Der Jubel der alten Männer

Simon Ammann und Noriaki Kasai wurden Dritte in Innsbruck. Gemeinsam haben sie 75 Jahre Erfahrung.

Zum dritten Mal standen sie gemeinsam auf dem Podest: Simon Ammann (33) und Noriaki Kasai (42). Foto: Aapo Laiho (Freshfocus)

Zum dritten Mal standen sie gemeinsam auf dem Podest: Simon Ammann (33) und Noriaki Kasai (42). Foto: Aapo Laiho (Freshfocus)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Simon Ammann hüpfte wie ein Gummibällchen auf und ab, dann drehte er sich um, rannte gleich wieder zurück in den Schanzenauslauf und fiel Noriaki Kasai um den Hals. Ammann hatte realisiert, dass er punktgleich mit dem Japaner auf dem Podest des Skispringens am Bergisel stand, am Ende wurden sie Dritte. Kasai hielt dem Ansturm tapfer stand. Und auch wenn es übertrieben ist, zu behaupten, Kasai könnte Ammanns Vater sein: Neun Jahre Altersunterschied sind im Spitzensport sehr viel, vor allem dann, wenn der Jüngere bereits 33 Jahre alt ist.

Es war einmal mehr ein Spektakel der besonderen Art, das den 22 500 Zuschauern im ausverkauften Stadion geboten worden war. Und mittendrin Ammann und Kasai, der sich nur kurz über den verpassten Sieg ärgerte. «Ich wollte ihn meiner verstorbenen Mutter widmen», sagte er, «sie hatte am 4. Januar Geburtstag». Nun werde er das halt am Dienstag in Bischofshofen nachholen.

Man muss sich das vorstellen: Als Ammann am 29. Dezember 1997 in Oberstdorf sein Weltcupdebüt gab, wurde ­Kasai Sechster, er war damals bereits sechsfacher Weltcupsieger und hatte eine olympische Silbermedaille daheim. Und jetzt, 17 Jahre später, stehen sie bereits zum dritten Mal gemeinsam auf dem Podest, in Ruka (Fi) gewannen sie sogar. «Noriaki ist ein Gentleman, er ist jedes Mal nach mir gesprungen und wusste genau, wo er landen musste, ­damit mir auch etwas bleibt», sagte ­Ammann lächelnd.

Ammann und das grosse Ganze

Dem Schweizer war der erste Sprung nicht optimal gelungen. «Simon war an dieser Schanze jedes Mal beim Absprung etwas zu früh», sagte Trainer Martin Künzle. Aber weil das Gesamt­gefühl positiv war, hatte er auch gestern nur kurz damit gehadert, sich auf den zweiten Durchgang vorbereitet, «und es ist nun auch ein grossartiges Gefühl, dass mein Angriff so gut geklappt hat», sagte er. Der Schweizer ist mit seiner offensiven Art ein Vorbild für viele Konkurrenten. Nicht zuletzt für Tourneeleader Stefan Kraft, der ihn aber auch wegen seiner ­offenen, sympathischen Art schätzt. Als sie gemeinsam in der Bahn zur Schanze hochfuhren, sagte der Österreicher, dass er schon als Kind davon geträumt hatte, einmal gegen Ammann zu springen. Als die Antwort «oh, dann bin ich doch schon so alt» folgte, habe er realisiert, dass das geplante Kompliment ein wenig «in die Hose» gegangen sei, erzählte Kraft lachend. «Mit Simon ist es immer lustig.»

Und der Schweizer hat tatsächlich wieder die reine Freude an seinem Tun. Mit leuchtenden Augen sprach er von der Spannung, vom «Spektakel ohne Ende», das er massgeblich mitgestalten konnte. Natürlich sei das Resultat wichtig und schön. «Aber mir ist es wichtiger, dass ich mich auf die technischen Elemente meiner Sprünge konzentrieren kann.» Nachdem der Gesamtsieg der Tournee kein Thema mehr ist, geht es ihm bereits ums grosse Ganze, um seine persönliche Weiterentwicklung, um die anstehenden Aufgaben. Zunächst also um Bischofshofen. Diese Schanze liegt dem Flieger Ammann mit ihrer Charakteristik eher als Innsbruck, wo die starken Abspringer im Vorteil sind. Er wird einen weiteren Versuch starten, endlich einmal in Österreich zu gewinnen. «Das Problem ist immer das dichte Programm in diesen Tagen», sagte Ammann. Eine Pause gibt es nicht, gestern Abend noch die zweieinhalbstündige Autofahrt nach St. Johann im Pongau, heute schon wieder Training und morgen Wettkampf.

