderes?
Naja, so hat es Franz noch nie gesagt, das ist schön zu hören . . . vielleicht meint er meine Lockerheit. Aber es ist auch einfach, mit ihm zu arbeiten. Franz weiss genau, was er will, aber sonst ist er auch ein lockerer Typ.

Das passt also ganz gut?
Auf jeden Fall, denn ich glaube, dass ­unsere ganze Mannschaft einfach zu trainieren ist. Anders geht das gar nicht, wir sind ein so kleines Team, da kann keiner ein Star sein wollen und seinen eigenen Trainer mitbringen oder seinen eigenen Physiotherapeuten. Das funktioniert in anderen Teams gut, wir hätten ein riesiges Problem, wenn nur einer ausschert. Und wir wissen, was unsere Coachs leisten, die stehen morgens um vier auf und sind bis nachmittags um vier am Hang und präparieren unsere Trainingsstrecken. Da darf man schon dankbar sein und etwas zurückgeben.

Was unterscheidet den ­Privatmenschen Kjetil vom ­Profisportler Jansrud?
Im Training bin ich extrem fokussiert, aber wenn ich daheim bin, ist es mir wichtig, das Skifahren draussen zu lassen, da sind mir soziale Kontakte ausserhalb des Jobs sehr wichtig. Ich glaube, sonst gibt es keine Überraschungen, die ich enthüllen könnte . . . tut mir leid.

Erstellt: 03.12.2014, 19:53 Uhr

Kjetil Jansrud: Vom norwegischen Waldschrat zum Olympiasieger

In der Lobby der Elkhorn Lodge in Beaver Creek prangt über dem Kamin der ausgestopfte Kopf eines kapitalen Wapiti-Hirsches (amerikanisch «elk»). Möglicherweise wird er im Februar ersetzt durch einen nicht minder grossen Elch. Es ist im Februar das WM-Quartier der «Elche», des norwegischen Skiteams. «Deshalb», sagt Chefcoach Håvard Tjørhom, «wohnen wir während des Weltcups schon hier, damit wir uns an das Umfeld gewöhnen.»

Sein Team ist klein, es muss seit Oktober nicht nur auf Leader Aksel Svindal (Achillessehnenriss) verzichten, Adrian Sejersted, Hoffnungsträger im Speedbereich, erlitt einen Kreuzbandriss. Trotzdem stehen bereits zwei Saisonsiege zu Buche, dank Jansruds überzeugenden Auftritten in Lake Louise in Abfahrt und Super-G. Geboren wurde er 1985 in Stavanger, 300 km südwestlich von Oslo. Seine Skikarriere begann, als die Familie drei Jahre später nach Vinstra zog, eine Autostunde nördlich von Lillehammer. Dort bekam Kjetil im Alter von drei Jahren seine ersten Ski – für Langlauf, was denn sonst in Norwegen. Die ersten Alpinski erhielt er im Alter von sieben Jahren, wie Jansrud auf seiner Website schreibt: «Es war ein Geschenk meiner Tante und meines Onkels, und es veränderte alles.»

2003 debütierte er als Technikspezialist beim Slalom in Wengen im Weltcup, danach war er jahrelang auch der Waldschrat, bei dem man sich immer wunderte, wie er seinen ausufernden Haarschopf unter den Helm brachte. 21 Jahre nach dem Geschenk von Tante und Onkel, Jansrud hatte bereits Olympiasilber im Riesenslalom gewonnen (2010 hinter Janka), riss ihm während des WM-Super-G in Schladming das Kreuzband. Im Jahr darauf holte er in Sotschi Olympiagold im Super-G und Bronze auf der Abfahrt. (can.)


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