Der Exot, dessen Knie in 13 Teile zerbrach

Armand Marchant hat den Anschluss an die erweiterte Spitze gefunden. Dank einer ungewöhnlichen Vorrichtung, die er unter der Hose trägt.

Armand Marchant, jubelnd im Ziel eines Weltcuprennens. Es war lange nicht vorstellbar.

Armand Marchant, jubelnd im Ziel eines Weltcuprennens. Es war lange nicht vorstellbar. Bild: Keystone

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Belgien. Höchster Berg: 694 Meter. Geöffnete Skigebiete: keine. Tradition im Skiweltcup: null.

Doch nun ist da Armand Marchant, 22, aus Lüttich, von Beruf Slalomfahrer. Fünfter Anfang Jahr in Zagreb mit Bestzeit im zweiten Lauf. Marchant ist der einzige professionelle Wintersportler Walloniens, und wenn er Videos zeigt von Landsleuten, wie diese in einer Skihalle mehr schlecht als recht die fast flache Piste runterrutschen, dann sagt er: «Es ist schon sonderbar, was aus mir geworden ist.»

Das linke Knie war zerfetzt, Meniskus, Kniescheibe, Bänder, nichts war mehr ganz.

Als Bub war Marchant mit den Eltern Wochenende für Wochenende in die Berge gefahren. In die Vogesen, in den Schwarzwald, auch nach Veysonnaz und Engelberg. Sein erstes Rennen war der Grand Prix Migros. Mit 14 bereits entschied er, Skifahrer zu werden. Im Bekanntenkreis verstand das keiner, und noch immer schütteln viele den Kopf, wenn Marchant erzählt, 200000 Franken pro Winter auftreiben zu müssen. Belgiens Verband stellt den Coach zur Verfügung, für die eigenen Kosten sowie jene des Physiotherapeuten muss der Athlet selbst aufkommen.

945 Tage ohne Rennen

Ein eigener Physiotherapeut mag ein Luxus sein für einen Fahrer aus einem Exotenland. Für Marchant aber stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit nicht. Weil kein Tag vergeht, an dem er keine Schmerzen spürt, er sich ständig behandeln lassen muss. Vor drei Jahren stürzte er in Adelboden brutal, das linke Knie war zerfetzt, Meniskus, Bänder, Kniescheibe, nichts war mehr ganz, der Schienbeinkopf brach in 13 Teile. Er fragte: «Kann ich wieder Rennen fahren?» Der Arzt antwortete: «Die Karriere ist vorbei.»

Nach der ersten Operation sah Marchants zusammengeflicktes Knie fürchterlich aus, ein Freund, der ihn in der Klinik besuchen kam, musste sich beim Anblick übergeben. Wegen diverser Komplikationen folgten innert anderthalb Jahren sechs weitere Eingriffe, er wurde schon zum Sportinvaliden abgestempelt. Marchant war Dauergast im Spital, er dachte ans Aufhören.

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Doch als er sich im Fernsehen die Rennen anschaute, schöpfte er neuen Mut und wollte zurück. Laufen konnte er nicht, so trainierte er wie ein Wilder auf dem Handfahrrad, sass auf einen Hocker und boxte gegen einen Sandsack, schwamm Kilometer um Kilometer. Und auch wenn das Knie noch heute alles andere als gesund aussieht, gab er letzten August sein Comeback. Bei einem drittklassigen Rennen in Neuseeland, nach 945 Tagen Pause.

Die Mediziner staunen, wie Marchant wieder durch den Stangenwald wedelt. Und der Belgier selbst ist überrascht, wie schnell er sich unter die besten 30 der Startliste gekämpft hat. In den Trainings kann er nicht mehr zehn, sondern nur noch vier oder fünf Läufe absolvieren.

Ein Exoskelett soll Marchant 33 Prozent mehr Kraft und Ausdauer zur Verfügung stellen.

Damit zumindest dies möglich ist, trägt er eine Art Schiene, ein Exoskelett. Darunter werden mechanische Strukturen verstanden, die das menschliche Skelett verdoppeln und ihm physische Fähigkeiten verleihen, die es nicht respektive nicht mehr hat. In Marchants Fall wird eine Vorrichtung ums Knie geschnallt und unten an den Skischuhen befestigt; seitlich angebrachte Stossdämpfer entlasten die Oberschenkelmuskulatur, der vertikale Druck auf die Kniegelenke wird reduziert.

Durchs Exoskelett sollen Marchant 33 Prozent mehr Kraft und Ausdauer zur Verfügung stehen. Anders formuliert: Ein 90 Kilo schwerer Fahrer glaubt, nur mit knapp 70 Kilo unterwegs zu sein. Abgenutzte Knieknorpel werden geschont, «ich werde weniger schnell müde, habe weniger Schmerzen», sagt Marchant.

Armand Marchant präsentiert seine Schiene. (Bild: Christian Pfander)

Wie bei einem E-Bike

«Ski-Mojo» heisst das Exoskelett, erhältlich ist es etwa in der Schweiz und Italien, Kaufpreis: 600 Franken. Der Effekt sei vergleichbar mit jenem eines E-Bikes, welches den Radfahrer beim Hinauffahren unterstütze, sagt Marchant. Weil es eine leistungsfördernde Wirkung hat, darf er es im Rennen nicht tragen – die Regelhüter des internationalen Skiverbandes FIS schauen ihm immer wieder unter die Skihosen. In den Trainings jedoch ist Marchant fast immer damit unterwegs; das Produkt ist leicht und innert einer Minute angezogen, mittlerweile wird er von der Herstellerfirma gesponsert. Das Exoskelett habe seine Karriere vielleicht nicht gerettet, aber es verlängere diese womöglich um einige Jahre. «Ich habe mehr Kraft, bin stabiler und stürze weniger. Einen weiteren Unfall könnte ich mir kaum leisten.»

Das wissen auch die Leute in Belgien, die aufmerksam geworden sind auf Marchant. Flamen und Wallonen interessieren sich für ihn, und wenngleich es zuletzt bei den Klassikern nicht mehr rundlief, melden sich immer häufiger Journalisten aus der Heimat. Einige reisten nach Kitzbühel, einer will bald wieder hin und einen Bericht über einen Selbstversuch auf der Streif schreiben. Fachkundig sei dieser nicht wirklich, sagt Marchant, und riet ihm denn auch ab. Aus gutem Grund: Der Reporter ist erst zweimal im Leben auf Ski gestanden.

Erstellt: 05.02.2020, 13:10 Uhr

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