«Der Plan ist bislang aufgegangen»

Dem Schweizer Abfahrtschef Sepp Brunner wäre ein Sieg in Kitzbühel lieber als ein Spitzen-Teamresultat wie am Lauberhorn.

«Die Stimmung im Team ist wieder sehr gut», sagt Abfahrtschef Sepp Brunner. Foto: Mario Kneisl (Gepa)

«Die Stimmung im Team ist wieder sehr gut», sagt Abfahrtschef Sepp Brunner. Foto: Mario Kneisl (Gepa)

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Haben Sie die Rangliste von Wengen eingerahmt und daheim aufgehängt?
Das hätte ich getan, wäre nicht Hannes Reichelt noch ganz vorne hingefahren.

Wie sehr hat Sie das Resultat überrascht?
Schnell waren wir immer, und ohne den einen oder anderen Fehler wäre schon zuvor mehr möglich gewesen. Dass aber gleich die ganze Gruppe so stark fuhr … Vielleicht entstand nach den guten Fahrten der ersten Schweizer eine Dynamik.

Wengen erhöht die Erwartungen für die Streif-Abfahrt am Samstag.
Das ist ein ganz anderes Rennen. Der eine oder andere von uns kann sicher vorne mitfahren, aber ich würde nicht davon ausgehen, dass wir das Ergebnis von Wengen wiederholen werden.

Woher kommt der Aufschwung, das Sommertraining in Übersee etwa litt stark unter schlechtem Wetter?
Wir hatten viele gute Trainingstage auf dem Gletscher in Zermatt und Saas Fee, dort konnten wir intensiv an einzelnen Speed-Elementen arbeiten. Zudem ist die Stimmung im Team wieder sehr gut.

Welche Elemente standen im Mittelpunkt?
Gleitkurven und Sprünge. Wir wussten, dass mit Hannes Trinkl, dem neuen Speed-Chef bei der FIS, bestimmte Veränderungen zu erwarten waren. Ich hatte ihn bei ihm daheim schon getroffen, ­zusätzlich hat er das Team in Zermatt besucht und gesagt, dass das Tempo höher wird und damit auch die Sprünge weiter gehen. Obwohl es irrsinnig schwierig ist, einen guten Sprung zu bauen, gab es bei uns praktisch keine Trainingsfahrt in Abfahrt oder Super-G ohne Sprung.

Sie sagen, die Stimmung ist wieder gut. Mitten letzter Saison wurde Abfahrtschef Walter Hubmann entlassen, Ende Saison ging Cheftrainer Walter Hlebayna. Wie trafen Sie die Mannschaft im Frühjahr an?
In einer ausgesprochen guten Verfassung. Alle waren sehr motiviert, und ausser mir als Neuem haben wir das ­Betreuerteam praktisch unverändert beibehalten.

Sie kennen Beat Feuz und Carlo Janka sehr gut. Wo stehen sie nach ihren Verletzungsgeschichten?
Carlo wird die Ursachen für seine Herzprobleme vielleicht nie wirklich kennen. Diese Ungewissheit ist für einen Spitzensportler brutal beunruhigend. Seine Ruhe, mit dieser Situation so umzugehen, war beeindruckend, das hätten nicht viele geschafft. Umso schöner zu sehen, wo er jetzt wieder steht, wie er immer besser mit dem neuen Material klarkommt.

Wird Feuz seine Knieprobleme jemals völlig überwinden?
Nein, er wird immer dosiert arbeiten müssen. Aber der Plan, ihn schrittweise aufzubauen, ist bislang aufgegangen. Er ist einer, der auch mit weniger Schneetraining schnell wieder ganz vorne mitfahren kann. Beat hat halt seinen ­Instinkt auf den Ski – den kann man nicht schulen.

Bei Patrick Küng bleibt das Gefühl, der letzte Schritt ganz nach oben wolle ihm nicht gelingen.
Diesen Eindruck teile ich nicht. Er ist im Training extrem gut gefahren, auch im internationalen Vergleich. Aber es ist immer schwierig, eine starke Saison zu bestätigen. Dann kamen die Ausfälle bei den Rennen in Beaver Creek, so etwas verunsichert jeden Fahrer. Deshalb rechne ich ihm den 4. Rang in Wengen extrem hoch an.

In Kitzbühel gibt es diesmal Neuerungen bei der Kurssetzung, vor allem der wieder aufgebaute Zielsprung gab zu reden. Sie selbst haben dazu kritische Fragen gestellt. Wie bewerten Sie den Sprung nach den ersten Trainingseindrücken?
Es ging gut, aber das Tempo war auch nicht sehr hoch. Er geht sicher weiter im Rennen, aber es sollte kein Problem sein, wenn der Fahrer gut vorbereitet ist und ihm kein Fehler unterläuft. Allerdings haben die kanadischen Trainer und wir Hannes Trinkl nach der ersten Besichtigung gebeten, den Sprung zu entschärfen.

10 bis 15 Zentimeter wurden schliesslich abgetragen.
Ja, und das macht viel aus. Grundsätzlich war es in der Vergangenheit so, dass wir mit dem Zielsprung immer Probleme hatten, was aber auch daran lag, dass er jedes Jahr geändert wurde. Es gab stets einen Unfall, und dann wurde er wieder anders gebaut. Diesmal wurde alles genau vermessen, bis hin zur Schneemenge in der Kompression nach dem Sprung. Es ist das Ziel von Trinkl, den Sprung nun jedes Jahr zumindest annähernd gleich zu bauen. Dann kann man sich viel besser darauf einstellen.

Sind Sie bei diesem Zielsprung besonders sensibel, weil Sie genau dort Daniel Albrecht als Skifahrer verloren haben?
Noch dazu einen, der uns über die Jahre sehr viel Freude bereitet hätte … Wir wussten damals, dass der Sprung weit gehen würde, wir informierten die Fahrer. Dani machte nur einen minimalen Fehler, das hat schon gereicht. Und es ist auch jetzt wieder klar: Du darfst da nicht in Rücklage geraten. Sobald du Unterluft bekommst, fliegst du. Ein unerfahrener Athlet sollte nicht alles riskieren.

Wenn Sie für Samstag wählen ­könnten: lieber ein Schweizer Sieger vor zwei Österreichern oder wieder die Ränge 2, 3 und 4?
Ein Sieg ist immer mehr wert als ein noch so gutes Teamresultat.

Erstellt: 21.01.2015, 21:37 Uhr

Sepp Brunner: Der Allrounder

Der 55-jährige Österreicher aus der Steiermark ist einer der erfahrensten Trainer im Skizirkus. Seit acht Jahren ist er als Coach bei Swiss-Ski tätig. Zuvor arbeitete er sieben Jahre als Individualcoach von Sonja Nef, die in dieser Zeit zur weltbesten Riesenslalom-Fahrerin und Weltmeisterin 2001 wurde. Beim Verband baute er die erfolgreiche Kombigruppe mit den Allroundern Daniel Albrecht, Marc Berthod, Carlo Janka und Beat Feuz auf. Im vergangenen Jahr arbeitete er als Individualcoach mit Feuz an dessen Comeback nach einer komplizierten Knieverletzung. Seit März 2014 ist Sepp Brunner Speed-Chef des Schweizer Männerteams. (can)

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