Zufriedener Ausdruck

Doch wer gesehen hat, mit welch zufriedenem Ausdruck Ammann vor den Medien sass, der macht sich keine Sorgen, dass irgendwelche negativen Gedanken zu viel Raum einnehmen. Die Gelassenheit, die ihm beim ersten Sprung noch gefehlt habe, sollte durch den 3. Rang gefunden sein. Ein Vorbild für ihn könnte Kasai sein. Auf die Frage, warum er diesen Winter derart stark springe, sagte er ganz gelassen: «Ich weiss es nicht.»

Erstellt: 04.01.2015, 21:50 Uhr

Rekordjagd am Bergisel

Richard Freitag (De) gewann in Innsbruck, Stefan Kraft (Ö) setzte sich als Zweiter in der Tourneewertung deutlich ab.

Der befürchtete Sturm blieb aus. Für den ganz grossen Wirbel sorgten deshalb die Athleten am Bergisel. Und welch ein Orkan der Emotionen da über die Springer und ihre Fans hereinbrach! Erst landete Stefan Kraft im ersten Durchgang bei 137 m und verbesserte damit den Schanzenrekord von Sven Hannawald (De) aus dem Jahr 2002 um 2,5 m. Im Final machte es Krafts österreichischer Landsmann Michael Hayböck dann noch besser, was die Weite betraf: Hayböck landete bei 138 m, allerdings griff er mit seiner linken Hand kurz in den Schnee, wurde deshalb nur Sechster, während Kraft zuvor erstaunlich sicher einen ­Telemark gesetzt hatte.

Hayböck ist nun Schanzenrekord­halter, aber mit seinem Missgriff vergab er nicht nur die Chance auf den Tagessieg, weil Kraft im zweiten Durchgang bereits bei 127 m landete. Hayböck liegt nun auch in der Gesamtwertung 23,1 Punkte oder knapp 13 m hinter dem Teamkollegen. Wegen eines missratenen ersten Flugs rutschte der Slowene Peter Prevc in der Tourneewertung vom 2. auf den 3. Rang ab – auf den Leader fehlen ihm 29,4 Punkte (16 m).

Das lange Warten der Deutschen

Es spricht sehr viel dafür, dass das ÖSV-Team zum siebten Mal in Folge die Tournee gewinnt, nachdem es den Traditionsevent davor achtmal anderen Nationen hatte überlassen müssen. Kraft jedenfalls freut sich auf seine Heimschanze in ­Bischofshofen, er ist fünf Minuten davon entfernt aufgewachsen. «Viele Athleten haben Probleme mit dem langen, flachen Anlauf, aber mir liegt das», sagte er.

Trotz der Nähe zum Elternhaus wird er beim Team bleiben und nicht zu Hause übernachten. «Ich kann doch jetzt den Michi nicht allein lassen», sagte Kraft ­lachend über seinen Zimmergenossen Hayböck. Denn der hatte ihm schon gestern angedroht, «dass er mich bis zum Ende plagen wird», erzählte Kraft. Aber wie wird es mit der Nervosität sein auf der Heimschanze, vor der Familie und den Kumpels? «Die ist gut, die brauche ich, das habe ich zuletzt in Innsbruck gemerkt, denn da war ich schon auch ein bisschen nervöser als sonst.»

Der Sieg beim ersten Springen in ­Österreich ging nach Deutschland. Es war der erste deutsche Tagessieg an der Tournee seit Dezember 2002, als Hannawald in Oberstdorf gewann. «Das Historische ist nicht so mein Ding», sagte Freitag, «ich bin einfach unglaublich glücklich, dass ich ausgerechnet in diesem ­genialen Kessel, vor dieser begeisterten Menge gewinnen konnte.» Den Vergleich mit Hannawald lehnte der 23-jährige Sachse freundlich, aber bestimmt ab: Diese Fussstapfen seien eindeutig noch zu gross für ihn, «da muss ich mir noch etliche Paar dicke Socken an­ziehen», sagte er. (can)

Artikel zum Thema

Ammann auf dem Podest – mit einem 42-Jährigen

Simon Ammann landet im 3. Springen der Vierschanzentournee in Innsbruck auf Rang 3. Es siegt der Deutsche Richard Freitag. Mehr...

Harter Brocken für Simon Ammann

Simon Ammann bekommt es im dritten Springen der Vierschanzentournee in Innsbruck im K.o.-Duell mit dem Leader Stefan Kraft zu tun, der in der Qualifikation Zweiter wird. Mehr...

«Ich habe keinen Druck mehr»

Simon Ammann belegt beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen den ausgezeichneten zweiten Platz. Einzig der Norweger Anders Jacobsen fliegt um eine Klasse besser. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Blogs

Sweet Home So geht Gastfreundschaft

Geldblog Vifor bleibt eine Wachstumsgeschichte

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...